i5ani>bücf)em für bett 2)euffcf)ett Hnferrtc^t
ßerausgegeben non Sran 3 6aran
o. 5. ‘JJrofeffor an 5er Unioerfität (Erlangen
1. Peibe ©eutfd)hunbe Panb1
Seuffdje ßelbengebidjfe 5es SHiftelalfers:
ßtlbebranbslieb, SBaltyarius,
Qtolanbölieb, £önig &ofl)er,
i
äerjog (Srnff
4
9
$on
Prof. Dr. grans Saran
äalle (Saale) :: Perlag non QKaj Piemeper :: 1922
LIBRARY
Digitized by
TTNTVF.RSrTY
Google
OF caltfornta,.
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
Weinen Söhnen
%
gerotbmet
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
5)euffd)e £eU>engebicf)fe bes SHiffelalfers.
Sieben altbeutfd^c ^elbengebidjte wiß id) ^ier int
3ufammenhang behanbeln: £>ilbebranbSlieb, Waltharius
manu fortis, fftolanbSlieb, Sönig fftother, §ergog ©rnft,
9iibelungenlieb, Subrun. SaS ältefte ftammt aus ber
3eit SarlS beS ©rofcen, aus bcrn Jahrgehnt, baS ber
Segrünbung beS abenblänbifchen SaifertumS borauSging.
SaS jüngfte ift gegen bie äRitte beS breigehnten Jahr*
hunbertS »erfaßt; es fällt in bie $eit, in ber jenes
Saifertum bahinfani @o begleiten biefe Sichtungen bie
©ntwicflung ber alten beutfchen Saiferherrlichfeit: ihren
Stufftieg, i$re £öhe unb ihren SRiebergang.
ÜRan wirb fragen: SßaS foßen uns mobernen ÜRenfchen
biefe alten ©ebicfjte? 333aS foßen fie unferer Jugenb?
©inb tt)ir nicht über bie Sttnfchauungen unb ©trebungen
beS äRittelalterS weit hinauf? Sonnen jene alten gelben*
bichtungen für uns etwas anbereS fein als ehrwürbige
Altertümer, bie wir in SRujjeftunben gern betrachten?
2BaS h«t eS'für einen ©inn, fich ernfthaft unb länger
mit ihnen gu befchäf tigen ?
Sluf biefe fjrage Qibt eS berfchiebene Antworten. ®in
Schüler Berbers würbe fagen: Siefe Sichtungen finb
Senfmäler aus bem Jünglingsalter beS Seutfchen SolfeS
unb gugleich Slätter aus bem großen Suche ber ©e*
fdjichte beS SRenfchengefchtechtS. Sie geben wertooßen
Stoff gu einer ^ß^Üofop^ie ber ©ef#ichte ber SDtenfchheit.
©ie geigen fie auf bem Söege gur Humanität, einem Aiele,
an beffen (Erreichung jeber mitguarbeiten l)at. — Ittber
bon biefer ©eite wirb ^cute niemanb mehr unfere alten
t elbenepen fehen woßen. ©erabe jefct nicht, too wir, am
iefpunft 4tnferer gangen ©efdjtchte ftehenb, um unfer
l
Digitized by
Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
2
®afein als 93oIf ringen. SDenn mit erfd^redEenber ®eut*
lic^feit tritt es immer unb immer mieber ^ernor, wie
tief bie ©ewohnheit ber tlaffifchen $t\t tn ber ®wfe
beS ®eutfchen SBurjel gef plagen ^at, bie ©emofjnheit,
ba$ eigene SSolf nur im ijufammenhang ber 2Renjcf)t)eit
ju betrachten, fich um bte Söienfc^^eit ju forgen unb
barüber be$ eigenen Solls unb feiner nationalen 93e^
bürfniffe $u oergeffen. Sebenfen hoch bie, welche jene
golbene ßeit ®eutfchen ®ichtenS unb ®entenS mit tyxm*
lieber ©ehnfucht preifen: fie mar bie Sehrfeite unfäg*
liehen politischen ©lenbS! ®eutfcf)lanb in ^unberte
felbftänbiger gürftentümer unb ©tabtftaaten $erfplittert,
ohne gemeinsame nationale .Riclc, ohne Sraft, ohne
Sichtung in ber SBelt — bie $eit beS fterbenben alten
SteicheS. 3n biefer traurigen politischen ©nge litt eS bie
arofjen ©eifter beS achtzehnten 3ahrhunbertg nicht: fie
Schweiften aus in baS ungeheure SReich ber SRenfchheit,
fie erfüllten fich mit bem ©efühl feiner ©röfje unb
fugten barin bie Sefriebigung, bie ihnen bie Reinen
Saterlünber nicht geben tonnten.
9lnberS mürbe ein 3ünger ber SRomantit unfere
grage beantworten.
2)aS heilige römifche SReich ®eutfcher Station mar 1803
jufammengefunten; 1806 legte Saifer gfranj bie ®eutf<he
Srone nieber. 2BaS Sollte nun aus ®eut{chlanb merben?
®a menbete fich ber Süd tmterlanbSliebenber SDtänner
jurüd ju ber ©lanjjeit beS alten SReicheS: bie Äaifer^
geit beS SDtittelalterS erftrahlte in fchönftem Sichte, fie
mürbe baS SBunfchbilb ber ©ehnfucht unb Sarbaroffa
baS ©prnbol beS erjehnten SaiferS ber 3 u ^ un fl- 3»e
ftärter baS Verlangen nach nationaler ©htigung mürbe,
um fo mehr hüngte fich btö © er i oit Me Sergangenheit:
in ihr lebte man, au§ ihr Schöpfte man bie Hoffnung
einer tommenben befferen 3^it. 3n jenen lagen erwuchs
unfere ®eutfchwiffenSchaft: Safob ©rimm unb Submig
Uhlanb finb ihre Segrünber. 3Rit ihrer fttit flauten
auch ft? rüdwärtS. ©päter oerSchloffen gelehrter
©igenfinn unb ®üntel bie Slugen faft abfichtlich
oor bem geiftigen Seben ber ©egenmart unb feinen
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
3
gorberungen. SBilljelttt L, ViSmarcf unb üJioItfc grünbeten
baS neue, nun auch bahingefchmunbene, 3)eutf<he Äaif erreich;
aber anberS, als eS bte Sftomantifer backten, frei Don jeber
Velaftung burcfjS ÜDtittelalter. 9lun Derblafcten bie roman®
tilgen Silber Don SeutfchlanbS Vergangenheit, eS fchmanb
ber Sauber, ber bie alten Sieber ummob. S^re Vejiehung
jum politischen Seben ber 3^1 lüfte fich, fie blieben nur
ber Summelplafc für bie Ä'ünfte beS Philologen. — @S
förbert nicht, jene üergaiigenheitsfelige Stimmung ju er**
neuern, ©egenmart unb 3 u f un ft forbern unfere Kraft:
es ift feine 3eit, Verfloffenem fehnfuchtsooll nachjuhängen.
äber haben bamit jene alten ©ebichte, bie einft unfere
Väter begeifterten unb ihre ©efynfudjt nach beS SReidjeS
S errlichfeit nährten, feine Vebeutung mehr für uns?
ie haben fie mofjl, aber man mu§ fte in neuem ©eifte
Derftehen.
S)urchmanbern mir mit Kenntnis unb VerftänbniS
altberühmte Stätten 2)eutfcher Vergangenheit, bann legt
fich baS, maS mir bort nebeneinanber flauen, in eine
lange ©ntmicflung auSeinanber. Vergangenheit unb
©egenmart fdjliefcen fich in rin* jufammen. S33ir füllen
uns umfaßt unb getragen üon einem reifen gefcbichtltchen
Seben. 2)aS SebenSgefüf)l Dieter ©pochen umflutet unb
burchbringt uns, ihr SDenfen bereichert unfern ©eift; mir
fchmeben nicht mehr in ber Suft. Unfer 2)afein fchlägt
SBurjeln in ber Vergangenheit unfereS VolfeS, eS mirb
bobenftänbig; eS fühlt bie ©egenmarf überall bebingt,
bnrchfefct mit bem Sitten. SEBir befommen ein tiefes unb
reichet £>eimatS® unb VolfSgefüf)!, Don bem berjenige
menig ahnt, ber gebantenloS burch Stabt unb Sanb
trabt, nur feinem Seruf ober ben Vergnügungen beS
lageS lebenb.
Unb bie alte Dichtung? Such fie bient ba^u, bie
3Renfchen ber ©egenmart mit ber Vergangenheit ju Der**
binben unb fo jenes VotfS** unb ^eimatSgefühl ju er®
metfen. 2)ieS aber tut uns bitter not. ®enn in er®
fchredenbem SRafee h^t ber SBeltfrieg offenbart, mie fehr
ber Seutfche bem ^uSlanb h^lbigt, mie international,
mie unbeutfeh meite Schichten unfereS Voltes benfen.
a.
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
4
Sag aber lähmt unfere politifche Äraft. Senn ^ßolitif
ift bie ®unft, bie Sebengnotwenbigf eiten ber Station
nach innen unb nach auften mac^toott burchiufefcen. Sie
fann nur geheimen auf bent Soben eineg ftarten oölfifchen
unb nationalen ©elbftgefühlg.
©o wäre eg alfo hoch nur bie ©timmung alter
Seiten, bie jenen ©ebichten in ben Slugen beg mobernen
ifitenfehen ihren Sßert gibt? 3ch antworte: Stein.
3ene 2Ber!e gehören atterbingg bem SDtittelalter an, aber
fie finb jugleicf) gegenwärtig. 2Ber [ich in fie oerfenft,
wer burdb ben Stoff hiuburd) in ihre Seele bringt, ben
erfaffen fie immer [tarier unb erfdjüttern fein ©emüt.
Senn fie behanbeln im ©ernanbe ihrer ßeit Probleme,
bie für unfer Seutfdjeg Soll ewige Sebeutung ^aben,
Probleme, mit benen wir gerabe jefct wieber fdjwer
ringen: Steligion, ©taatggefinnung, $erfönlichteitgibeal.
Sie löfen fie aug fernhaft Seutfdjem ©eifte heraug, aug
einem ©eifte beg ©rnfteg unb ber ®raft, ber bie ©eete
ergreift unb erbebt. Siefe alten £elbengebid)te finb
Spiegel wahrhaft Seutfdjen SBefeng: man erfdjaut eg
in i^nen wunberbar beutlidj, man fühlt eg hinüber**
ftrömen in bie eigene ©eele. ©o werben bie SBerfe
ber 2If)nen Quellen ber ©elbftbefinnung unb ©tärfung
für bie Sta^fa^ren. ©ie mögen ben Seutfcfyen burd}
ben Schwall frember ©ebanfen, Strebungen unb ©tim*
mungen, ber ihn wieber einmal bebrohlid) umtobt, auf
ben 2Beg leiten, ben ju wanbeln ihm einzig frommt:
ben ÜEBeg eigenen Solfgtumg unb eigener Stationa*
lität. Sarum eben foH [ich auch bk Sugenb mit ihnen
befchäftigen.
Sieg Semühen, jur ©tärfung beg ©taatg*, 33olfg* unb
£eimatggefühl$ unb $um Stüagang auf Seutfche Slrt
beijutragen, führt ^urüä ju ben Srübern ©rimm. ?ftn ihre
ärbeit mu& wieber angefnüpft werben, ihre Arbeit, non
ber bag einfeitiq gelehrte Streben üieler Suhrjehnte ab*
gelenft hat 333ag fie in ber ©inteitung ju ben Seutfdjen
Sagen oon 1816 fchreiben, gilt noch heute unb heute
mehr alg je: „2Bir empfehlen unfer Such ben Sieb*
habem Seutfdher $oefie, ©efchid^te unb ©pra^e, unb
\
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
5
hoffen, eg merbe ihnen allen, fd)on alg lautere $eutfcbe
Soft, ttnUfommen fein, im feften ©lauben, bafc nichts
mehr auferbaue unb größere greube bei ficb t)abe alg
bag Saterlänbifdje. 3a eine bebeutunggtog ficb anlaffenbe
©ntbecfung unb Semüfjung in unferer einbeimifcben
SBiffenfcbaft fann leicht am @nbe mehr grucbt bringen,
alg bie blenbenbfte ©efanntmerbung unb Snbauung beg
gremben, meil alleg ©ingebracbte zugleich auch hoch etmag
Unficbereg anficb trägt, ficb gern oerfteigt unb nicht fo
marm ju umfaffen ift."
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
0as Äilbebranöslieb.
2lm Slnfang bcr SReihe Seutfdjer $elbengebichte, ja
am Anfang bcr SReihe Seutfcher Sichtungen überhaupt
[teht baS ^nlbebranbSlieb, 1 ) ein merfmürbigeS ®e*
Dicht, merftoürbig burch bie Strt feiner Überlieferung
unb gorm, merftoürbig vielleicht noch burch feinen
©ebanf engehalt. ©S enthält Süden, ber Schluß fehlt,
ba$ ©rhaltene macht ber gorfdjung bie größten Schmierig*
feiten: Sprache, 33er8funft, Sinn im einjelnen unb im
gangen ift ftarf umftritten. äber trofcbem jieht baS
iBruchftüd ben Sefer immer unb immer toieber an. SRan
vertieft fich gern in bie fraftDotle, touchtige SarfteHung
Don ber Begegnung unb bem Kampfe $tlbebranbS mit
feinem Sohne. Salb treten bie ©eftalten ber beiben
Sieden Dotter unb fchärfer umriffen Dor ba3 innere Sluge
unb fchliefelich fchaut bem Sefer aus bem ©ebicht ba$
emfte, fchmergenSootle Slntlifc be3 SichterS entgegen, ber
fich mit einem Problem abquält, baS fchon feit 3ahr*
taufenben bie 3Jtenfchhrit befchäftigt, baS Problem „®ott
unb ber leibenbe ÜRenfd}".
3lber eg ift nicht leicht, ben ©ebanfen beS ©ilbebranbS**
liebes ju erfaffen. Senn beS Sichters $unft ift ftreng
realiftifch- Sie fehrt nicht baS Snnere ber gelben nach
aufjen, fie läf$t fie nicht in langen Selbftgefprächen Der*'
raten, toaS ihre Seelen betoegt. 3lur feiten äufeern
$itbebranb unb ^abubranb ihre ©ebanfen ober ©efühle
unmittelbar. Ser Sichter fteljt Dielmehr feinen gelben
toie ein fchärfer ^Beobachter gegenüber. @r fieht, toaS
*) gr. Äluge, §ilbebranb8lteb, SubroigSlieb unb Stterfe*
bürget Sauberfprficbe, h r ^9-f überf. u. erläutert, ßeipgig, OueUe
ASJcetjer 1919.
Digitized by Goo
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
7
fie tun, er hört toaS fic fpredjen. SRur fooiel erjagt er,
ade« anbere mu| man erraten ober erfdjliefcen. Äber
freilich bat er, ein SReifter ber ftabreimenben Äunft,
burch oiele 2Rittet ber Sarftettung bafür geborgt, baff
ber aufmerffame Sporer nicht im Untieren bleibt.
SBir hören:
3n einem Königreich, baS öftlich oorn SReere befpütt
toirb unb auch ju Sanbe an bie benachbarten ©ebiete
anftöfft, lebt Sietrich. Ser König biejeS 8teich$ toirb
nicht genannt. Sietrich lebt toie ein $erjog ober 9Rarf=
graf im SReidje Karts beS ©roffen: um ihn finb jahl*
reiche Sornehme als feine ©efolgSleute, ihm bureb Sreueib
$u fiofbienft unb öeereSfolge oerbunben.
Unter biefen SRännern ftebt obenan ^ilbebranb,
$eribranbS Sohn, ber £elb beS ©ebicffteS. ®r ift ein
unoergleicbticher Krieger, ein ftarfer Kämpfer, in fjelb*
fchladjt unb in Selagerung gleich erfahren, barum mit
berühmt. Ser Kampf ift feine Seibenfdjaft, fein Seben.
Sabei ift er feinem §erm treu ergeben: im Siebe heifft
er „SietrichS toertefter 2Rann M . ®r fcheint ber Srudffeff
beS ©efotgeS ju.fein.
Sa tommt Sertoirrung ins Sfteid). ©in ränfeootler
Sertoanbter beS Königs, Dtader, arbeitet am fpofe gegen
Sietrid) unb bie Seinen, er oerfolgt fie mit feinem ßaff.
Gnblid) hat er ©rfolg: Sietrich toirb geächtet unb offen*
bar mit §eereSmacht oon feinem ©egner aus bem Sanbe
getrieben. Sie groffe Schar ber Scannen hält ihrem
§errn bie Sreue unb folgt ihm in bie Serbannung,
felbftoerftänblidh auch ^ilbebranb.
Ser |)etb ift erft fur^e $eit oerheiratet: er hat nur
einen, noch ganj fleinen Sohn, als er aus bem Sanbe
muff unb mit feinem $errn über bie ©renje reitet, fort
nach bem fchlimmen Dften, ju ben ©ebieten, too Sölfer
toohnen, bie ber Seutfche oerachtet. Slber ^ilbebranb
fchtoanft feinen Slugenblid jtoifchen ber Siebe ju ben
Seinen unb ber Sreue gegen ben £errn, bie bie feubale
Sthif oon bem Safallen forberte: er folgt Sietrich, ber
feiner fehr bringen!) beburfte, in bie Serbannung, ben
Schmer^ um ben Serluft ber Seinen — gamilie, Sippe
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
8
unb greunbe — in bcr Sruft öerfc^liefjenb. @r ift ba=*
matS gegen 30 Sabre alt.
Von Sietriefy erfahren mir nidjtS weiter. Ser Sichter
fennt bie Sagen, bie fid) an biefen berühmten gelben
unb fein tapferes ©efolge fttüpfen, er fefct biefe ÄenntniS
auch bei feinen 3ut)örern voraus , aber im ©ebidjt
fümmert er fid) nur um §ilbebranb. 911S oerbannter
9tede aieljt biefer mit feinem £errn non Sanb ju Sanb,
fid) an Kriegen beteiligenb. 99ton nimmt ben berühmten
IJJiann gern auf: immer [teilt man iljn an bie gefäbr*
lidjfte unb entfajeibenbe ©teile. Slber baS ©lüd ift ifym
fyolb, ber Sob meibet i^n. ©ein 9Ruf)m breitet fid) auS:
überS 9Keer nach ber £eitnat bringt burd) ©eefafjter bie
Sunbe non feinen Kämpfen, aHerbingS jugleic^ bie falfdje
9ßacfyrid)t non feinem Sobe.
©djliefelid) tommt §ilbebranb — gemife mit Sietrid),
non bem aber ber Sichter fdjmeigt — an ben |>of beS
^mnnenfönigS. 3e|t menbet fid) baS ©efdjid beS Ver^
bannten enbgültig: bort bleibt er als Stede, ber Sönig
nimmt ifjn in fein ©efolge auf, eljrt ifyn, befcfyenft ifjn
reid), riiftet ifjn aus. Ser £eib fjat bei iljm eine l)od)*
geartete Stellung.
Stie Ijat ^ilbebranb bie $eimat unb bie ©einen ner*
geffen. @r nerliert feine SBorte barüber, aber baS ©e*
bid)t jeigt überall, mie tief unb unoermüftlid) in feinem
Snnern bie Siebe ju feinem Sanbe unb ju ben ftuxM*
gelaffenen, ju SEBeib unb Äinb, murjelt, toie bie lange
©ntfernung biefe Siebe nur nerftärft unb als ©e^nfuc^t
bemafjrt f)at. Senn breifeig Safyre lebt ^ilbebranb im
SluSlanb: als alter SJlann, etwa als ©edföiger fteljt er
im ©ebidjte oor uns.
Ser Sßunfdj beS $erjenS toirb if)m erfüllt: ber gütige
$unnenfi3nig fteHt Sietriefe ein £eer $ur Verfügung, eS-
foß bie Verbannten gnrüdbrinaen. ^ilbebranb ift ber
gegebene 2lnfü^rer beSfelben. S&iit biefem ^eere Riefet er
meftmärtS unb ftefet halb an ber ©renje ber alten §eimat.
So ^at i^n ©ott boefy gerecht unb gnäbig geführt.
3tt>ar fdfeien eS anfangs niefet fo. ©erabe bie Sreue,
bie ebelfte Sugenb beS gelben, featte ^ilbebranb alles
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
©lücfeS beraubt, £>au£ unb Sfteunbe unb ©ippe r
SEBeib unb baS eütjige fitnb hötte er als junger SDtann
oerlaffen unb bem |>aß beS ©egnerS preisgeben müffen.
Eben biefe Ireue hötte ben ©eädjteten bem Slenb ber
SSerbannung überliefert. Slber bann liatte ©ott bod)
ben SRecfen gütig geleitet, ben lob non ihm ferngeholten,
ihn ju bem freunblicfjen £unnenfönig geführt unb fdjließlich
burd) beffen $ulb an bie ©renje ber Heimat gebracht.
9tun fteht ber fechjigjöhrige ©reiö bort, non mo er als
Sreißigjährker geflogen mar: bamals als SSerbannter,
ber Uebermacht meichenb, jept an ber ©pi|e eines £eereS,
ben ©egner bebrofjenb. SBeldje SBenbung! Offenbar bie
gerechte Selot)nung feiner Irene, feiner fyelbijcfyen lapfcr*
feit. ®er ©ott. ben ihn bie Sirdje gelehrt hot, bie firch*
liehe SebenSanfajauung, bie feubale @tt)if bemalten fiep.
ES ift nicht bie Slrt ber alten gelben über ©ott unb
lugenb ju oernünfteln; auch ^tlöebranb hot eS nicht
getan, nur gefühlsmäßig merben begleichen ©ebanfen
in feiner ©eele gelegen baben. Slber ber lichter hot fte
in bie Äette ber Ereigniffe, bie er erjählt, ^ineingelegt.
Das bemeift baS ©ebid)t beutlid). SBir höben bie 3Iuf=
gäbe, bie Slbfichten beS ®id)terS ju erfennen.
®er Sllte fteht an ber ©renje ber $eimat. SSie
mag eS in feinem Sanbe auSjehen? S33aS ift mit ben
©einen, mit all benen, bie er fannte, gemorben? —
biefe fragen betoeqen feine Seele.
^ilbebranbS SEÖeib unb Meiner ©oßn höben bantalS,
oor breifeig fahren, in ber $eimat, t im feaufe jurücf*
bleiben müffen. ®ie S°^9 en bet Achtung beS SUaterS
haben fie ferner getroffen. ®ie grau hat ihr perfön*
licheS Eigentum öerloren, bem Meinen ©ohne höt man
fein Erbe genommen. ®ie Söiutter ftirbt moht fefm &olb
nach liefern Unglücf, ber Äitabe — ^abubranb
er — bleibt am Seben: er roächft als SBaife auf. SBo
unb mie, erfahren mir nicht. 9lur baS fagt ber Sichter,
baß ibm alte fieute beS fianbeS, SolfSgenoffen, fpäter
üom Sater erzählten. Stuf ihr beftimmteS 3 eu j9 n ^ ftüftt*
$abubranb feine ©emißheit, beS berühmten §ilbebranbS
©ohn ju fein.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
10
Ser Knabe reift heran, ohne bom SSater — bielleicht
auch ber SDtutter — aus eigener Erinnerung ettoaS ju
toiffen. Er roädjft bei fremben Seuten auf: fo finbet
baS erfte unb natürliche menfdjliche ©efühl, Siebe ju
Eltern unb ©ejclpiftern, feine Anregung. 216er eS ent*
nudelt fidj fräftig bie angeborne ^elbif^e Slnlage. 3n
bem Knaben unb Jüngling feimt unb entfaltet fidj bie
Suft am KriegShanbmerf, bie Segierbe nad) §elbentat
unb Stuhrn. Er tt>irb ein ftarfer £elb roie ber SSater.
Er ^at biefen nie gefannt, aber jene alten Seute, bie
$ilbebranb noch gefehen Ijaben, erzählen ihm biet bon
ihm. ©ie malen bem Jüngling natürlich bog glänjenbe
93ilb bor baS innere 5luge, baS fie felbft bon bem ber*
bannten gelben höben: fie fchilbern ben |jilbebranb,
ber als junger 9Kann fraftbod unb tynlid) baftanb,
ber treu feinem |>errn, bod $af$ gegen ben SBiberfadjer,
^peimat unb,gamilie berliefc, ber immer an- ber ©pifce
ber Kriegerfcpar ftanb, ber ben Kampf leibenfchaftlich
liebte, ben alle gelben fannten.
SieS 23ilb ftet)t bem Sungen in ber Seele: eS toirb
baS 3beal, nach bem er fwh bilbet, aber auch ber ®tunb
bauernber Sehnfucht. Senn ber SSater ift toeg unb läfjt
nichts bon fid) hören: er toirb alfo tooljt tot fein, ©ee*
fahrer höben überbieS toeftmärts überS SDteer bie be*
ftimmte Nachricht gebracht ^ilbebranb, fei im Kampf ge*
faden. 2lber fidjer ift baS hoch nicht, diodj immer ift bie
SRöglidjfeit borljanben, bafc ber öater lebe, noch immer
hält Hoffnung bie Seele beS 3ünglingS in Spannung.
^abubranb toächft jum SRanne heran. Sie poütt*
fdjen ®erhältniffe im Königreich toerben bem ©ohne
t ilbebranbS günftig. Ser SBiberfacher ftirbt, ber junge
tann erhält fein Erbe $urüd. ©eine ^elbenfraft er*
regt Sluffehen, er tritt bermutlich in ben Sienft beS
Königs. ^ebenfadS, als bie dladjricht fommt, ein hunni*
fcheS $eer nähere fich ber Dftgrenje, toirb gerabe $abu*
branb mit ^eereSmadjt, hoch toohl als 5öh rer f & cm
geinbe entgegengefchidt.
Er eilt bem Streite begierig entgegen: er hofft 8e*
friebigung feiner Kampfluft, er ertoartet dluhm unb Seute.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
11
2ln ber ©renje trifft man auf bcn ©egner. ®ie
beiben $eere fteßen jtdj cinanbcr gegenüber. (Siner häufig
geübten ©emohnheit ber gerntamfefjen ^etbenjeit gemäp
entfchlieften ftd} bie Anführer auf beiben ©eiten, ben
Kampf mit ber £erauSforberung beS beften ber feinb*
lieben gelben jn beginnen, ©o reiten benn gleichjeitig
^ilbebranb auf ber hannifchen, ^abubranb auf ber
anbern ©eite aus ber gront beraub unb $toar allein,
o^ne 33egleitung. Sie treffen fich in ber SDtitte atoifchen
ihren feeren, angefichts berfelben unb galten auf ©peer*
murftoeite ooneinanber entfern! ®amit beginnt baS @e*
bicht felbft, alfo mit einem fpanuenben, feierlichen 93or*
gang. ®enn ertoartungSooß jehauen bie §eere ^u. ©ieg
ober SRieberlage ihres Kämpen mirb jebe Partei für ein
oorbebeutenbeS ßeichen anfehen unb bemnach t>oII 2Kut
ober ooß Seforgnis bie Schlacht beginnen. ÜRit ooHer
Slbficht hat ber dichter mit ber SBucht ber ftabreimenben
Kunft alle Umftänbe, bie bie Sage befiintmen, ooran*
geftellt unb betont. @S hanbelt fid) hi er nicht tt>ie im
fpäteren höfifäen Stornan, um ein $ufäßigeS ßnfammenf
treffen ober ein beliebiges Abenteuer ber gelben: eS ift
ein folgenfchtoereS ffiortjaben, baS beibe Steden antreibt,
unb um baS ihre SSölfer toijfen.
©o flehen fid), ohne eS ju ahnen, SSater unb ©ohn
gegenüber, bereit jitm blutigen ßtoetfampf. ®er Älte,
an ber ©renje ber Heimat, oon (Srinnerung unb Sehn» 5
fucht erfüllt, ber 3unge ganj Kampfesluft unb Stuhm*
beaierbe, oon garten ©efühlen nicht beiuegt. ^anbelt eS
fiep hoch um ben Kampf gegen föunnen, etn beutegieriges,
aber feiges unb hinterliftigeS Ißolf, oerachtet oon ben
ebeln Kriegern ber ®eutfchen. 6S ift baS S3ilb ber
Slroaren beS achten SahrhunbertS, baS hier in ber SSor*
fteflung ^abubranbS unb beS ®id)terS mirft.
Solch 3 ro ei!ampf oor ben feeren ooßgieht fich in
fefter ftftrm. SKan fämpft nicht mit jebem Unbefannten,
man tämpft nur mit einem, ben man fennt unb für
einen ftanbeSgemäfjen ©egner anfieljt. @o fragt man
förmlich nach & em Stamen beS anbern. ^ilbebranb, beffen
graues §aar ben älteren ohne toeitereS offenbart, fpricht,
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
12
ebeu als bei* ältere, juerft. ®r richtet bie übliche gröge
an ben jungen gelben ihm gegenüber: „333er ift bein
SJater? SBie heißt bu felbft, ober meines ift bein ©e*
fehlest?" Stur mit menig SBorten fragt ber Sllte. ©er
Steter betont eS mit Slbficht, ben Sieden ju charafteri*
fieren. ©ie Sage ift ^ilbebranb längft oertraut, er erfüllt
nur bie fyerfömmlitfje gorm. 5m übrigen fennt er jeine
oft erprobte Sraft unb bleibt ruhig. @r .tritt bem
Sungen fogar mit einer getoiffen oäterlidjen Überlegen*
heit entgegen. Slber nicht baS erflärt eigentlich bie Slrt
feiner Qfrage. 333ir füllen aus feinen menigen SBorten
eine ftarfe innere Spannung heraus. ©eine tapferen
SanbSleute, fein ebleS SSolt ift eS, bem §ilbebranb jefct
aegenübertritt. Sille gelben unb $etbengefchlechter beS*
felben fennt er oon früher her genau, mit innerer ßu*
neigung unb ©efjnfudjt ftet)t er ihnen hier gegenüber.
Sßeldjer Sproß berlben miß ifjn je$t im Kampfe be*
fielen? ©aS möchte er halb toiffen — baher bie für je
Stage. Unb fchtießlicß fpielt ber ©ebanfe mit herein:
Sann ber Samp nicht unterbleiben? Sann ihm nicht
erfpart merben, baS ©cbtoert gegen bie Söhne beS eigenen
SJolfeS ju jiehen? ©eSßalb beutet er fchon jefct an, baß
er feinem ©egner nahe ftehe: „Sejeichneft bu mir einen
nur in beinern Sönigreidje, fo toeiß ich gleich bie anbern,
benn ich fenne bas ganje große SSoif, bem bu an*
• gehörft." Siefleicht geht ber anbere auf biefe Slnbeutung
ein, unb ber Sampf mit bem SanbSmann fann oermieben
roerben.
SJteifterhaft höt ber ©idjter $ilbebranbS grage 9 es
formt. „S33er ift ©ein öater?" fte£)t roie felbftoerftänblich
ooran. ÜRit Spannung fteßt fie ber Sitte, bem jungen
ichlägt fie in bie Seele. Sie rührt an ba§ Seib feines
©erjenS, an bie ©eljnfucht nach bem herrlichen Sater;
fie erroedt jeßt toieber baS Sbealbilb, baS ^abubranb
oon ihm in fid) trägt, fo mie eS ihm bie alten Seute
gefchilbert höben. Unb nun läßt er eS oor feinem innern
Sluge auffteigen, babei bem Schmerj um feine oertoaifte
Sugenb SluSbrud gebenb. „Sticht tm ©ternhaufe höbe
ich erfahren, toer id| bin: alterfahrene SJtänner, bie fqon
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
13
lange tot finb, Solfögenoffen, fyaben mir t>erfid)ert, baß
mein Sater ^ilbebranb heiße. 3?or oielen fahren mußte
er mit bem berühmten Sietrich au« bem Sanbe hier meg
nach bem glimmen Often. JDtader mar e«, oor beffen
£aß er floh- SBeib unb Siinb hat er öerlaffen müffen: benn
eben jener gemaltige Sietrich beburfte feiner bringenb."
Unb nun geht ber ftimmung«oolle Bericht allmählich in
eine begeifterte ©djilberung be« Sater« über: „@r mar
be«halb ber leibenfchaftlichfte ©egner be« Dtader, aber
feinem £errn, Sietrich, ber mertefte ber ©efolg«männer.
3mmer ooran im Sampf, $rieg mar fein £eben, barum
fannten ihn auch We gelben." ©län^enb fteht jefct ba«
33ilb be« jungen £ilbebranb mieber oor ber Seele be«
©ohne«. $ber freilich, entfagungSooll fdjließt ^abubranb
feine Slntmort: „@r mirb mohl nicht mehr leben." Sabei
hält ber Sater ihm gegenüber!
Se« Sitten grage h at ba« Snnerfte im ^erjen be«
©ohne« aufgeregt: ba« @ilb be« SBater« unb bie ©ehn*
fucht nach ihm. Sie Slntmort be« jungen: „3ch tyify
ipabubranb," trifft ben $rager ebenfo, faft blifcartig.
SMe«, ma« angeficht« ber Heimat an Srinnerungen unb
SBünfchen fiilbebranb« £er$ bemegte, mirb ooH lebenbig.
Ser Äampf ift, mie er im ftißen fchon ^offte f oermeibbar.
©« treibt ihn $um ©ohne hin, ber ooU Verlangen nach
bem 33ater gegenüber $u Stoffe hält. Unb fo ruft er
ihm in freubtgfter ©rregung ju: „Seinem nächften S3lut«*
oermanbten, beinern SJater, ftetjft bu gegenüber. 3ch
bin ßilbebranb, ben bu tot glaubft."
SReifterhaft unb ftreng folgerecht hat ber Sichter bie
t anblung geführt: Sater unb ©ohn fielen fich, oott
ehnfucht ju einanber $u fornmen, gegenüber. Sticht«
fcheint jefct, mo fie fich fennen, ju fehlen, beiber höchften
SBunfch ju erfüllen. Sille« jielt auf ein glüdlidje« @nbe.
8ln biefer ©teüe menbet fich ber Silte gum erften
SKale an ©ott. 6« ift ein entfeheibenber Slugenblid,
baßer bie feierliche religiöfe SSenbung. 3 U 9^4 gibt
S ilbebranb feine 3 ur üdhaltung auf, baher je^t ber
rguß feine« @lüd«gefühl«. w §ch fchmöre e« bei bem
großen, bem höchften ©ott, baß bu noch n * c c ^ nem
Digitized by
Google
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
14
fo nähert VlutSDernmnbten, toie ich fyex, jufammengeraten
bift. Sch bin |)ilbebranb, bein Vater." @S ift bcr
|)öhepunft bcr glüdlich auffteigenben |mnblung.
Stber in biefe Anrufung ©otteS* ber Dom Fimmel
herab alles fieht, legt bcr Sichter einen erften, leifen
|>imoeiS auf bie tragifche SEBenbung, bie bie Sreigniffe
nehmen merben, nehmen müffen.
®ie Sftecfen b fl tten ^oifchen U>ren feeren. Stuf ben
SluSgang beS Kampfes fommt Diel an. |)ilbebranb ift
breifeig 3ah*e Don ber |>eimat meg; ^abubranb feat eben
gefagt, ber Vater ttrirb mobl tot fern. SSirb ber 9Ute
unter biefen Umftänben ®lauben finben? @r ift fich
biefer ©chtoierigfeit betoufet: eben bantm ruft er in feier*
lieber ©chnmrformel ben grofeen ©ott im ipimmel jum
ßeugen bafiir an, bafe er bie SBabrbeit fage: an ben
Slütoiffenben, SlUfehenben toenbet er ft ch; ber foH feinen
SBorten Äraft Derleiben unb Reifen, ben ©ohn $u über*
Sengen.
Mbebranb jmeifelt nicht an ©otteS |>ilfe. 3ft nicht
— fo bürfen mir fein unmittelbares ©ottDertrauen be*
• grünben — ift nicht ©ott bisher gerecht unb gütig gemefen?
£at er nicht ben Verbannten nach bem @lenb mieber
aufgerichtet unb ftufenmeife bem ©lücf ber 3ugenb nneber
nahe geführt? SRufe ber 9llte nicht in ber Vemahrung
feines SebenS t ber ©nabe beS |mnnenfönigS, ber SRüd*
fe^r jur Heimat unb nun im ßufammentreffen mit bem
einzigen ©ohn ebenfo Diele ©nabenbemeife ©otteS ahnen?
©er alte $elb h^t biefen ©ebanfen nic^t begrifflich K<*r,
aber ber realiftifche dichter gibt uns burch bie Ver*
fettuna ber (Sreigniffe unb burch bie DoHtönenbe ©<fjtmir*
formet einen Sßinf jum VerftänbniS feiner ©ebanfen
unb Äbftchten. ®r toirb uns halb unmittelbar inf $er$
feines gelben fchauen laffen.
^ilbebranb fommt feinen Sfagenblid ein ßmeifel an
©otteS ^ilfe. Unb bann: toie fönnte überhaupt ber
©ohn ben Sfcon ber VlutSDermanbtfchaft nid^t fofort Der-
nehmen, bie Siebe beS Vaters nicht unmittelbar fühlen,
nachbem fich biefer ju ertennen gegeben? ©ben barnm
ber §intoeiS auf ben sus sippan man, ber gerabe fytx
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
15
fehr fein unb mirfunggboH fte^t, eben barum ber Berneig
ber Siebe, ber nun folgt. Senn fofort tut ber Bater
in ber unb Sraibe feinet ©er$eng einen
Schritt, ber ein unmittelbarer Berneig feiner ßuneigung
fein foU: er minbet* oom Slrme ben toftbaren
fpiraligen ©olbring ab, ben ©auptfehmud beg ©eiben.
Ser ©unnenfönig h ot ihm ben gefchenft alg Reichen
feiner ©ulb: fo ift ber 9ling pgleich ein ber
©rinnerung an bie SBieberfefyr beg ©lüefg. Sen Slrmring
hält er bem ©ohne frenbig erregt mit ber ©anb hin:
ber foü fommen unb ihn nehmen.
Ser Sllte tut l)ier in ber greube feineg ©erjeng
ettoag, mag in ber ernften Sage, oor bem gmeifampf,
mifcbeutet merben fann. ©g gefdpeht aud), benn ber
©ohn reitet nic^t näher. SBieber greift ber Bater pm
©chrnur: „3$ fchtnöre, ich gebe bir bag aug oäterlicher
Siebe. 44 3ntmer bringenber mirb er, er möchte bem ©ohne
recht halb innerlich nahe fommen.
Slber gerabe bie überftrömenbe Oätertid)e Siebe toirb
ber Slnftofc beg Unheilg. SBieber hat ber Sichter funftooU
ben Knoten gefdjürjt: mag ben Bater bem ©ohne nahe*
bringen follte, oerbreitert gerabe bie Kluft jmifchen ben
©egnern. ©ier menbet fich bie ©anblung ptn Sragifchen.
©ilbebranbg grage: „2öer ift Sein Bater? 44 hat ben
Sungen im 3nnerften erregt: bag S3ilb beg Baterg, mie
ihn bie alten Seute gefdjilbert haben, jung, leibenfc^aft**
lieh ungeftüm, Sietrid)g SJlann unb greunb — fo fdhmebt
eg öor ©abubranbg Seele. Stun ftebt ein grauhaariger
Sllter Oor ihm, offenbar — bie Stüftung bemeift eg —
ein ©unne, ein ©lieb beg Bolfeg, bag ber Seutfdje alg
feig, tücfifch, beutegierig oerachtete. Sbeal unb SBirflich**
feit ftofjen fich h a *t. Sag fann ber Bater nicht fein,
mufe ©abubranb unmiUftirlich benfen. Saft breiig 3aljre
oerfloffen ftnb, beachtet er in feiner ©rregung ntcht: er
e ju fehr im Banne feineg SBunfchbilbeg; fo fchneU
; er nicht umbenfen.
SRun fommt bag SDlifjtrauen unb finbet ben Boben
bereitet. 3ft bie Berficherung beg alten ©unnen nidbt
eine lüde? SBag bebeuten bie ©ibe eineg ©unnett?!
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
16
Uitb ba^u bieje berbächtige greunblicbleit, bie eher 2luf*
bringlicbleit $u nennen wäre. 355er bietet bor bem ßroei*
fampf ©efdjenfe an! Sut es aber ein .jpelb, bann reicht
er jeine ©abe nicht mit ber §anb bin, fonbern, um allen
3Serbad)t auSjufcblieben, auf ber©pipe beS ©peereS; auf
ber ©pi^e feinet ©peereS nimmt fie bann ber anbere
entgegen.
$abubranb hätte wohl ben 2luSbrucl ber bäterlidjen
greube unb Siebe in ber Stimme beS Sllten empfinben
rnüffen. 9tber eS ift wieber tragifcb, bafj er baS nictjt
fann: if)m fe^It baS ©efübl bafür 211S SBaife ift er
aufgewacbfen, er bat bie Siebe ber ©Itern nie gefpürt.
©o öerfagt baS einzige SKittel, baS im entfcbeibcnbeu
2lugenblicf bte Söfitng bringen fönnte, unb mufj nach
bem ©tanbe ber 2)inge berfagen.
^pöflid) bat ipabubranb bie grage ^ ©egnerS be*
antwortet. gebt fafjt it)n ber 3° rn über baS — wie
er meint — binteriiftige Senebmen beS §unnen. ©r
beult nicht baran b^an^ureitcn. 2luS ber gerne ruft er
herüber: „9Jlit bem ©peere fott ber 9Kann folcbe ©abe
empfangen, ©pifce gegen ©pifce gerichtet. ®u bift ein
alter, abgefeimter £>unne, hinterliftig unb bon jeher ber
£ücfe ergeben. 2)u lotfft mich freunblid) mit beinen
3Borten, aber bu wittft mich mit beinern ©peere werfen!
2)u bift nicht ^ilbebranb! Seefahrer haben mir bie
fiebere Äunbe gebracht, ber fei im Kampfe gefallen. 2ot
ift £>ilbebranb, §eribranbS ©obn!"
Vorher hat ^abubranb gefagt: „§ilbebranb lebt wohl
nidjt mehr;“ je^t jagt er: „§ilbebranb ift tot!“ ©in
s S?eifterjug beS $icbterS, nicht etwa ein SBiberfprud).
®er gan^e Slbfdjeu beS jungen bor bem SUten, ber
$ilbehranb fein will, liegt in biefer Serficherung. Sieber
feinen Sater mehr als btefen beachtlichen alten £unnen,
baS witt |mbubranb auSbrüden.
gmmermebr finft bie §anblung nach ^ er Siefe.
Srängte im Anfang alles auf ©rfennung unb gtücflid^e
Söfung, fo jieht jejjt in ber gerne baS Unheil herauf.
5)abei beachte man bie tragifdje gronie. SBaS ^ilbebranb
als erften Schritt jum ©lüdE anfeben mufete: bie ©üte
Original from
17
beg freigebigen $umten!önigg, ber if)tn ben ©olbring unb
bie fdjöne SRüftung fd)enfte, fein Slnje^en bei ben #unnen,
bie Verfügung über ein hunnifdjeg £eer, bag gerabe tritt
mit SRotmenbigfeit zmifchen it)n unb ben ©otjn. Unb
bag ©innige, bag bie Stuft überbrüdfen fönnte, bag ©efütjt
beg ©oljneg für bie ©timme beg $Iuteg unb für bie
Siebe beg SSaterg, bag fe^It unb mufj fehlen, meil
fiabubranb atg SSaife bei fremben Seuten aufgemadtjfen
ift. ÜBarum aber traf bieS Sog ben ©obn? SCBeil ber
SSater bag oberfte ©ebot ber £elbenetfyi! ot)ne 3^8 ern
befolgt bat, meit er feinem ©ibe getreu mit bem $errn
in bie SSerbannung ging.
SBir atjnen fcfjon aug biefer tragifdjen SSerfd^tingung
ber ©reigniffe ben ©ebanfen beg S)ic^terg: fittüdjeg
$anbetn, rebtidjfteg t^elbenmäfeigcS SSertjatten,
bag ©tücf, mag geredEjtermeife bafür jurn Sotjne
mirb — eg ift alteg eitel; ja mefjr, eg mirb in un*
erbittlid) jmingenber ©ntmidEIung UrfadEje beg
furdfjtbarften Ungtücfg.
£itbebranb oerfudjt ben ©ol)n ju überzeugen. Seiber
faßen feine SBorte in eine SüdEe beg 2ejteg. Stber aug
ber Slntmort beg ©otyneg erfennen mir, bafc er
£abubranb erflärt fyat, mie er ju ben $unnen gefommen
fei: alg Serbannter, alg SRedEe f)abe er bort gelebt. ®ocfy
bag Sßtifjtrauen unb bie SIbnetgung fjaben fidf) bei bem
3ungen fcfjon feftgefefct. 2)er Qotn über bie oermeint*
tidje |>interlift beg Sitten mirft fräftig mit. Slucf) !ann
fid) ber fctjlaue £unne, mag er fagt, ja aug $abubranbg
eigener ©rjähtung jured)tgelegt haben. Salt meift ber
©oljn ben SSater jurüdE: „3a) fef)e an beiner frönen
bunnifdjen SRüftung, baf$ bu in beiner ßeimat bei einem
freigebigen §errn in feftem ®ienft fte^Jt. ®u bift alfo
fid^erlic^ ni^t a(g Serbannter aug biefem Sönigreid^e
gegangen!" 3 um 33otmurf ber lüdEe iefet ben ber Süge!
3mmer gekannter mirb bie Sage. &ieber ift eg bag
$unnifcf)e am ©egner, mag bie ©ntfrembung oergrö^ert.
3efet at)nt auc^ ßübebranb, mo^in ber ©ang ber
2)inge jielt. Slug fajroer befümmerter ©eete ruft er:
„Std) ©ott, ber bu bag ^Regiment ber SBelt fü^rft, Unzeit
2
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
18
mirb gefdhehen. 3)reifeig 3ah re bin ich meg bon meiner
ßeimat oon ßgnb ju ßanb gezogen unb immer — in
§elbfd)tacf)t mie bei 33elagerungen — t)at mich ber Xob
gemieben. 3e|t aber fott er mich treffen burd) bag
Schmert meinet lieben ©ohneg — ober id) mufj fetbft
ben tötenben Streif fuhren." $ag ift alfo ber Sinn
feinet glänzenben fielbenlebeng mährenb ber lebten Sa^r*»
Zehnte: bag ®lüd m aller ©efahr, eg fteUt ftc§ nun afe
bag f<f)ltmmfte Unglüd heraug. Senn eg läfet je$t nur
bie 2Ba^I: job burch ben ©ohn ober lob beg ©ohneg
burch ihn; eg gmingt zur SSerle^ung ber ^eiligfeit ber
33lutgoermanbtfchaft, bag fchredlichfte, mag eg gibt.
Ser reatiftifebe Sichter bermeiöet eg auch h^
|jilbebranb begrifflieh überlegen zu laffen: nur ein ©tüd
oon bem ganzen 3ufammenhang feineg S^beng enthüllt
fidj jefct bem ahnenben 231ide beg Sllten. Slber mir er*
halten an biefer ©teile ben Schlüffe! jum SBerftänbnig
beg ganzen ©ebid)teg. Sem ß^hbrer, ber bag ©anje ber
unerbittlich ftrengen fjolge ber ©reigniffe feit §ilbebranbg
SSerbannung überbaut, geht hiet ber ©ebanfe beg Sidjterg
auf: bie Sreue gegen ben §errn, bie erfte fitttid)e
Pflicht beg SDtanneg, mie eg fd)ien, belohnt burch
bag ©lud eineg ruhmboHen unb erfolgreichen gelben*
lebeng, biefe Sreue mirb Urfacfje beg oölligen
ßufammenbruchö biefeg ßebeng 'int Sllter, fie
führt jur ©lutfchulb.
Unb ©ott ber gerechte unb barmherzige ? ^ilbebranb
hat ihn fd)on im erften michtigen Slugenblid befchmoren,
bafe er t>elfe unb bie SBahrheit feineg ©ibeg bezeuge.
Slber ©ott half nicht. 3e|t im jtpeiten entfeheibenben
Slugenblid menbet fid) ber |)elb mieber an ihn. SRief er
bag erfte 9Kal ben ©ott ber SBelt an, ber oben üom
Fimmel tyxab alleg fieht, alfo ben aüfehenben, fo jefct
ben ©ott, ber ben Sauf ber SBelt nach feinem SBitlen
lenft, ben aHmaltenben: er foH bag brohenbe Unheil
abmenben. Slber ©ott hilft roieber nicht.
®er 3unge fühlt auch h* er ben Schmerz unb
bie ©orge beg ffiaterg hetau$. ®ie genaue 3 e itartgabe
hätte ihn ftu^ig machen foHen: aber fie geht unbeachtet
19
cm bem ©cifte beS ßmpörten oorttber. ®ic Sache bauert
ihm $u lange. SBad er bem 33ater antmortet, entzieht
mietet eine Süde unferer Kenntnis. Slber aus ben
näc^ften SBorten |>ilbebranbS lann man eS erfd)lie&en :
§abubranb oerlangt nach bem Äantpf unb forbert fdjon
beS ©egnerS fchöne Lüftung, auf bie er als 33orfämpfer
feines 33olfeS ein Stecht ^abe. @r macht fid) bereit, ben
Sampf $u beginnen. 3mmer näher rüat baS 33erberben.
SDie ©elbftoerftänblichfeit, mit ber ber 3unge feinen
©ieg oorauSfefct, rnufj ben erprobten alten gelben reifen.
Slber er beljerrfcht fid). Sa, ba alle SKittel, ben ©ot)n
oorn Äampfe ab$ubringen, oerfagen, bemütigt fid) ber
Sitte oor bem ©egner. ®ie feltfam oerfd)ränften SBorte
geigen, mie ferner ihm baS Opfer beS ^elbenftoljeS mirb.
Slber er ringt eS fiel) ab. ©r fagt: „SBofyl möglich,
baj$ bu ohne 3Jiüt>e bie Lüftung erfäntpfen mir ft; bu
f)aft ja in mir einen alten SJtann ^um ©egner." Sluf
feine, grauen £>aare meift er ben Sungen t)in, eine oer*
t)üHte SBenbung an fein SJiitleib.
Slber gerate tiefe ^Demütigung, bem berühmten unb
nie befiegten Steden ein ferneres Opfer, im ©inne beS
©hriftentumS eine fittlid) eble Sat, befiegelt baS 33er*
hängniS. ®aS ben ©ermanen befannte ^unnifdje S33efen
fte£)t oon Slnfang an jmifchen Sohn unb S3ater. 5>aS
©efdjenf fcfjien ipabubranb f)unnifd)e Strglift, bie 33er*
fid)erung |)ilbebranbS, er fei oerbannt morben, f)iett er
für fptnnifche Süge, bie leife SBenbnng an fein ÜJtitleib
nimmt er für l)unnifd)e geigheit. 3e£t burchfchaut er
— mie er meint — ben ©egner gan^ unb fd)leubert ifjm
nun ben 33ormurf ed)t fyunnifd)er Feigheit unmittelbar
ins ®efid)t. 2)iefe fermere 33eleibigung fällt mieber in
eine Süde beS ©ebidjteS, läfjt fid) aber aus ^ilbebranbS
©rroiberung fieser erfcfjliefjen.
Se^t lann ber 93ater nid)t meiterge^en. ®r fjat fid)
bef)errfc^t, er t)at fid) gebemütigt: bafür t)ört er bie
für einen gelben fc^merfte SSeleibigung, ben 33ormurf ber
geigt)eit. Unb er empfängt tiefen Sormurf öffentlich,
oor beiben feeren, in ber feierlichen unb bebeutungSooHen
Sage eines beabfidjtigten Unb bann: in
2 *
Original from
ihm wirb fefct beS gange tjunnifcbe VoR ins
hinein beleibigt, baS Volt, beffen Äönig ihn gütig au 1
S enommen ^at # unb beffen $eer hinter ihm fteht, gu*
hauenb unb guhörenb. 3Jtan fietjt, tute ^ier gwtngenb, ja
entfd)eibenb bie oom Siebter anfangs fo meifterhaft ge* 5
{eignete ©ejamtlage bie Sntwidlung ber Singe mitbeftimmt
§ilbebranb errennt, bafj er baS ©chwert giehen rnufj,
unb bab bie Singe unerbittlich ihren Sauf nehmen:
„3ch toäw btt ifcigfte ber non bir als feig oerachteten
t unnen, Wenn ich bir jefct ben ßweitampf üerweigerte."
itter auf bie SBorte beS ©ohneS anfpielenb, führt er
fort: M SD25ge benn ber, bem eS glüeft, bie Lüftung beS
©egnerS erfämpfen unb baoontragen."
@S beginnt ein gewaltiger $ampf — unb baS ®ebi
bricht ab: bie ©chreiber höben baS Enbe nicht au
gegeichnet Weil baS Pergament ber $anbfchrift nicht
reichte. Sber aus anbern Berichten läfct fich ber ©chlufj
ergangen, #ilbebranb fchlägt ben ©ohn gu ©oben: ber
§unnen unb feine Ehre ift h^geftetit Stoch einmal
bietet ber Site bem ©ohne oätertiche Siebe unb Seben
an, nahe bei ihm ftehenb unb oielleicht — weniger mifc
trauifch als ber anbere — bie gebotene Vorftcht auS bem
Suae laffenb. Sber ber Überwunbene ift burch bie
Stieoerlage aufs h e f^9P c 9weigt: Stuhm unb Veute ift
bahin, ber oerachtete alte Spumte hot ihn befiegt Sßut
unb Sngrimm erfüllt feine Seele. Unb nun oergifet er
Pch in ber Seibenfchaft: er, ber oorher bem ©egner
lüde oorgeworfen hat, führt einen oerräterijehen Schlag
gegen ben Sieger. Ser weicht aus, aber nun erfaßt ihn
auch ber &orn. Sange h a t fich ber Site bemeiftert, hat
oom ©ohne eine Veleibtgung nach ber anbern hingenommen.
& ift oerächtlich bebanbelt worben. Sber wer ift nun
ber Verächtliche? $ilbebranb mu^ bie ©träfe für ben
Verrat oodgiehen: er erfragt ben ©ohn.
©o fteht am Schluß ber Vater an ber Seiche beS
©ohneS, ber feine gelben ehre oerloren fyit Sr fteht am
Srobe feines ®lüdeS, mit Vlutfchulb beloben. Sie ©attin
ift wahrfcheinlich längft tot, ber eingige ©ohn
baS ©ejchlecht erfiföt
itn auch:
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
DaS miH ber Siebter fagen: Xragifd^ war baS SoS
beS herrlichen, berühmten gelben, ©längenb begann fein
Seben, $elbenfraft unb $elbentugenb werten tlftt, wie
feinen; er war — nad) bem ©ebote ber feubalen ©tljif —
bi« aufs äufcerfte treu feinem £errn unb — nach bem
©ebote ber Religion — bis gur Demütigung liebeooD
gegen ben trofcigen, feinblichen ©ohn. ®r mar ein $elb
unb ein ©hrift. ©infames Vertrauen auf ben atlwiffenben
unb allmächtigen perfönlichen ©ott, ben ihn bie ßirdje
gelehrt, erfüllte ihn. Der tjattc ben $offenben in ber
Verbannung geredet unb gnäbia behütet, er hatte ihn an
bie ©renge ber Heimat, gum ©ohne, bem ^elben^aften
gührer, gurücfgeführt: mte er glauben muffte, um ihn
mit bem ebeln ©ohne gu bereinigen unb gum ©lücf ber
3ugenb gurüefgubringen. Äber baS mar nicht ber ©inn
feines ßebenS: ber Senfer ber SBelt hatte ihn aufgefpart
für baS ©chlimmfte, was eS geben fonnte, er hat bem
©ohn bie ©hre gerbrochen, ben 33ater mit SSlutfchulb
belaben. 2tHeS, maS §ilbebranb bem Saufe feines SebenS
nach als gerechten Sohn für fein Älter erhoffen burfte
unb erhoffte, hat er ihm gerjdftagen. Der (Sott, ber baS
^Regiment ber Sffielt führt, hat ben tapferen, tiebeooKen,
treuen, frommen 9Rann innerlich gerfchmettert.
SEBarum baS? 333ie pafft foldje Führung ber 33er**
hältniffe gu ber 33orfteKung eines gerechten, barmhergigen
©otteS, ber baS 33öfe hafft, mie pafft-fie gu ber Uber-
geugung, baf$ pflichttreue unb wahrhaft chriftlidjeS ^anbeln
am ©nbe boch belohnt werben ? ^ilbebranb, ber ergraute
Jfrieger, ift nicht gewöhnt, fich über folche Dinge begrifflich
geformte ©ebanfen gu machen: er wirb ferne Sntmort
wiffen. Unb ber Dtchter? Die erbarmungSlofe Iragif,
bie bie ^anblung beS ©ebichteS beftimmt, ber ©egenfafc
gwifchen bem harten, ungerechten Sauf beS 333eltgefchehenS
unb ber fdfticht chriftlichen hdbifchen Denfart #ilbebranbS,
ein ©egenfah, ber ohne Ausgleich, ja ohne einen ÄuSblicf
auf einen folgen, fcharf h^auSgearbeitet wirb, beweifen,
bafe auch er feine muhte. ÜBir fönnen bie ©ebanfen beS
Dichters am beften auSbrücfen mit einigen SBorten aus
ÄleiftS gamilie ©chroffenftein. Da fagt 3eronimttS,
DigitizecLii
ö
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
22
angefidjts ber unheimlichen SSertoicEIung bcr ©reigniffe,
bie rei|enb bcr SSernidjtitng jubr äugen:
2lu3 biefem Sßirctoart ftnbe ficb ein tßfaffe!
3$ lonn e$ itidjt.
9 •
Unb ber milbe ©tylöefter, ber unserem ^ilbebranb
eittfprädje, antwortet:
9
3<b bin bir roolji ein SRätfel?
9?id)t moljr? 9?uit, tröffe bid), (Sott ift e$ mir!
©S ift baS alte Problem öon bem äßiberfprucp einer
fd^Iidf)t öolfötümlichen, optimiftifchen ©otteSoorfteflung
unb ber barauf gegrünbeten SebenSanfchauung mit bem
harten $Beltgef<hehen, mie eS fidf} täglich, befonberS aber
im Kriege offenbart, eS ift baS Problem ber £f)eobicee,
baS ben alten unb ben mobernen Sichter, ben $eit*
aenoffen ber Kriege Karte beS ©rofcen unb ben ber
ffeapoteonifchen befdtjäftigte. 93eibe fchliefjen ihre Sichtung
mit einem 3*rage$eichen: eine Stntfoort geben fie nicht.
SaS aber ift gerabe baS SRerfmürbige am ^ilbebranbS*
tieb. Kteift hatte bie geiftige Semegung beS achtzehnten
3a^rt)unberte hinter fiep: feine Sragöbie ift eine bittere
3lbred)nung mit bem Optimismus, fie fteht auf ber
Scheibe zweier feiten. 9lber ber alte Siebter beS achten
3a^rt)unberiS ? 3Bof)er !am iljm fein ßtoeifel? SBoljer
ber fo mobern anmutenbe, biffonante SluSgang feiner
Sicfjtung? ©tanb er melleidfjt auch auf ber Scheibe
jmeter $ e ittn? 3d) glaube eS.
Ser ©ott, ben |rilbebranb in ber 3ugenb ju öerehren
gelernt hat, ift ber irmingot, ber grofce ©ott, ber oben
oorn ^immel ^erab aßeS fieht, ber bie ganze SBelt regiert
unb barum Unheil oerhüten !ann, toenn er nur miß.
©eredjt belohnt er ben ©uten unb ftraft ben S3öfen,
melleidjt nid^t gleid^, aber bod^ nodfj in biefem £eben:
fittli^eS unb religiöfeS SSergalten bebingt alfo in
unmittelbarem ßufammenljang baS ©efd^id beS 2Renfd}en.
S)iefer ©ott ift audf) ftarl perfönlid^: als ^err thront er
in ber $öl>e, ift aber mit feiner Kraft überaß am SBerfe,
mie ein meitfcljauenber, geregter, unter Umftönben auch
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
23
firenger Äönig. ®iefe tebenbige, optimiftifdje SBorftellung
oon ©ott unb Sebeit ift bic ©orauSfefcung für ^ilbebranbs
©erhalten oor unb tn bcr ^anblung beS ©ebichtS: auf
ber berfclbcn fteht er an ber Stelle, wo er fid^ beut
©ohne $u erfennen gibt.
®ie Slnfchauung tft natürlich djrifttid). Sie beherrfcht
j. 33. baS SubwigSlieb, baS faft ^unbert 3&h rc fpäter
gebietet ift. ©olfStümlich h>ar unb ift fie ju allen
Reiten. Sber freilich entftammt fie nicht bem Steuen
Xeftament: ihre Quellen finb oor allem bie SBeiSheit
©alomoniS, 3efuS ©irach unb ©alornoS ©ebet,*) Schriften,
bie übrigens zufällig ben Hauptinhalt ber $anbfchrift
auSmachen, auf bereu 2faf$enblättern baS $ilbebranbslieb
überliefert ift. ®ort Reifet es:
„SBenn auch e ^ n Srember, ber nicht beineS ©olfeS
SSraelS ift, fomrnt aus frembem Sanbe . . . fo wolleft
bu höten int $immel, im ©i| beiner SBohnung, unb
tun alles, barurn ber $rembe Dich anruft, auf bafc alle
Sölfer auf ®rben beinen Siamen erfennen, ba# fie auch
bich fürchten, wie bein ©olf 3Sraet." 2 ) w © 0 ttiodeft bu
ihr ©ebet unb glehen hören im Fimmel, Dom ©i£ beiner
SBohnung, unb Siecht fchaffen." 3 ) „Siner ift weife, ber
Slöcrhöchfte, ber Schöpfer aller ®inge, allmächtig, ein
gewaltiger Äönig utib fehr erfdjrecflich, ber auf feinem
&h rone fife ct f e i n hw*fchenber ©ott." 4 ) „®ott ift Reuge
über alle ©ebanfen unb erfennet alle §erjen gewifc unb
höret alle SBorte." 5 ) „Slber bu haft alles georbnet mit
SRaft, Roll unb ©ewicht. ®enn grofc Vermögen ift alle
Reit bei bir, unb wer fann ber SMacht beineS StrrneS wiber*
Rehen? " 6 ) Unb weiter: „®ie ihm oertrauen, bie erfahren,
baft er treulich hält." 7 ) „Slber bu erbarmeft bich über
alles; benn bu Ijaft ©ewalt über aßeS . . . benn bu liebeft
alles, baS ba ift, unb ^affeft nichts, was bu gemacht haft;
benn bu haft freilich nichts bereitet, ba bu $aft ju hätteft." 8 )
„®u fchoneft aber aller; benn fie finb bein, $err, bu Sieb^
») 1. Äön. 8 , 22ff- ®ebet 41}f. ») «.49.
*) Sir. 1, 7 f. ») SBciSh. 1, 6. •) «bb. 11, 22.
7 ) ®bb. 8,9. •) ®bb. 11,24.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
24
fjaber alle« Seben«."*) „933eil bu bcnn geredet bift, fo
regiereft bu alle ®inge redfjt, unb ad)teft beiner SJtojeftät
nicfyt gemäfi, jernanb ju derbammen, ber bic ©träfe mdf)t
derbient tjat." 2 ) „9lber bu, gewaltiger £>errjdjer, ricfjteft
mit ßinbigfeit, unb regierft nur mit diel S3erfdjonen;
benn bu dermagft alle«, wa« bu wiHft." 3 ) „833er ben
Herren fürchtet, bem wirb« wofjl getyen, unb wenn er
Xrofte« bebarf, wirb er gefegnet fein." 4 ) „9111 e SEBo^ltat
wirb i§re «Stätte finben; unb einem jeglichen wirb wiber*
fatjren, wie er« derbient tjat" 5 ) 3 u f ammet1 S e f a fe t wfäeint
biefe ®enfart ©iraef) 39, 21 ff: „91lle SQBerfe be« $errn
finb febr gut, unb wa§ er gebeut, ba« gefdf)ief)t ju rechter
Reit, unb man barf nidjt fagen: wa« ift ba«? wa«
foH ba«? ... ®enn wa« er burcf) fein ©ebot fdjaffet,
ba« ift lieblid), unb man barf über feinen SRangel flagen
an feiner |jtlfe. 9lHer 9Renf$en 333erfe finb dor iffm,
unb dor feinen 9lugen ift nidjt« derborgen. 6r fteljt
alle« don 9lnfang oer Sßelt bi« an« ßnbe ber SEBelt,
unb dar iljm ift fein ®ing neu. 9Jtan barf nidjt fagen:
Wa« ift ba«? wa« foH ba«? benn er ^at ein jegliche«
gefefjaffen, baft e«^u etwa« bienen foH . . . 9ttle«, wa«
don Anfang gefefjaffen ift, ba« ift bem grommen gut,
aber bem ©ottlofen fdEjäblidfy."
®iefe fdfjöne biblifc^e 9lnfdfjauung war bei ben granfett
be« 6.-8. Sabrfjunbert« fe^r dergröbert worben:
©ott fjatte bie Rüge eine« gerechten, aber dor allem
ftrengen unb IjartenJfranfenfönig« angenommen, ber mit
feinem perfönlicfjen Sßitten überau tjineinregierte unb nad)
beffen 9lbficf)tett man ängftlidj fragte unb formte. 3n
ber Reit ber ßarolingifcfjen Stenaiffance war fie in ben
Greifen,*bie unmittelbar ober mittelbar unter beren ßinflufj
ftanben/ — id^ möchte audb ben ®id^ter be« ^ilbebranb««*
liebe« in ben le|teren fuc^en — wieber au« jener
SSerbunfelung f)erau«gel)olt worben: bie ftoifdje^ilofop^ie,
bur^ ßicero/^oraj, SSergil u. a. dermittelt, Ijatte babei
geholfen, ©entließ fpürt man bie SBirfungen biefer
getftigen ßr^ebung in bem, wa« ßin^arb über Karl«
Oß&b.B.T. *) 12,15 •)12,18. *)6it.l, 19.- # )16,14.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
25
Senfart oerrät unb toag bic Äarotinifchen Sucher erfchliefcen
Iaffen.
Siefe optimiftifche Sorfteßung oon ®ott unb Beben,
ber urfprünattch auch unfer Siebter angegangen, ift ihm
}ufammengebrocf)en. gtoeifelnb, tjicllcidgt oerjtoeifelnb
fteht er oor bem Sßeltgefchehen, toie eg mirflid^ ift, bem
SBeltgefchehen, bag feine Rücf ficht auf »Jrdminigfcit unb
Sugenb fennt, bag oft ben Söfen ergebt, ben ©Uten
oernichtet. Ser innere gufammenhang jtoifchen Recht*
fchaffenheit unb Religion einerfeitg, Wohlergehen unb
©lücf im Seben anbererfeitg löft fich ihm, jener Rammen*
bang, ben ein oolfgtümlicheg &f)riftentum immer atö
nottoenbia unb unmittelbar behauptet. Sie SBechfelfäfle
unb bie fdjmeren 9iöte beg Sriegeg fdjeineit ihn belehrt
ju höben, ©r toeifi nun: bag Seben ift ganj anberg, alg
lene fromme firchliche Sehre oerfünbet. Wag für ein
SBefen ift bann aber ©ott? Ser aßtoiffenbe unb aß*
mastige, fann er ber gerechte unb barmherzige fein, ben
bie fßnefter lehren ? — biefe grage ctflibt fich quätenb unb
bebrohltch aug jener ©rfenntnig. ©ine Slnttoort toeijj
ber Siebter nicht zu geben, ©ein ©ebidEjt treibt einem
febriß biffonanten Schluffe ju; eg fehlt jeber oerföhnlidje
9lugbticf, jebe ?lnbeutung einer Rechtfertigung ©otteg.
Sie ©timmung beg getoaltigen Werfeg ift nic^t optimiftifch,
fonbern peffimiftifch unb tragifch-
Slber eben bag ift bag ©eltfame. Woher lam bem
Sichter aug bem ©nbe beg 8. 3af)rhunbertg, bem SRanne
einer ftreng fireblicb gebunbenen $eit bte fttaft, fein
Problem anberg alg eg bie Äirdfje tat, ju löfen? Senn
bie Äircbe hatte bie grage unb befafc auch Slnttoorten;
Ztoeifellog fannte fie unfer Sichter.
Srei baoon gibt bag Such $iob, in bem bie
neuere ffritif oerf^iebene ©d^id^ten entbedtt höt.
3n bem älteften ©tüd, ber ©efdjichte oom
frommen ßiob, toirb ber £efb aßer feiner ©üter,
aß feineg ©lücfg beraubt. @r toirb mit jjranfheit ge**
fc^Iagen, feine grau rät ihm ©ott abjufagen. 3lber er
toirb am $errn nicht irre, er hält feft an ber furcht
©otteg, an Semut unb ©ehorfantj Unb ©ott rechtfertigt
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
26
fein Vertrauen: er fefct fdjließlidh ben ©etreuen in ben
alten ©tanb, ja erbebt if)n mehr als auoor. Sie Söfung
ift nait> * optimiftifdg: fjrömmigfeit belohnt fid^ ftetS im
Seben, Unglüd bauert nur eine ßeit unb barf ben
SRenfdjen mdfjt beirren.
Siefen ©tanbpunft läßt ber SSerfaffer non |)iobS
$lage, ber ^weiten Schicht, weit Ijinter fidf). £iob ift
non ©ott mit fdperer Äranfheit heungefucht. Äranftjeit
gilt ber gewöhnlichen 3Reinung als ©träfe: ttrie fönnte
fie fonft öom geregten ©ott üer^ängt werben. Slber
ber ©equälte weiß fief) ohne ©chulb. „@o möge man
mich auf rechter 233age, fo wirb ©ott erfahren meine
grömmigfeit. $at mein ©ang gewichen aus bem 333ege,
unb metn #ers meinen Slugen nachgefolget, unb ift
etwas in meinen $änben beliebt, fo rniiffe ich fäen, unb
ein anberer freffe eS; unb mein ©efchlecht rniiffe aus*
aewurjett werben". 1 ) „SBaS gibt mir aber ©ott jum
Sohn non oben ? unb was für ein ßrbe ber SlUmächtige
non ber |)öhe? Sollte nicht billiger ber Ungerechte
fold) Unglücf h a ^ e «r unb ein Übeltäter fo oerftoßen
Werben?" 2 ) ^$abe ich gefünbiget, was foH ich bir tun,
o bu ÜDlenfchenhüter? SEBarum machft bu mich, baß
auf bich ftoße, unb bin mir felbft eine Saft?" 3 ) „SaS
ift baS eine, baS ich defagt habe: er bringet um beibe
ben frommen unb ©ottlofen. SBenn er anhebt ju geißeln,
fo bringet er fort halb jum Sbbe, unb fpottet ber Sin**
fedhtung ber Unßhulbigen." 4 ) „Stufe mir, ich will bir
antworten, ober ich tottt reben, antworte bu mir. Sßie*
niel ift .meiner SRiffetat unb ©ünbe? Saß mich wiffen
meine Übertretung unb ©ünbe." 6 )
Sin bem Sßiberftmtch öon Seben unb 5 r ömmig!eit
jerreibt ftch $iob. Sie greunbe, Slnhänger ber üblichen
Stnfchauung, bieten ihm bie gewöhnlichen Sroftgrünbe:
eS ift eben ©otteS Statfdhluß, jagen fie, ©ott Wirb ihn
jehon wieber erbeben; eS ift SßrüfungSleiben; jeber -JRenfch
ift eben ein ©ünber unb oerbient als folget immer
») 81,6 ff. *) 31,2-3. s ) 7,20. *) 9,22-23.
») 13,22—23.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
27
©träfe. Äber ber ®equälte erfemtt Kar, bafc baS nur
oberflächliche Sieben finb: „2BaS plaget ihr hoch meine
Seele unb peinigt mich mit SSorten? 3h r h ö &t mid)
nun zehnmal geböhnet unb fchämt euch nicht, bafj ihr
mich alfo umtreibet.... 2Jterft hoch einft, bafc mir ®ott
Unrecht tut, unb fyat mich mit feinem 3agbftricf um®
geben.... Er ^ot meinen SBeg oerzäunet, ba| ich nie*)*
!ann hinübergehen, unb h<*t ^infterniS auf meinen ©tetg
geftellet. Er fyat meine Ehre ausgezogen unb bie
ffrone oon meinem $aupt genommen. Er hat mich V* a
brochen um unb um, unb läfjt mich gehn, unb hat aus®
geriffen meine Hoffnung mie einen Saum." *) Einen ÄuS®
meg aus ben quälenben ®eban!en finbet ber Seibenbe
nicht. Äber er läßt auch bie Serzmeiflung nicht über
ftch f>err merben. 2Bie Nathan im IV. Sllt oon fieffingS
®rama ringt er fich ju bem mahrhaft religiöfen ©tanb*
punft empor:
Unb bo<h ift ©ott!
$o<h mar auch ©otteS föatfdjlufc ba$.
ES ift baS „Unb bennoch", ber ffern aller edjten
Religion, baS bei §iob mit erfchütternber ffraft heroor®
bricht: „3dj aber meifc, mein Änmatt lebt, unb als lefcter
mirb er auf bem ©taube fich erheben, unb lebig meines
gfleifdjeS merbe ich ®ott fdjauen, ben ich fdjauen merbe
als mir günftig, unb meine Äugen feljen merben, nicht
als ®egner." SßaS audh bie ferner beutbaren üBorte
fagen foHen, eins ift Har: aus ben liefen oon #iobS
frommer Seele bricht im ßeiben bie fefte Überzeugung
beroor: ®ott mirb mich unb fich rechtfertigen. ®ie
felbftoerftänbliche Weiterleit ber alten Erzählung ift ba®
hin: baS Problem tft unenblich vertieft. Äber optimiftifch
bleibt bie ßöfung hoch.
®em gegenüber bebeutet baS Sieb oon ®otteS
® r ö § e in ffap. 38 beS £>iobbucheS religiös einen SRüd®
fchritt. ®S bringt eine neue ßöfung. ©ie öermeift bem
Kagenben ®ulber feine ffiorte. ®ie menfehtid^e ©inficht
rei^t nicht hin, ©otteS 9tatfchtu| zu oerftehen; er foQ
') 19,2—10.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
28
ficb in 2)emut beugen nnb befdfjeiben. Unb ber fromme
geborgt: „®arum befenne id), baß ich ^abe unmeislicb
gerebet, baS mir ju hoch ift, unb ich nicht oerftebe." 1 )
Such bi er bebätt ©ott recht.
Stnbere flöfungen fügt baS -Reue Jeftament bin*
ju: Sob- 9,1 ff. trennt Kbnftuä in ber Erjäbtung pom
sölinbgebornen ©ebulb unb ßeiben ööHig; 3efu Seiben
ift ein unfcbulbigeS unb mirb febon früh oon ber @e*
meinbe unter ben ©efiebtspunft be$ ErlöJenS gefteüt;
baS ©leicbniS Dom reifen SRann unb armen SajaruS
bringt bie populär*fircblidf)e Stnfcbauung in bem nach*
brüalicben |)inmei3 auf Ausgleich beS trbifeben Sßiber*
Spruchs burd) 2°b n °ber ©träfe im SenfeitS. Dptimiftifdb
finb fie alle: benn fie rechtfertigen ©otteS ©erhalten.
393ie ba£ ©leicbniS, beantmortete auch bie fircblidje
SRicbtung jur Mt ÄarlS bie fernere grage, bie ficb ber
Siebter be§ £iibebranbsliebe$ ftellte. ^beobulf non
Orleans, ein SPtitglieb beS farotinifeben ifreifeS, rang
ebenfalls hart mit ben ©cbmierigfeiten, in bie bie opti*
miftifebe 3ßeltanfid)t unb ©otteSDorfteHung btneinfübrt.
3n einem lateinischen ©ebid)t „Über bie göttliche SBelt*
regierung, bie bem 3Renfcben oft unoerftänblicb, aber
nie ungerecht ift", tefen mir: „2)u Äraft, bu ^errtiebfeit,
bu rubmüoÖer erhabener ©inn: mir alle bemunbern bidb,
uerfteben lann bidb feiner. S33ir feben mobl, baß im
SSoife ber SJtenjcben vieles unb ganj oerjebieben hinaus*
geführt mirb. Hber mir miffen nicht, marutn etmaS
gefd^iebt. Denn oft folgt UnglüdE bem ©uten, oft ©lüdf
oem ©dachten, oft auch mieber Erfreuliches bem ©uten
unb ©cblimmeS bem ©Öfen. Stber all baS, maS gefebiebt,
mirb bureb 9tatfd)luß non obenber gelenft: oft bleibt
fein ©inn uns bunfel, aber ©ormurf oerbient eS „nie."
S)enn, jo begrünbet ber fromme Siebter feine Über*
jeugung: baS jüngfte ©eridht ooUjiebt ben SluSgleidp,
mo ihn baS Seben oermiffen läßt, ©o löfte bie faroli*
nifdhe Silbung baS alte Problem, baS audh ©ophofteS
im w ?ßbÜoftet" unb ber „Eleftra" berührt, baS einen
>) 42,3.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
29
83oetf)tu* quälte. Dptimiftifch auch fte, benn ©otteS
SBeltregierung wirb gerechtfertigt.
Unt fo bringenbet erhebt fid) für unB bie ffrage:
2ßie fomntt ber Sid)ter beS fjilbebranbSliebeS tu feiner
eigenartigen Stellung? Senn mit feiner heroen 93 e«
urteilung ber fird)liqjen SebenS» uitb ©otteSoorftellung
S jreitet er über bie ©renjen beS ©hriftentumS hinaus.
nb eine Äritil, wenn auch nur eine mittelbare, liegt
in feiner Sichtung.
3n ber 93ibel fehlen ÄnfnüpfungSpunfte für feine
©ebanfen nicht. Ser ißrebiget ©alomoS oerrät in
mancher §inficht Oerwanbten (Seift. Siefer jübifche SEBeiS-
beitSlehrer f>ot fich bemüht, ba8 SEBeltgefdjehen ju er»
forfchen. @r erfennt: ob gut, ob böfe, ber ©rfolg be8
©trebenB ift immer ber gleite, e8 ift alles oergebenS.
„@8 finb ©erechte, benen gehet e8, a!8 hätten fie SBerfe
ber ©ottlofen, unb finb ©ottlofe, als hätten fie SBerfe
ber ©erecfjten."') „Sßie e8 bem ©uten geht, fo geht e8
auch bem ©ünber, wie eS bem äReineibigen geht, fo geht
e8 auch bem, ber ben Sib fürchtet." 2 ) „Sa ift ein ©e»
rechter unb geht unter in feiner ©erechtigfeit, unb ift
ein ©ottlofer, ber lange lebet in feiner 93o8heit." *) Unb
Warum bieS? Sa8 SoS beS SDlenjchen wirb eben nicht
oon einer gerechten 93orfef)ung ©otteS beftimmt, fonbent
ift ber miHfürlid) gefeiten !Rotwenbigfeit eines furcht»
baren göttlichen SBefenS unterworfen: „9lHeB ift jeitlidj
beftimmt unb alles unter bem Fimmel läuft ab tn be»
ftimmten Seiträumen." *) Ser SSerfaffer ift unter ben
©influfj ber griechifdjen — ftoifchen — 5ßh*l°f°Phie
geraten.
21uch ber Sichter beS $itbebranbS!iebS erfennt flar,
ba| baS ©efdjicf beS SDlenfchen nicht notwenbig oon
feiner grömmigfeit unb Sugenb abhängt. Ob er aber
fein eigenes fchmerjlicheS ©rieben gerabe an ben äBorten
beS ißrebigerS ju biefer ©rfenntniS entwicfelt hot, fragt
fich bodj. Senn ber überarbeitete Sejt beS Soheleth
lägt bie peffimiftifch«fataliftifchen ©ebanfen, noch baju
>) 8,14. *) 9,2. ») 7,16. «) 3,1.
Digitized by
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
30
in ber Sutgata, nicht fd^arf unb beberrfdjenb genug
beroortreten. SSielletc^t jeigt aber bie Überlieferung unb
bie Spraye beS alten §elbengebicbtS eine SWöglicbfeit,
bie ftroge 3 U beantworten.
S>aS ^ilbebranbstieb weift auf gulba. Sort befanb
ficb bie erfte SRieberfcbrift, bie unmittelbare Quelle ber
erhaltenen. Sie Sprache mifcbt oftfränfifcbe unb bairifc^e
Seftanbteite, eine SRifcbung, bie jur 2JJunbart beS SlofterS
paf 3 t. SBar etwa ber Siebter bort gebilbet, wie ber Saie
©intjarb, ber Siograpfy ÄartS beS ©rof$en? Slber ber
Sidjtrr febreibt nicht reines ^oebbeutfefj. ®r fprengt alt»*
fäcbfifcbe Saute unb SBenbungen ein, offenbar weit er
für fäcbfifcbe Störer biebtete: er wirb als |)elb unb
Sänger jum ©efolge eines fäcbfifcben @beln gehört hoben.
®r ftanb bort in einer ungeheuren geiftigen 93e**
weaung. ©eit 776 war ©aebfen bureb Äarl nicht nur
poUtifdb unterworfen, fonbern auch oercbriftlicbt worben.
Slber ber neue ©taube war bod) noch nichts als girniS
ber Oberfläche. Sarum beginnt ber grobe granfenfönig
feit jenem Sabre eine ftarfe SRiffionterung ber Unter**
worfenen. SaS eroberte Sanb würbe in SRiffionSbejirfe
geteilt: einen batwn erhielt baS SUofter gulba. Seffen
2lbt ©türm (f 779) bot in ©aebfen gewirft.
2Ran bebenfe, was biefe fdjnelle, oft gewaltfame SSer*
dbriftlicbung beS ©adjfenlanbeS bebeutete. ®in uralter
©laube an ©ötter wie SSoban, Sonar, ©aptot fottte
auSgerottet, Sitte unb ©taatSoerfaffung oon ihren beibni*
feben SBurjeln loSgelöft unb cbriftlicb erneuert werben.
Unb ber germanifebe ©taube fab bei ben ©aebfen feft.
®r hotte ficb bei ihnen rein oon cbriftlicben Sinflüffen
erholten, unb bie SRadjbarfcbaft beS beibnifeben Sänemarf,
bie Sejiebungen jum ffanbinaoifeben SRorben hotten ihn
geftärft unb oertieft. Sie fäcbfifcbe Religion lehrte oor
allem, nichts wiber ben SBiHen ber ©ötter beS SSolfeS
ju tun. Siefer SBiHe war bort: felbftberrlicb wolteten
bie ©ötter unb taten, waS ihnen gut bünfte, ber ÜRenfcb
batte ficb febweigenb ju unterwerfen, er mu^te ©lücf
unb Ünglüd aus ihrer £anb nehmen, er muhte ficb
hüten, ihren 3 0rn i u reijen. Sementfprecbenb oerftanb
Digitized by
Go de
Original from
LIMA
ber Stadjfß auch baS Sßeltgefcbeben: toaS t^n traf, ©lüdt
ober Unglücf, baS oerbängten bie ©ötter. äßarurn aber
fo? SEBeil eS ihnen beliebte, ©erecbtigfeh, ©nabe, ©arm*
ijerjigfeit mären nicht bie ®igenf<haften eines SiBoban
ober 2)onar. 2)aS SebenSfcbicffal im befonberen teilten
bämonifcbe Sßefen, bie wurd „baS ©erbängniS" unb bie
metodu „bie SReffenben" ju: orbnenb beftimmten fie
jebem, maS er erleben joute, ©uteS mie ©öfeS; unb
fcbliefjlicb fcbnitten fie ibm jur oorauSbeftimmten $eit
ben SebenSfaben ab. SBaS fie feftgefefct bitten, ftanb
umoiberruflicb ba: fein frommes unb gutes §anbeln
oermocbte ben ©efcbtufe ber ©cbicffalSmacbte umjuftoben.
2)ie(e batte äuffaffung oon ©ott unb Seben mufjte
bie fränfifcbe SJtiffion bocb mobl oor allem befeitigen
unb burcb eine eblere eiferen. Seine anbere eignete ficb
beffer, als bie faßliche, fcblicbte beS einen, perfönlicben
©otteS aller SBölfer unb SRenfcben, ber im £immet
tbtont, alles fiebt unb meif$, aäeS nach feinem SBiUen
beberrfcbt unb beftimmt, aber gerecht in Sohn unb ©träfe
über ber S33elt maltet unb barmherzig auf baS ©ebet
beS frommen unb ©uten hört, — eben bie ©orftellung,
bie ben 3efuS ©iracb unb bie oermanbten biblischen
©tücfe beberrjcbt.
®er Sarnpf ber ©eifter bauerte 3abrjebnte: ber
dichter beS ^ilbebranbSliebeS ftanb mobl mttten barin.
6r fannte bie optimiftifcb-cbriftlicbe SBeltanfcbauung ber
fjranten, er fannte bie realiftifcb*b arte ber ©acbfen: er
fonnte vergleichen. SBelcbe ftimmte beffer jum Seben?
®ie grage beS $b eo ^ cee ®ar in ber $eit lebenbig: baS
jeigen $b e °bü(f3 ©ebicbte. £iob unb Sobeletb regten
S Ämeifeln an. ®er ^Dichter fcbaute ber SBirflicbfeit
arf inS ©eficbt: er empfanb tief, toie bie ©acbfenfriege
Saris unb feine graufamen ©trafen ben einzelnen er¬
barmungslos ztttitalmten, ben ©uten mie ben SBöfen,
ben ©cbulbigen famt bem Unfcbutbigen, mie baS gür unb
miber Sari bie Sippen z^ife unb gegeneinanber ftellte.
©o fonnten ihn bie b e rfömmlicben fircbticben SCroft-
grünbe, bie auch b^te noch bem ©haften oorgebalten
»erben, nicht befriebigen. SBaS fing er an mit ben
Digitized by
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
32
Sieben non Prüfung ©otteS, Strafe verborgener ©ünben,
unerforfälichem Statfchluft be$ ©migen, Ausgleich im
3enfeit$? ©egenüber bem gehäuften Seib be$ Un*
fdjulbigen, ja be$ frommen unb Braven verfingen fie
nic^t. 2Bettgefd)e£)en auf ber einen ©eite, auf ber anbern
d&nftlicher ©otteSbegriff unb dbriftiidje SebenSanfchaumtg
Rafften breit auSemanber. 5ßa^te ba nicht bie altljeib*
nifcfce BorfteKung beffer gur SBirflidEjleit? freilich, bie
äRefjrgahl ber ©ötter, i|re aögumenfchliche Slrt, ihre
nationale ©nge mären nicht für einen ©eift mie ben
beS ®ichter$: gu SBoban, ®onar unb ©apot fonnte er
nicht gurüdE. Slber fonnte fiel) nicht ein felbftänbiger
®enfer mie er, getragen von bem freieren ©eift ber
farotingifchen Benaiffance, eine Sebent- unb ©otteS*
anfchauung bilben, bie bie SJtitte hfett gmi(<f)en chrift-
lieber unb fjeibnijeher? 3ch möchte e$ glauben, meil mir
jo allein bte merfmürbig freie unb felbftänbige ®enfart
oe$ ®ichter3 begreifen. 3n ber ®at, mie Äoheleth, mic
SUeift, ftanb auch er auf ber Scheibe gmeier feiten.
Slber mit aUebem ift bie Stellung beS alten ®id)ter8
nodh nicht voll verftänben. ©eine Beurteilung be£ ©hoffen*
tumS ift viel bitterer als ber ßroeifet beS ffoheleth- ®r
geigt nicht blofj, bafe bie ®ottt)eit auch ben frommen
unb ©uten ins UnglüdE ftürgt, fonbern er verfettet bie
©reigniffe fo miteinanber, bafe fie in notmenbiger, ftrengfter
golge ^ilbebranb gerabe burd) pflichtmäfeigeö ßanbeln,
Väterliche Siebe unb djriftliche ®emut in bie [chmerfte
©chulb, bie e8 gibt, in Blutfchulb ftürgen. ®enn mit
©chulb beläbt ftch ber Bater burch bie ®ötung beS
©ohneS: ber ©chulbbegriff jener $dt ift noch gang
gegenftänblicfy unb £>ilbebranb mirb gur Blutfchulb burch
bie Berhältniffe gegmungen: er miberftrebt mit aller
Äraft, er jteht baS BerhängniS beutlich fommen — unb
hoch rnufe er fchlie^Uch ben tätlichen ©treidf) führen.
?lu^ ben jungen ©ohn ftürgt gerabe baS pflichtmäfeige
Raubein beS BaterS ins UnglüdE. Bei ihm verhinbert
gerabe bie Bemunberung unb bie Siebe gum abmejenb
ober tot geglaubten Bater bie Söfung ber vermorrenen
Sage unb fteigert bem — mie e$ fcheint — h unn ^^ en
Digitized by
Google
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
33
©egner gegenüber beit 3orn, fteigert ihn bis $um Sn**
grimm, ber fich btinb berget unb bas ©efefc ber Sljre berlefct.
füllt erbarmungSlofer Slarheit unb grausamer ©cbärfe
fprid^t alfo ber Sichter ben ©ebanfen auS: ©erabe Siebe,
Sreue, ftrömmigfeit merben bie notmenbige Urfadje bon
Seib uno @d)anbe, ©lutfehulb unb Sob. Unb ba hoch
eine ©ott^eit bie SBelt regiert — baran ameifelt ber
Sichter nicht — fo ift fie eS eben, muß fie eS fein,
bie ben ebetn 9Jtann in Slot, ©cfjulb unb Sob ftürjt,
mie eS ber ©achfe feinen ©öttern jutraute. Slber mer
ift bann ©ott ? —
Söie bon felbft erflingt t}kx bor unfern Ohren baS
Sieb beS ^arfnerS aus SBiIt)etm SReifter:
2Ber nie fein SBrot mit tränen aß,
$öer nie bie fummerroUen Mächte
3luf feinem Sette meinenb fab,
2>er iennt euch nicht, ihr himmlifchen 9ttäd)te.
3hr fü^rt in8 Seben ihn hinein,
3hr Jagt ben Firmen fdjulbig merben,
2)ann überlabt ihr ihn ber $ein:
$)enn alle ©chulb rächt fich auf @rben.
SaS eben ift ber ©ebanfe beS ^ilbebranbSliebeS.
Ser aSerfaffer beSfelben ergebt fid^ mit folgen ©ebanfen
meit über fein Saßrljunbert unb tritt ben Sichtern
unferer (laffifchen $eit ^ur ©eite. Seinem aber mehr
als Heinrich b. Sleift in beffen Srauerfpiel „Sie
gamilie ©chroffenftein 44 . SS gibt in ber Sat roohl (eine
Sichtung, bie bem |>ilbebranbSlieb nach ©ebanf engehalt
unb ©timmung näher ftünbe als biejeS SBer! beS preußi*
fchen Richters.
Sluch bieS Srama enthält eine furchtbare SJermicflung
ber ©reianiffe. Sluf ber einen ©eite ftef)t ber maßboHe,
ruhige, freunbliche ©plbefter mit feinem ftarfen ©efühl
für Sippe unb mit feiner optimiftifchen SBelt* unb
©otteSborfteüung. Sluf ber anbern ber an fich eble,
aber leibenfchaftltche, an menfcf)lichem ©efühl arme fRupert.
Seffen Seele erfaßt ein unbegrünbeteS, menn auch nicht
unberftänbliche? 2Jiißtrauen. SS macht alle Serfuche ber
3
Digitized by
Original from
IVERSITYOF CALIFORNIA
34
©egenpartei ÄufWärung unb Serfölptung 511 bringen un*
möglich. 3 n firenger gofflCf mit jmingenber SRotmenbigfeit,
fcfylägt alles eble Sun SplnefterS sunt Unheil aus. S)ie
©reigniffe überftür$en unb nerfcfylingen fic§ unheilbar,
bie ßanbtung roßt bem Slbgrunb ju, alle — ©ute unb
SBfe — mit fidfj reifjenb: f dfjliefjlid) töten beibe Sätet
ifjre einzigen Sinber. ®abei !ommt ©plnefterS opti=*
miftifcbe ®enfart met)r unb metjr ins SBanfen. Statt
mie anfangs non ©ott, fpridfjt bie Sichtung häufiger
norn ©djitffal. Unb mie bem alten ^ilbebranb fd)lie|lid>
ber tragifdje ©inn feines SebenS aufbämmert, fo fagt
anä) ©plnefter in äl)nli<$er Stimmung:
(£3 ijt ein trüber £ag
Sftit SBinb unb Stegen, biel SBetoegung braunen —
@3 ^iebt ein unrettbarer (Seift gewaltig
Stact einer Stiftung alles fort, ben ©taub,
2)ie SBolfen unb bie SBetfen.
®aS SBatten ber ©ottljeit ift iljnt unnerftänblidj ge*
morben. —
Über taufenb Saljre meg reicht ber alte Siebter ben
neueren bie £anb. ©r berührt audj nermanbte Saiten
in unferer Sruft. £at nic^t ber furchtbare, greuelnoüe
Stieg, aus beffen Söunben mir nod) bluten, in nieten
gequälten Seelen bie $rage laut merben laffen: 2Bie
fann ein gerechter, barmherziger ©ott bieS unfagbare
Seib, biefe gülle beS ©lenbS auSfdf)ütten über ©ute unb
Söfe, ©(jrentjafte unb ©djurfifche, SOtutige unb geige?
(Bai) man nidfjt, bajj getabe bie Seften fielen unb bie
ßagen im SBohlfein lebten? 8 B 0 bleibt ©otteS ©e*
rechtigfeit unb ©üte, non ber bie Sirene prebigt? 2 Ber
ift benn ©ott?
©S ift i)kx nicht bie Slufgabe, biefe grage ju be*
antmorten. @S genügt, nachgemiefen $u haben, bafc in
ber älteften 5Deutfd)en Dichtung ein ©migfeitSgebanfe
nerborgen liegt, bafc baS alte £ilbebranbStieb nic^t für
uns tot ift, fonbern lebt unb mirft unb ergreift, mie
bamalS, als eS entftanb.
*
%
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
Waltharius manu fortis.
®aS Problem be$ £ilbebranb$liebeS ift rein religiös:
mir erfennen aus bem ©ebiebt bie Stellung be$ ®icbter$
gu einer ber brennenbften fragen ber meligion. SBir
erfennen barauS aber auch, mie ber alte Sänger gu
anbern fragen ftanb, bie baS Seben beS achten
bunbertS [teilte.
3 n |>ilbebranb [(bauen toir [ein SßerfönlicbfeitSibeal:
baS be$ gelben, ©eroaltige Äraft, ungeftüme Samp[e3*
fuft, 3Ret[ter[cbaft in ber SBaffenfübruna unb ÄriegS*
funft, ftarfeS ©b^gefübl gebärt bagu. Slber e$ ift nicht
[tarr unb ^art: berglicbe Siebe gu fpeimat, SSolf unb
Sippe, äKäfcigung, feblict)te grömmigfeit [inb bamit oer*
bunben. 3ugleicb i[t ber alte SRecfe SRufter be$ ©efolgS*
mann«: er i[t [einem £errn unbebingt ergeben, b^f*
ihm ftetS im Äampf, gebt mit ihm in bie Verbannung,
lebt mit ihm im Slenb. 2Rannentreue i[t ebenfalls ein
Sbeal be$ ©icbterS. Sie mirb in [päteren fttittn noch
größere Sebeutung erlangen.
Slucb au[ bie[en nicht religiö[en ©ebieten gibt eS im
§ilbebranb3lieb Spannungen. ®ie @b re be3 tyimUtytn*
ben SRecfen unb [eines t^unnifc^en £errn mirb oom
Sohne mit beleibigenben SBorten angeta[tet. ®er ®e*
[olgSmann mu& SBeib unb Sinb Derlaffen, um Sietricb
bie Sreue gu holten. @S treten ®b rc nnb Pflicht gegen
ben Slutsoertoanbten, äRannentreue unb Siebe in SBiber*
[treit. Slber man beachte mobl: bie[e ©egenfäfce [inb
für $ilbebranb mie für ben dichter oon oornberein er*
lebigt: [ie [inb ihnen feine Probleme. ®S fte^t un*
begtoeifelt feft, bafc bem Selben bie @b* c , bem ©efolgSmamt
bie ®reue über bie Sßfficbt gegen bie Sippe geben mnfj..
3*
Digitized by Google
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
36
«
333ag bem ©ebicbt beg achten 3abrijunbertS nur alg
^intergrunb unb £ebel ber ^janblung bient, mirb in
einem ©pog beg je^nten $ur tmuptfadje unb Problem:
im Waltharius manu fortis. 2)ag mertoolle SBert gebt
jrnar in lateinifcbem ©emaitbe baber, aber eg ift burcb*
aug 2)eutfdE) gebaut unb barf begbalb in ber Steife ber
3)eutfcben ^eibengebidjte nicht fehlen. 35ag SReligiöfe
mangelt nicht barin, aber eg tritt ganj $uriid. ®enn
breit, mit tnelen färben ma It ber Siebter — eg ift
©debarb L, 9Röncb Don St. ©allen —, bag 9Rufter*
bilb beg beutfdjen gelben unb bie 9lrt feiner
Staatggefinnung.
Sag SEBalt^ergebid|t*) ift, etma um 930, unter ber
^Regierung ^einri^g L gefcbrieben. ßroifdjen ihm unb bem
^ilbebranbglieb liegt eine ftarfe fo$iale unb politifcbe ©nt*
midtung: bie jum Öebngftaat. Sie fpielt in bie Sichtung
hinein. Sa fte bag ©erftänbnig aud) ber ^elbengebicbte,
bie nad) bem Waltharius ju be^anbeln finb, jeljr me) entließ
mit bebingt, fei gleich hier in ßür$e auf fie eingegangen.
2 lug ben Sebürfniffen beg friegerifeben Sebeng ber
©ermanen mar bie Sitte ermaebfen, baft fidE) bie durften,
öor allem natürlich bie Könige alg bie Rubrer im Kriege,
mit einem ©efolge non Sriegern umgaben, ©ernährte
gelben, bie eg nad) friegerifeber Sätigfeit oerlangte, junge
mirftenföbne, bie ficb im SBaffenhanbmert augbilben unb
pöfifebe Budbt fernen mottten, fammelten fid} an ben
|>öfen. Sieje SRannen verpachteten ficb — auf eine
beftimmte $eit, nicht lebengtänglicb — bureb @ib ju
unbebingter persönlicher Eingabe an ihren ^errn, §u
voller Unterorbnung unter fernen SEBiHen. Sie fcbüfcten
ihn im grieben, im Äarnpf bilbeten fie feine Seibmadje:
ohne ben £errn burften fie nicht lebenb aug bem firieg
jurüdfebren. ©ing ber £err in bie ©erbannung, mußten
fie ihm folgen. @g mar ein fefteg, jebodj rein perfön*
iicbeg ©anb, bag ben §errn (abb. truhtin) mit feiner
©efolgfcbaft (abb. truht) nerfnüpfte: bie Streue. 2)ag
*) Ä. ©t red er, (SWebarbg Waltharius, beraugoegeben (mit
©loffar) Berlin, gBeibmann 1907. Über|eht oon §. 3lltbof,
2)ag SBoltbarilieb. Setpjig, ©ö(d)en 1911.
Digitized by Google
Original from
U NH VE R SITY-© F-GALlBaRNl A
37
Verhältnis mar fehr ibcal gebadet, mochte eS auch in
SBirHictjfeit mit irbifdf)em (Stoff genug betaftet fein.
Sie ©efotgfdjaft xoax bie erweiterte gfaniilie, eine
©auSgemeinfdE)aft. Sie 9Jtannen lebten mit ihrem dürften
jufammen, fie wohnten am ©ofe, aßen an beS Herren
Sifcf) unb empfingen Don i|m ihre friegerifche 2luS-
rüftung: Sßferb, $anjer, ©dE)ilb, ©dhrnert, Sanje. ©r
forgte für fie wie ein Vater, fie bereicherten fidf) in
feinem Sienfte: greigebigfeit mar beS©errn vomehmfte
Sugenb. Sie ©eiben hießen barum theganä „Kinber".
©ie blieben, fo lange fie bem ©efolge angehörten, un-
verheiratet (al)b. hagustaltä „©ageftolje"). 28er in biefe
gamilie eintrat, löfte fich in gemiffer Ve^ieljung von
feiner eigenen: bie Pflichten gegen ben ©errn ftanben
barum über benen gegen Sippe unb ©eimat.
SaS Verhältnis ber ©efolgSmannen pm dürften
mar junächft rein privatrechtlich. Slber bie ©efolgfcfjaft
enthielt berühmte ©eiben unb hohen Slbel: als tägliche
Umgebung beS ©errfcherS mußte fie ftarten politifchen
Sinfluß auSüben, mußte fie tatfädhlich ftaatSrechtlicße Ve-
beutung gewinnen. 2luch mar barnatS Staats- unb privat**
recht gewiß nicht genau gefchieben.
Ser Vorfi^enbe ber truht, altfr!. trustis, mar ber
Sruchfeß, ber Inhaber eines ber vier alten ©ofämter
germantfdjer dürften. Sr mar Verater beS ©errn, @r-
jießer ber Sßrinjen, im Kriege Rührer ber ©efolgfchaft
unb beS ©eereS. SieS finb bie VorauSfefcungen, aus
benen fich im ©ilbebranbsliebe baS Verhältnis Sietrich$
ju feinem „merteften Segen" erflärt.
333er einen eigenen ©auSftanb begrünbete, trat ur-
fprünglich wohl aus bem ©efolge aus: fo junge dürften,
wenn fie ihr eigenes Steich übernahmen. Stuch ©eiben,
wenn fie ben Slnftrengungen beS Krieges nicht mehr ge-
machfen Waren. SodE) bürfte fich ©efolge fchon früh
über bie ©auSgemeinfchaft hinaus erweitert haben, inbem
©efolgSmannen vom ©errn Sanb betamen.
3m meromingifchen 9teiche mürbe nun baS alte ©e-
folgSfchaftSmefen umgeftaltet. ©ine neue, für baS äRittet-
alter höd^ft bebeutfame SntmidElung beginnt.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
38
Sie ^ranfen Ratten in ©allien grofte ©ebiete er*
obcrt. Sic lernten bort eine eigenartige, in mirtfebaft*
liefjen unb Politiken ©erbältniffen begrünbete @inri(f)tung
tennen. Sa3 gatlifebe ©olf jerfiel in jmei Klaffen freier
ßeute: ©rofcgrunbbefifcer unb Sd)u§befot)tene (clientes).
Siefe lederen Ratten fidj freiroiHig unb pritmtrecbtlicb
ben erfteren unter i£)re SSogtei ergeben unb genoffen
ihren Scbufc. Sie bie&en baf)er amici, feit bem achten
3 abrbunbert vassi unb vassalli (feltifd) = Siener, 3n*
{affe einer Sßobnftätte). Sie leifteten ihren Herren t>er*
febiebene Sienfte: al§ ©auern, al$ ^anbmerfer, aber
auch al§ IriegerifcbeS ©efolge. Sa£ ©erbältni£ mar auf
Seben^eit. Sie granlen übernahmen biefe ©inriebtung
^uerft in SReuftrien, bann in Sluftrafien. Schon nach
650 fal) man bie frältfifcben ®rohgrunbbefi|er al§
Seniores an ber Spifce oon freien ©affen (gasindi) neben
porigen unb unfreien Unechten auS^ieben.
Solche ©affen — convivae regis beiden fie ba —
batte natürlich bor allem ber fränlifcbe König: ^um
fReiterbienft üermenbet ftanben fie tatfäcblid) ben SRannen
be§ ®efolge§, ben Slntruftionen, faft gleich, ©ilbeten
fie urfprünglicb ein KönigSgcfolge ^weiter Klaffe, fo t>er*
fcbmol^en fie allmählich mit ber ©efolgfdjaft: e£ febtoanb
fcbliefelicb ber Unterfcbieb jmif^ett Stntruftionen unb
©affen ber Krone, e§ oerfebmanb ber Sitel antrustio,
vassus blieb übrig. So entftebt au§ ber Serfcbmeljung
ber altgermanifcb*frönlifcben ©efolgfdjaft unb ber gallifcb^
romanifeben reifigen ©afjenfcbaft bie „©afallität“. ©eift
unb Drbnung biefer KronoajaUen roirfte hinüber auf
bie ©affen ber Senioren. Sie ©runblage für einen
neuen Stanb mirb je£t gelegt.
3 n ben „perfönlicben" ©eftanbteilen, bie bie „©afal*
lität" auSmacbten, ju ©efolgfcbaft&oefen unb ©affentum,
!am ein „binglicbeä" unb gab ber neuen ©ilbung eine
mirtfcbaftlicbe ©runblage. 91ucb bie§ febon ^ur 3 e ^ & er
SÖierominger.
Um ficb bie £)ilfe ber 9Käd)tigen bei ben jablreicben
©arteifämpfen ju fiebern, oerfebenften febon bie frön*
fifeben Könige oiet non bem König^lanb an bie ©rofcen
39
»
afö perfönlicheS Eigen: gur Urbarmachung unb Gemirt*
Haftung. Sie ©djenfungen maren miberruflieh, menn
fich ber Gefdjenfte nicht betpät^rte ober gar bie Sreue
brach. Sie Slrnulfingifdhen £au8meter festen biefe
©chenfungen fort, um iijre SKacht gu befeftigen. 9ta<h
bem Sobe be3 Gefchenften füllten bie fiänbereien an ben
®eber gurüdfaüen. ©o entfielen in gfranfen aus altem
Eigenbefifc (SlUob) unb neuen ßanbfchenfungen große
®runbherrfdE)aften, bie ben bäuerlichen ©ieblungen felb*
ftänbig gegenübertreten. Sie Sachführung ber Statural*
mirtfehaft oerlegte halb ben ©chmerpunft beS mirtfehaft*
liehen, fogialen unb Politiken ßebenS in biefe ©runbherr*
{(haften, bie fchließlicß gang Eigentum unb erblich mürben.
3 m fiebenten 3uf) r h un ^ er l war biefe ©ntmicllung ooüenbet.
Sluch bie Kirche oergab Oon je ®runbftücfe. Slber,
nach fanonifchem Stecht, nicht gu Eigen, fonbern gegen
einen jährlichen nur gur 9tu|nießung. Sie formen,
unter benen bie Geleiljung oor fich ging, hießen precaria, 1 )
ßanbleihe auf Gitten be8 Geliehenen ober benefleium,
ßanbleihe aus ®nabe. Siefe gmeite, oorneljmere Slrt
befarn im 7.-8. Sahrljunbert eine neue, meitgreifenbe
Gebeutung.
8 tt gum fiebenten Sahrljunbert lag ber ©chmerpunft be£
fränfifchen |)eere$ im gußoolf. Saneben gab e$ mohl
feit alterS eine gepangerte fernere Steiterei. Sie Kämpfe
mit ben Slrabern, mie man annimmt, gtoangen bagu,
ben ©chmerpunft in biefe fernere Steiterei gu oerlegen,
©ie mußte ftarf oermehrt merben, menn man fich gegen •
bie fortgefefcten Einfälle be§ feinblichen SteiteroolfeS
' behaupten mottte. Slber ber Sienft gu Gferbe mar
teuer, ©o fannen bie £au8meier, oor allem ®arl
2 WarteH> auf ein geeignetes SKittel, ihre Steiterei gu
permehren, ©ie fanben eS auch-
Äarl SJtartetl mar eS, ber bei ber Kirche eine „Slrt
RmangSanleihe machte.. Er nötigte Gifdjöfe unb 9[bte
Äirchengut an bie ®roßen — ÄönigS*8afallen unb
fonftige mächtige Herren beS Steiges — gu oergeben4
») Siehe Du Cange.
/
Digitized by
Google
Original from
NIVERSITYOF CALIFORNIA
--
40
$ie gorm tüar e ^ en b* e ©eneficiumg, ber Sanb*
leit)c aug freiem, eigenen ©ntfcblufj beg ©erleiberg.
Slud) ber Äönig übte biefe Slrt oon Vergebung jd)on
lange aug Staatlichem ©efi|. ©ie fcblofe urfpritnglicb
Pflichten, ®ienfte ober 3* n f c f ber oerfdjiebenften Slrt
ein, im Sauf ber 3 e it über blieb ber Üiame ©eneficium oor
allem für bie Sanboerleibungen in ©ebraucb, mit benwt
bie ©fließt jum Srieggbienft oerbunben mar (beneficium
militare). 3nbem nun fotefje ©enefi^ien feit ber 3 e ^
beg 7.—8. 3öl)rf)unbert§ ftetg an fotdje ÜRänner gegeben
mürben, bie bem ßeif)geber bureb persönliches Sreu*
oerbältnig, ©efolg* ober ©affenfebaft, oerbunben maren,
inbem bie Sanboergebungen oer Könige bann burebmeg in
ber ftorm beg ©enefteiumg oolljogen mürben, entftanb
Schließlich aug ber hoppelten 2Bur$el beg EEreuoerbältniffeg
nnb ber Senefi jienoerteibung bag ©eneftjial* ober ßebuämefen
bie £auptform aller Staatlichen Sinbungen beg SRittelalterg.
®ag „Sehen" (beneficium), bag ber Äönig gab, legte
bem ©eliebenen oor allem bie ©erpfliebtung auf, bem Steife
felbft ^eereSbienft ju leiften unb eine beftimmte 3^1 ^on
Leitern ^u Stellen. ®g gab ibm bie ÜRittel baju an bie
$anb, bie ÜRittel ÜRannen augjurüften, ju oermebren
unb bem Könige jur ©erfügung ju fteßen. $enn bie
großen Herren oer lieben, mag fte empfingen, in gorm
nein er er ©fiter meiter an ihre Safallen.
Sluf biefe SEBeife traten bie ©roßen beg fReicheS meift
mit einem Xeile ihrer ©efifcungen jurn Könige unb $ur
Äircbe in Sebngabbängigfeit. 2)urcb bie Sßeiteroerleibung
entftanb ein reich geglieberteg ©pftem oon Safallen.
ÜRan unterjebieb Äron* unb ©rioatoafaflen: biefe finb
beg Äönigg Sifteroafaßen. 2 )ie 3 °bl ber festeren über*
mog meitaug, bie erftere mar nur flein.
2)ag Sebngmefen mirb nun immer mehr auggearbeitet.
@g burebbringt mehr unb mehr bag ©taatggebäube, mirb
ein immer mid)tigeter ©eftanbteil beg ©taateg.
ÜRarfgrafen unb ©rafen maren eigentlich ©eamte
beg Äönigg. Sllg Entgelt für ibre Sätigfeit bitten fie
Slmtggüter jur ülubniefeung. SRa^) ©ntftebung beg
Sebngmefeng gaben ihnen bie Sfönige biefe ©fiter ju
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
41
Sehen, um bamit ber ©efahr Dorflubeugen, baß bic ©üter
©igenbefifj unb erblich mürben. Statnit änberte fid^ bie
Stellung biefer |>erren jum $errf<her, fie mären ihm nun
burch bie ^anbreichung unb ben Sreueib perfönlich $u £eer-
unb |)offaf)rt oerbunben. An ©teile beS SeamtenDer-
hältniffeS trat ein anbereS, in bem baS Sßerfönliche ftart
übermog.
Sbenfo beeinflußte baS SehnSmefen bie ßufantmen-
fefcung beS Heerbanns. SaS^eer orbnete fich mehr unb
mehr nach ben oafaßitifchen Aufgeboten ber ©runbherren,
nicht mehr bloß nach ben Aufgeboten ber ©raffeßaften.
Sie 3>bee beS SehnSmefenS übertrug fich auf bie
©eiftlicßfeit. Sijcßöfe unb Sibte ftanben urfprünglich auch
mit ihrem Amts- unb Kirchenbefiß, feit 1122 menigftenS,
mit ihren meltlidjen Siechten unb mehligen Kirchen?
aut jum König mie SSafaUen jum $errn. SaS Szepter
ift feit 1122 Reichen ber ^Belehnung.
©djtießlid) griff ba$ SehnSmefen auf bie
SRinifterialen über. AIS mau fie jum öffentlichen Sienft
heranjieheu mußte, mürben auch ih rc urfprünglich
priDaten Sienftlehen als echte Sehen anerfannt. SaS
gefchah int jmötften Sahrljunbert.
©o burchjoej bie SehuSibee immer mehr Schichten
unb ©tänbe, fte trug mefentlicß baju bei, ben alten
fränfifchen 93eamtenftaat in ben mittelalterlichen fjfeubal-
ftaat umjumanbeln.
SaS ältere Saffentum unb bie fpätere 93afaflität
haben fich unter bem Sinfluß beS ©fcfolgfchaftSmefenS
entmicfelt unb Diel Don ihm in fich aufgenommen. Sarurn
finb auch ©eift unb Sbeale ber alten’©efolgfchaft in baS
SehnSmefen hinübergemanbert unb höben es burchbrungen.
Auch ber SehenSmann leiftetete „£anbreichung": er legte
feine £änbe in bie gefalteten beS$errn; auch erfchmur,
mie einft ber ©efoIgSmann, ben Sreueib unb Derbanb fich
ganj perfönli^ mit bem $errn, ber ihn feiner „£>ulb"
Derftdherte. Üreue unb ©ulbe mürben auch bit
©runbpfeiler beS neuen ASefenS unb bamit eines
mefentlichen Seiles beS ©taateS, jebenfaHS beS
Seils, ber ben Sichtern unferer ^elbenepen aHein am
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
42
^er^en lag. 8lu3 perfönticpen uitb fittlidjen fßflicpten
leitete man nun in ben Greifen ber SSafallen bie ftaatlicpen
t)er: bie gornt biefer ©taatSgefinnung mürbe
ftar! perförtlich unb etpifcp. ©ie mirft nocp peute nacp.
Sn benSInfang biefer ©ntmidlung gepörtber SBaltpariuS.
(Sr fpiegelt uocp SBerpältniffe ber alten gamilien* nnb
^auggemeinfcpaft unb bepanbelt Probleme, Die fie aufmarf.
Sa3 SepnSfpftem mar fd)ön unb ergaben gebaut.
mar barum gerabe für bie Sicpter eine banfbare Sluf*
gäbe, bie ©ebanfen, bie e£ trugen unb burcpbrangen,
burcpjuarbeiten unb inä allgemeine Semujjtfein ^u ergeben,
um fo grünblicper unb nacpbrüdlicper, je meniger bie
SBirflicpfeit ber gorberung entfpracp, je mepr bie fcpmeren
©efapren biefer Strt non ©taatöoerfaffung peröortraten
unb Slnaeicpen ber 3 er f e fe UIl 0 ficptbar mürben. Sn
biefe 3eit be£ ©infen£ gehört ber „Äönig Stotper" unb
ber „£>er$og ©aift“.
Ser ©runb ber Sluflöfung ift Har. Sie fiepen maren
urfprünglid^ nicpt erblich: rnenn ber £>err ober ber SSafall
ftarb, fielen fie jurüd. Slber fd)on früp brang bie 33or*
fteüung burcp, bap Senefi^ien ©igentum unb erblirf) jein
müßten unb feien; e§ lag baä in ber 9latur ber ©acpe.
Somit lüften fiep bie Seamten unb bie ©runbperren
Dom Äönig lo§ unb mürben felbftänbige fDläcpte, ber
©cproerpunft be3 SleicpS fällt nun in bie ©cpicpt ber
großen SSafaHen. 9IHe3 Sieben t>on Sreue unb £mlb barf
nid)t barüber pinmegtäufcpen, bap ba£ 93afaHenmefen bie
SRacpt be£ ©taate£ untergräbt: bie Sleicpstage merbeit
halb SBerfammlungen ber @rof$en, bie bem Könige i£>ren
SBillen auf$mingen unb ipn auSbeuten.
Sie Umbilbung ber fiepen ^u erblichen macpt feit bem
^epnten Saptpnnbert ftarfe ^ortfcpritte. Unter ®onrab II.
mirb bie ©rblicpfeit ber nicpt^fürftlicpen anerfannt. ©eit
|>einricp IV. oerlangen aucp bie dürften bie ^ftf e fenng
ber ©rblicpfeit: e§ gefcpiept erft unter ben ©taufern.-
Somit ift bie Ummanblung ber S3enefi^ien in ^ßrioat^
eigentum fo gut mie ootI$ogen.
Sa£ ^mölfte Söprpunbert fcpliefet bie ganje ©ntmidlung
ab. Sie 9lu§bepnung ber Smmunitäten !am ba^u. Somit
43
mar bie StuSbilbung beS SerritorialfpftemS faft fertig, nur
bic 5lnerlennung ber ^orm fehlte noch. Surcb bie SBirren
nach bem lobe Heinrichs VI. !am fie halb in ben
belannten jrnet ©efeften bon 1220 unb 1231. Somit
mar ba§ ®nbe bes bafallitifcb jufammengebaltenen
Seutfcben ffaiferreicbS beS ÜJiittelalterS befiegelt: eS verfiel
in lauter einjelne, nur lofe ^ufammenbängenbe SanbeS*
fürftentümer. ®S begiunen bie Reiten ber $auSmacbtS*
politif unb bie Sßeriobe ber Ohnmacht SeutfcbianbS.
■Kibelungenlieb unb Äubrun entfpringen ber trüben Reit,
in ber ber ftolje Sau beS atteu Gleiches jufammenfinft.
Slber id) mit! nicht borgreifen. Runäcbft foH uns ber
Waltharius befebäftigen. @S ift baS erfte @poS ber
Seutfdjen Siteratur. ©einem Serfaffer lag oermutlid)
ein Sieb bon „geringem Umfang als Quelle bor: gefault
an Sergils $neiS h a * er ben ©toff auSgemeitet unb
bamit ben mistigen Schritt bom Sinjellieb gurn gelben-
epoS getan. 1 )
Ser ^unnentönig Stttila, fo erzählt ®<febarb, bureb*
jie^t bon S an bonien aus bie Steife beS SBeftenS. @r
macht fie fid) untertan, fie müffen ©eifein fteßen unb
RinS jablen. §agen bon fronten, SBattber bon Aquitanien,
Siltgunt bon Surgunb lommen fo an ben §of ins
$unnenfanb. Sort machen fie in ber ^auSgemeinfcbaft
beS SönigS auf. Sorgfältig unb ftanbeSgernäfe erjogen
treten fie bem Äönig unb ber Königin nabe. Sie beiben
t elbenjünglinge metben in ben SreiS ber Sertrauten beS
errfcberS auf genommen, boeb lefen mir nichts bon ®ib
unb SreuegelöbniS, ben ©runblagen beS ©efolgSmefenS.
Salb ftnb fie ©tüfeen feines SReicbeS. £agen flieht in
bie £eimat jurüd: Sßaltber folgt mit fjiltgunt, bie ihm
febon bon fiinb an berlobt ift. SaS f$aar überfdjreitet
auf ber SRüdfebr ben 9tb ein - ©untber, Äönig ber fjranfen
unb ßagenS SebnSberr, tritt SBaltber mit ben Seften feines
©efofgeS entgegen unb berlangt ihm bie Schäfte ab, bie
biefer bei ficb führt. Ser ^elb bermeigert fie. Kämpfe
x ) 51 Neuster, Sieb unb (SpoS in gerntan. 0agenbid)tung.
^5)ortmunb, ShtbfuS 1905.
Digitized by
Google
Original from
IVERSITY OF CALIFORNIA
44
%
entfpinnen ftcf), in bcncn fämtliche gelben beS graulen*
tönigS fallen. 9hir £agen, t>on ©untrer beleibigt unb
anbererfeitS SBalttjer burct) SBaffenbrüberfchaft nerbunben,
hot fleh nom Kampfe ferngehalten. Aber fc^Iicfelic^ gtoingt
auch ihn bie 2RannenpfIicht jum Sarnpf. ®iefer bleibt
unentfepieben. §agen, ©untrer unb SEBaltper tragen
fcpioere SEBunben baoon. Ser £elb non Aquitanien äieljt,
nachbem er fidE) ruhmooH behauptet hat, roeiterhin un*
geftört, mit feiner Sraut f)eim. ®aS ift bie einfache
t anblung ber Sichtung, bie ©efeparb burd) niete
cpilberungen, inSbefonbere non Kämpfen nerfc^iebenfter
Art belebt hat. Ser fünftterifd^e ©ebanfe, bem fie
bient, ift bie ®arftellung ibeaten beutfdjen
t elbentumS in ben Serfönlicpfeiten SßaltherS unb
agenS. ®en bunfeln ©Ratten ju bem ftraplenben Sid)t,
baS auf jene beiben fällt, geben ©untrer unb feine
fränfifchen äRannen.
SBaltper ift ber föniglidje §elb. ®r toächft am
$ofe AttilaS auf. ®iefer lä&t ihn in ben Sßiffenfchaften
— ber 2Rönd) benft natürlich an bie fieben freien fünfte —,
baju in allem, maS ßarnpf unb Ärieg nertanat, unterrichten.
SBir jehen: baS Sbeal beS ®icpterS — ob feiner ßeit? —
ift ber gebilbete f>elb, nicht ber blofee £aubegen. SBatther
übertrifft fcpliefelich alle 9Ränner am £>ofe be$ ÄöntgS,
an Äraft bie Ärieger, an ©eift bie SEBeifen. Salb tmrb
er güprer beS hannifchen Heerbanns. Sieger in allen
©flachten, hält er bie 9Racht beS SReicheS in feiner £anb.
fjochangefehen toirb er non niemanb mehr als greutber
betrachtet.
®ie greunblicpfeit beS ÄönigS, bie hunnifche @rjiepung,
ber ©lanj beS |>ofeS, bie Säten, ju beiten er in AttitaS
®ienft ©elegenheit finbet, nerfehlen ihren ©inbrud auf
ben Säugling nicht. Aber trofcbem bleibt in feiner Seele
ber 3 U 9 S ur ^eimat unb Sippe mächtig. @r fühlt mie
ber alte ipilbebranb. Sreue unb Siebe gu ben ©einen
flehen ihm über Ergebenheit unb gfreunbjchaft ju bem
nicht freimiHig gemählten, menn auch hocfjnerehrten ^errn.
©r betnahrt in feinem £erjen echt Seutjche ©efinnung, er
geht nicht im fremben Sollstum auf, er bjunnifiert fich
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
I
45
nicht. Slud) ()ält er treu bie ihm oom SSater burd) bie
Verlobung mit £)iltgunt auferlegte Serpflichtung. ©ie
ift rein äujüerer, rechtlicher SRatur, benn SBalther lernt
bie 33raut erft im |iunnenlanb fennen. Slber er i)ält
fich gebuttben: Sorgfältig meibet er eg, ftdj am £>ofe
fefjeln ju laffen. Snbeg beutet er meber ben Hunnen
noch felbft ^iltgunt gegenüber auf bag beftehenbe i$er*
löbnig hi«, jobaft bag Räbchen meint, er moße fich ih re *
nicht mehr erinnern. Sod) SBalther hat befonberc 91b*
fid)ten: er mißt bie £unnen nicht mtfjtrauifch machen,
benn noch immer ift er ©eifei; ©ebanfeit an glucfjt
regen fid) oielleidjt fdjon leife tn feiner ©eele.
3n feinem ^er^en ift nun bie Siebe für «'piltgunt
ermadjt. 3 ur Pflicht fommt bie Neigung.
2lm £>ofe ahnt niemanb, mie eg in SBaltljerg ©eele
augfieht. ©r felbft h fl t auch noch feine flaren ^ßläne.
Sa bringt bie flucht beg SBaffenbruberg ^pagen fein
Snnereg in ftarfe 23emegung. Sie ©ehnfucht nach ber
|>eimat fchmißt an. ßWifctrauifd) gemorbeit, möchte ihn
bie Äönigin burch eine oorneljme ^drat an ben §of
binben. Slber SBalther meifc mit oerfteßter Sefcheibenheit
augjumeichen: „geh miß nichtg anbereg fein, alg ein
treuer Wiener meineg §errn. ©ine ^jeirat mürbe mich
burch Sorge unb Siebe bem Sienft entziehen unb oom
©ebanfen an bag SBohl beg Steicfjeg ablenfen. SKichtg
fd)önereg gibt eg für mich, alg immer um ben Sönig
^u fein unb ihm gu bienen." ®g fittb bie ©rünbe eineg
©efolggntanng, bie er gegen bie J^eirat ing gelb führt.
Ser $önig läfct fich täufdjen. Unbebenflid) greift SBalther
Attila gegenüber $ur Sift unb SScrfteßung: eg ift ja
nicht fein frei gemähter |)err, bem er eiblich jur Sreue
uerppichtet märe. Sann flieht er mit ^iltgunt.
Sie @efaf)ren ber glucht unb bie Kämpfe mit ben
granfen enthüfleit nun 3 U 9 um 3 U 9 äWufterbilb
beg Seutfchen gelben, bag bem Sichter oorfchmebt. @g
ift ^unächft ermachfen aug bem friegerifdien Seben jener
3 e P-
SBalther ift oon ungeheurer Äörperftärfe: ftramme,
fertige ©lieber oerraten feine gemaltige Äraft. Sro^
46
bet Saft bet Stiftung fdjreitet er bei ber gluckt fcbnell ba^
bin. Sie gasreichen itäm^fe mit ben granfen befielt
er, ohne gu ermübeit. 2Rit ber ©tärfe paart fiep ÜRut:
SBaltber ift ein ftarfbergiger $elb. SRie t>erjn>eifeft
er in ber ©efabr, nie fließt et feige, auch menn ihn
mehrere angreifen. Slber al$ ed)t germanifeber 9tedEe
nerfebmäbt er feineSmegS bie Sift: liftig täufebt er bie
§unnen bureb ein Srinfgelage, liftig meifc er ber geplanten
$eirat am ^>ofe gu entgehen.
$eroorragenbe Senntntö ber SBaffenfübrung macht
ihn gu einem furchtbaren ©egner. Sie geinbe fürchten
ihn mie ben Sob: mo er erfd)eint, flieht alles. 3n ber
oorteilbaften Stellung ber fjelfenböble geborgen, oerachtet
er einen ganzen Saufen SRänner: bort tönnten ihn alle
Steiter unb gufjfolbaten ber granfen gufanunen nicht
erlegen.
©eine Sapferfeit ift meit befannt unb berühmt
©toifdfje ©elbftbeberrfchung oerlangt ber Siebter oon feinem
gelben. 311S SBaltber eine £anb abgewogen mirb,
oerjiebt er feine äRiene. Unerfcbüttert febiebt er ben
Stumpf in ben ©cbilbbalter unb fömpft meiter. $inter*
her ergebt er fich in grimmigen ©d^erjen über feine
Serftümmelung.
©eine ©tärfe unb SReifterjehaft in ber SEBaffenfübrung
geben bem gelben oötligeS ©elbftoertrauen. Srobenbe
Sieben febreaen ihn nicht. Sen SRannen (SuntberS
gegenüber fpriebt er baS ftolge SEBort: „$ein graute foH-
oon hier gurüeffebren unb feiner grau erzählen fön neu,
er b^e mir ungeftraft etmaS oon meinen Schäden
abgenommen."
.@S märe ein hartes, ftarreS ^elbenbitb, maS ber
Siebter geiebnete, menn er ihm nur bieje $üge geliehen
hätte, äber mit oollem S3ebacbt fügt er mäfjigenbe,
milbembe, mehr menjd^liche bingu.
SBaltber bat |)ocba^tung oor bem Äönig, aud^ menn
ihm biefer feinblicb gegenübertritt; Äugen fennt biefen
,8ug an feinem greunbe. $art ift fein SSerbältniS gu
Ijiltgunt: er tröftet bie betrübte 39raut unb beruhigt
bie 3i^ ern be. @r. beobachtet ^urüdfbultung: ber Sichter
Digitized by Google
Original from
U NlV E R SI TYTI^'C AL IFO R NIA
47
hält e$ für nötig $u erwähnen, bafe ficb SBaltber auf
ber ganjen 9ftcifc ihrer Siebe enthält.
Vor allem bejeelt ben SRecfen nicht Sampfluft um
jeben $teiS. @r fämpft nur, tvenn er einen geregten
unb vernünftigen ©runb §at, unb toenn es ihm fein
©etoiffen erlaubt. 3)arum meibet er jtoecflofen Streit, fo
lange er eS mit ©jren fann. Sogar bie unhöfliche grage
SamaloS läfct er ficb gefallen. £mnbert, Später jtoeibunbert
Srmringe bietet er bem Soten ©untrer«, bamit ifjm ber
unnü|e Sampf erjpart bleibe, unb auch bann fämpft er
ungern gegen bie granfen: er toeif;, bafc er fiel) baburtb
nur geinbe macht. Sßatafrib ttmrnt er auSbrücflicb jroei**
mal, mit ihm anjubinben. /.
Seim StuSnüpen beS Siegel gebt er nid)t über baS
erlaubte SJiaft ^inauS. ®r nimmt ben ©etöteten ^toar
SBaffen unb Scbmucf, aber bie Sleiber läfjt er ihnen.
SBaltber bleibt immer ruhig. Sluf ©untberS Schmäh*
reben antwortet er nic^t: nur einmal toirb er ärgerlich,
als ihn bie granfen mit bem Stridf jur @rbe jieben
tvoHen. @in $auptfenn$eicben ift bie Sorfid)t unb ver*
nünftige Überlegung. SBaltber b^t nichts von tollfübnem
SBagemut an ftcb, ber mit ber ©efabr fpielt. Sluf ber
glückt marfebiert er gepanjert: er benft immer an bie
zÖJöglicbfeit eines Überfalls. 6r fpäbt unb b orc ht
beftänbig nach allen Seiten. Sorficbtig mäblt er bie
gelsfpalte in ben Sogefen jurn SRubeplafc aus. Slber
feine Sorficbt ift nicht temperamentlos: ben ©riff beS
jerfprungenen ScbtoerteS unmutig megmerfenb gibt er ficb
btofe — unb £agen b^ut ihm bie £anb ab.
SBaltber ift auch fein romantischer £elb, ben nie
gurebt antoanbelte. Ser Siebter jagt auSbrücflicb, auf
ber flucht höbe ber a SRecfe immer fjurebt vor Verfolgung
gehabt, fogar in fieberen ©egenben. Sorgenvoll über**
legt er, roaS er tun foH. Sei bem plö^lidben Singriff
beS Stanbolf erfdbrieft er, fa|t ficb aber fdpteH. iro^
folcber menschlichen Slntvanbiungen bleibt er immer ftanb*
baft im Unglücf unb vermeibet au^ ben Schein ber
geigbeit: er verharrt nadb beftanbenen Sümpfen bie
0tocf)t in ber §öble, bamit ©untber nicht fagen fön ne,
Digitized by
Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
48
#
er fei geflogen, ©ein ©jrgefütjt treibt ihn bagu, benn
er hält, toie ein echter |>elb, einen frönen Job für beffer
als Rettung burch feige flucht.
SBaren bie$ menfchliche 3üge, burch beren ©eimifchung
©cfeljarb oermeibet, ben ©hörafter feinet ©eiben aflgu
hart unb ftotfd) gu fchilbem, fo fommen anbere
hingu, bie ben ftönigSfohn als ©hriften Scheinen laffcn.
@S miß nicht oiei bebeuten, toenn ber SRecfe über
bent SBein fein Äreug fcfjlägt. Slber er oerehrt ©ott als
ben Schöpfer aßer jinge unb fRegierer afleS beffen,
maS geraffen ift, ohne beffen ©rlaubniS unb Sefehl
nichts befielt. 6r oereljrt ben ©ott, ber ihn aus oielen
©efabren errettet ^at: ihm oertraut er, ^offenb, bafc er ihn
auch je|t toieber erretten toerbe. Unb ©ott hilft mirtlid):
SBalttjer banft ihm bafür. @S ift biefelbe einfache ©otteS-
oorfteflung, ber auch §ilbebranb urfprünglich angehangen
hatte.
Slber ber Sinn beS gelben höt nichts ausgeglichenes,
barin ein Spiegel ber 3«t oor ber ßteformbemegung, ber
3eit in ber [ich ©ermanif<heS unb ©hriftlicheS noch nicht rejht
oerfchmolg. Slltgermanifcher ^elbenfinn unb bemütige
grömmigfeit, baS ©rbteil ber orientalifchen Heimat beS
©hriftentumS, moflen fich in feiner Seele noch nicht ver¬
einigen. SBalther empfinbet barin ähnlich mie ^)ilbebranb.
Sarum baS ftolge SBort oor ber £öhle, maS oben fdjon .
mitgeteilt ift. Slber gleich nach biefer felbftbemufeten
9tebe gegen bie gfranlen, an ber mir oon bergen Sßohl*
gefaßen höben, faßt er gur ßrbe nieber unb bittet ©ott
megen ber hochfahrenben SBorte um ©ergeiljung — bem
ÜJiönch ift bie SRegung ber ^elbenfeele oerbächtig. Unb
bann: hört unb entfchloffen tötet er feine ©egner unb
fcfjlägt ihnen bie Äöpfe ab. SBir meinen mit 9ted)t, benn
fie haben ihn leichtfertig gereift unb ohne Slot fein Seben
bebroht. Slber hinterher menbet er fich mit bitterem
Seufjen gu ben Joten unb fe|t jebem baS §aupt toieber
an, toenbet fich nach Dften unb betet: „3<h ban!e bir
©ott, bafe bu mich aus ber ©anb meiner geinbe gerettet
haft. Sch bitte bidj gertnirf^ten ^ergenS, laf$ mich bieje
Joten im ^immet toieberfehen 41 — es fcheint fytx, als
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
49
ob er jefct feine Jäten als Sünbe empfinbc. ©elbengeift
unb ßfyriftentum gehen noch nicht gufammen. ßS luirb
noch lange bauern, bi« beibe ©eftanbteile in ben
Seutfdjen Seelen t>er jd£)melgen: erft Slübeger non Seeklaren
unb Shibrun finb ausgeglichene (S^araftere.
®S ift ein flareS ©ilb beS gelben, was uns aus bem
. {leinen @poS entgegentritt: beut beS Sieden ©ilbebranb
ift eS in bielen ßingetheiten berwanbt.
SBaltherS gewaltige ©eftalt wirb burd) ©egenüber*
ftellung ber ©iltgunt noch öe^oben. Styre befcheibene,
fülle, faft bemütige 3 u ^üdhaltung unb ®rgebenf)ett, ihre
heimliche Neigung für ben glangenben gelben, ihre Sorge
unb Slngftiichfeit ftehen im ©egenfap gu ben männlichen
Sugenben ihre« ©erlobten. Ser dichter gibt in ihr
fidhtlich fein 3beal ber grau: für Sßrünhilbennaturen
hat er nichts übrig.
©untrer ift baS unerfreuliche ©egenftüd beS aqui*
tanifch&t ÄönigSfohnS: an ihm wirb gezeigt, wie ein
©etb nicht fein foH. Unter biefem ©efichtSpunft mufj
feine ©eftalt gunächft berftanben werben.
Sluch ©unther ift ÄönigSfohn wie äßatther. SllS bie
Hunnen in granfen einbringen, fott er ihnen als ©eifei
folgen. ®r ift noch gu flein unb gart bagu; ftatt feiner
geht ©agen nach Pannonien. Sin oorauSbeutenber 3ug:
fchon früh mufj ber ©efolgSmann unb ©afatl für feinen
©errn eintreten. ©untherS Selbftgefühl tut bergleidjen
aber feinen Abbruch: auf ben Sh ron glommen, fühlt
er fich als ©aupt ber SBelt — ber Sichter benft babei
bielleicht an bie Stellung, auf bie ber Seutfdje Saifer als
Stachfolger ber römifchen Slnfprud) erheben burfte.
Slber ©ibidhoS Sohn giert ben Sh ron nicht. ® r ift
alles anbere als eine ©elbengeftalt. Seine Äraft ift
gering: feine Sange h a T* et nur fch^öch in SBaltherS
Schilb, leicht fRüttelt fie biefer tyxauS. @r ift ber
eingige, ber eS nicht wagen fann, bem Stquitanier allein
entgegengutreten: er hilft nur mit am Strid beS SBurf-
fpeers giehen — fein fehr fönigli^er Slnblid.
Sie 2trt, wie er fämpft, ift wenig würbig. heimlich
wie ein Sieb fucht er bie bcrfd)teubene Sange wieber an
4
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
50
#
ftd) ju nehmen. SSott SBalther jornig angerufen, gittern
ihm bie Änie. 2)er SSafaß muh ihn mit bem ©d)ilbe
beefen, fonft märe ihm ber Äopf jerfpalten. S33oJ)l hat
©untrer @l)rgefüt)l mie jeber echte 2Rann: id) miß lieber
fterben, als fchimpflid) nach SBormS gurüdEfet)ren r fagt er.
21ber babei ift fein ßljaratter bod) höchft unerfreulich. 4>agen
erfennt in bem SBanberer am 9lt)ein feinen SBaffenbruber
unb freut fich auf baS Sßteberfehen: ©untrer bentt fofort
an baS ©olb, maS jener mit fich führt unb maS er ihm
abnehmen möchte. Son Habgier berblenbet, achtet er bic
©efühle feines beften SSafalien für nichts. Unb hoch
gilt bie greigebigfeit als Stugenb ber dürften.
3)er echte |>elb ift bebächtig unb borfichtig. ®er
grantenfönig eilt leichtfertig gum $ampf mit 2Baltt)er.
jpagen marnt, aber fein $err nimmt leine Semunft an.
@r lehnt baS entgegenfommenbe Slnerbieten beS gremben
ab, h oc hntütig unb in bofler SSerblenbung fchitft er alle
feine ÜRannen in ben Stob.
©anj töricht benimmt er ftd) gegen £>agen, feinen
tapferften 9)iann. ®iefer fennt ben ©egner unb rät
beSfjalb bringenb bom Kampfe ab. Slber ©unther
beleibigt ben Sßohlmeinenben, ber ihm treu ergeben ift,
unb mirft ihm geigheit unb Sälte bor. Snfolgebeffen
jieht fich $agen aroßenb aurücf. 2reue um 2xeue
forberte bie alte |>elbenethif, aber ©unther ift ein
Äönig, ber leichtherjig unb bon fid) überzeugt, feinen
treueften Wiener, bie ©äule feines SReicheS, in*ber
beleibigenbften SEBeife beifeite fd)iebt. 2)afür muh er fpäter
ben ©eleibigten bemütig um §ilfe bitten, muh fich &wt
ihm bittere SEBorte unb ,3tirüameifungen gefallen laffen,
muh fich fogar fchulbig belennen. ©o fpielt er am
®nbe bor bem SSafallen eine llägliche Stoße.
3n bem folgenben Äampf muh ihn ^agen mieber
retten: ber dichter miß fagen, bah ber $önig ganj auf
bie fiilfe feines SRanneS angemiefen ift.
Walther fchä^t ihn gertng ein unb behanbelt ihn
berächtlich: ^iltgunt muh t^m beim SerföhnungSmahl ben
SEBein jule^t reichen, benn „läffig h^t er fidh gezeigt im
Äampf mutiger SKänner, auch longfam unb fchtoächlich. w
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
#
51
@o ift ©untber. Sie granten finb i^reS Herren
mürbig. 9lu<b fie höben nicpte non ber Stube unb
Slefonnenbeit SßaltberS, oon feiner Stecbtlicbteit unb
SDtäfngung. Seibenfcboftlicben Sinnes [teilen fie ficb in
ben Sienft beS Unrechts: ben ©egner unterfcböfcenb,
bet)anbeln fie it>n unhöflich unb boebfabrenb, fogar fpöttifcb-
®on Süntel gejebmeflt gebt mancher non ihnen in ben
Äompf mit SEBaltber: Franci nebulones nennt fie barum
ber Siebter, minbige, prablerifcbe, oielrebenbe gfranfen.
Slucb fie entfpredjen nicht bem SRufterbilb be£ Seutfcben
gelben, baS ©cteborb im ©eifte fcböut, baS er .feiner $eit
norbält.
Sieben Sßoltber ftebt im ©ebiebt $agen, neben bem
ÄönigSfobn ber ©efolgSmann unb SJafafl: ein anberer
SppuS btö ölten gelben, eine glänjenbe ©eftalt mie jener.
@r mirb faft mit benfelben ßügen ge{d)ilbert mie ber
aquitanifebe StönigSfobn, aber ber Siebter leibt ihm foldje
ba$u, bie ber befonberen Stellung entsprechen, bie er im
Staate einnimmt, unb $mar benu|t er bie ©eftalt, um
flar unb febarf ein Problem ber föelbenetbif auf$umerfen
unb ju löfen, ba$ fßroblem „SBaffenbrüberfcbaft unb
SRannentreue." ©3 murmelt tief in ben Serbältniffen ber
Sahen ficb bie ©efolgSmannen eines dürften als feine
Äinber an, fo maren fie untereinanber Sjriiber. ©3 fam
febr oft öor, bafj gelben, bie im ßarnpf jufammen»
geftanben bitten unb beren £)er$en übereinftimmten, ihr
SßerböltniS feierlich noch enger geftalteten: $ur SBaffen*
brüberfepaft. Urbilb unb ÜÜiufter innigfter SSerbinbung
mar bon je bie SlutSöermanbtfcböft. So mifebten bie
SRänner, bie SBaffenbrüber merben moUten, ihr 95Iut,
tränten eS auch mobl unb febmuren ba$u ©ibe, ficb n{t
^u oerlaffen, einanber ftet§ ju b e If en > w* 9 e 9 cn cinanber
^u tämpfen. Slucb bieS mar ein ibeale« perfönlicbe«
SerbältniS, auf Sreue gegrünbet. 6§ ift tlar, bajj folcbe
Serpflicbtung mit anberen Sreueberbältniffen jufammen^
ftofeen tonnte: bie Siebter höben ficb um ®örftellung
folcper Äonffifte bemüht unb Söfungen gefunben. Sine
folcpe gibt auch ©efebörb.
4 *
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
52
SBir vermögen heute ben ©rnft unb ben SBert ber
SBaffenbrüberfchaft nicht mehr gang nachguempfinben.
Sie begreift [ich nur aus einer 3eit, bie uom $atnpf
erfüllt war, in ber ber Sßaffengefäfyrte oft bie eingige
©tüpe beS gelben blieb. ^roei mittelalterliche ©ebixhte
werben uns fc^neQ in bie Stimmung hineinführen unb
bie ©runblage abgeben, unfere Sichtung gu verftehen.
SaS erfte berfelben, ein lateinisches, ftammt auS bem
10.Sahrljunbert unb ergäbt von Santfrib unb ßobbo. 1 )
3roei gelben bienen im ©efolge eines Königs: Sant*
frib, auS bem Sanbe felbft ftammenb unb verheiratet,
ßof)bo auS ber gerne überS 9fteer gefommen, nachbem
er bort feine Sippe verlaffen. Seibe 2Känner befreunben
fich unb Schließen SBaffenbrüberfchaft. ©o eng wirb ihr
SSerhältniS, bafc fie alles gemeinfam höben, bafc fte ein**
anber nidjtS abfdjlagen, unb bafj ihre greunbfd)aft faft
bie ©mpfinbfamfett ber Siebe annimmt. Sa befchliefjt
ßobbo, bie Sreue feines SBaffenbruberS auf bie ®robe
gu [teilen. ©r fagt: „Sange laftet auf mir ber Sienft
beS Königs. Sch min je|t gu meinen Angehörigen gurücf*
tehren unb ihnen meine Siebe gumenben." Sa antwortet
Santfrib: „3Rich elett vor einem Seben ohne bid). Sch
will meine grau mitnehmen unb mit bir giehen, auS
meiner £>eimat weg.“ Ser Sichter miß fagen: bie Siebe
gum SBaffenbruber fteht über bem ©efüfjl für baS eigene
Sanb. Aber nicht genug bamit. Seibe greunbe machen
fich auf bie Steife unb fomnten an ben ©tranb beS
SReereS, von bort gu ©djiff in SobboS SSaterlanb gu fahren.
Sa verfucht biefer ben greunb aufs neue. „Kehre
jefct um, ®ruber, ich bitte birf). geh werbe gurüeffommen
unb bich wieber auffuchen, wenn ich am Seben bleibe.
Aber tue nun eine mürbige Sat, ber SBaffenbruber bem
SBaffenbruber. ©ib mir beine grau, bie bu btr erworben
haft, bamit ich fw liebenb umarme, wie eS mir gefällt.“
Santfrib glaubt, ©obbo begehre feine grau. Dhue
gu gögern fagt er heiter: „Stimm fie unb mache mit ihr,
1 ) ©ebnieft in 9Jtüflenl)off*(Sdjerer3 $enfmälern. 3. Auflage.
2h. XXIII.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
53
was bu miHft, Sruber. 9Ran foll nid)t fagen, bafc id) mir
fyerauSgenommen Ijätte, irgenb etwas für mid) allein ju
befifcen." ßobbo fegelt mit ber ©attin feines grettnbeS ab.
Sßir erlernten ben anbern ©ebanfen beS SDidjterS: bie
$flid)t gegen ben äßaffenbruber ftefyt über ber Siebe jur
grau. SDer Ijarte, urfprünglidje ©inn beS waffenbrüberlidjen
SerfyältniffeS unb ber ©eift einer primitiben Äultur fprid)t
aus biefem SSorgang. Um fo mefyr, als eS nid)t eine
Stot beS greunbeS ift, bie ben anbern baju $wänge, bie
©attin 5 U opfern: eS ift einfach fein SBunfd), baS SBeib
wirb wie eine ©ad)e tjingegeben. ©S gilt eben fd)led)t*
weg baS ©efefc: SBaffenbruber über ©attin.
Slber ber 5E)i<t»ter gehört bereits einer 3 e i* «t,
unter ben ©in wir Jungen beS ©IjriftentumS ftefjt, beS
©fpriftentumS, baS gerabe feit bem 10. 3at)rf)unbert erft
wirflid) in ben £er$en ber 3)eutfd)en SSBurjel jdjlug. ©o
milbert er ben ftarren ©eift ber alten ©r^ätjlung.
Santfrib, allein am ©tranbe bleibenb, füfylt nun bodj,
bafj bie gorberung beS greunbeS ju weit ge^e. 2Bof)l
mu§ ber SBaffenbruber bem SBaffenbruber bie grau
opfern; aber nid)t um beffen finnlidjer Segierbe willen,
©o fingt er ^um Älange ber ©aiten aufs ÜReer IjinauS, bem
Stabonfafyrenben nadj: „fflruber ©obbo, fyalte bie Sreue,
wie bu fie bisher immer gehalten tjaft. @S ift fdjmäfjlid)
ber Siebe nadyugeben unb baburd) beS greunbeS ©f)re $u ber**
lefcen. ®er S3ruber foü bem Sruber nid)t ©cfyanbe jufügen."
SantfribS fflage erschüttert ben anbern. ©obbo fetjrt
yaxüd unb fpricfyt begütigenb: „©eliebter, füfeer greunb,
— man beachte bie nterfwürbig empfinbfame, pietiftifd)
anmutenbe SluSbrudSweife — fyier I)aft bu unberührt
^urüd, waS bu mir gegeben fyaft; td) Ijabe ihre Siebe
nicht genoffen. 3 d) brauche bich nicht me|r ju berfudjen.
SReine Steife werbe idj unterlaffen."
2 ro^ biefer @rweid)ung ber alten ftarren ©itte bleiben
bie Sßflicfyten ber SBaffenbrüberfc^aft ernft unb l)art genug:
baS $eigt eine ©rjöt)lung ÄonrabS bon SBür jburg, ber
/r ©ngelhart©ie ftammt aus berüRitte beS 13. Satyr*
t)unbertS, ein 8 eweiS f bafj man auc^ in biefer fpäten fttit
ben ©inn ber alten @inrid}tung berftanb unb achtete.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
54
Sietrid) mirb oont SluSfafc befaßen. fjrau un &
Scannen giehen fi<h üon ihm gurütf. @r muji in bie
©infamfeit gelten, man lögt ihn bort halb oertommen.
Sa manbert er gu feinem SBaffenbruber, Äönig ©ngelljart,
nach Sänemart. Ser nimmt ihn freunblich auf, pflegt
S n forgfältig unb opfert ihm fd^tiegtic^ feine beiben
inber: mit beren Vlute beftrichen, verliert ber Ärante
fein Seiben. freilich, auch Sonrab oon SBürgburg milbert
ben garten ©ebanten ber alten ©rgählung. Sie Sreue
gegen ben greunb ftanb ursprünglich fdjlechthin über ber
Siebe gur blutSOermanbten f^amilie; aber ber SDic^ter lägt
©ott eingreifen: ber macht bie getöteten Äinber mieber
lebenbig unb oerföf)nt baS beleibigte ©efü^l einer
meidjeren $eit.
©emtffe ©runbfäfee ber £elbenett}if laffen biefe
beiben ©cbidjte ertennen: Heimat, ©attin, fogar blutS*
oermanbte Äinber mufc ber SBaffenbruber bem SBaffen*
bruber opfern, fcfjledjtbin unb unbebingt in ben älteften,
roheren ßeiten, auf jeben gaß, menn ber Vunbesbruber
in 9iot mar, auch in ben jüngeren. 2lbet ift biefe Sßflic^t
bie fjödjfte für ben gelben? ©e^t nichts über ficrj Sie
Slntmort gibt ber SBalthariuS, gu bem ich nun gurücf*
lehre. ®r gibt fie in ber Sarfteflung beS VerhältniffeS
Jagens gu SBattfjer unb beS SBiberftreitS ber ©efüfyle
unb Pflichten, gu bem eS führt.
SBalther, ber ©ohn eines ÄönigS, unb £>agen, ber
©otjn eines oornehmen S3afaßen, leben als ©eifein am
$ofe SUtilaS. ©ie merben gufamnten erlogen, fie teilen
ihre jugenblichen Spiele, halb finb fie unzertrennliche
fjrreunbe. Sie ftreunbfchaft mirb immer inniger; empfind
fame Rüge tnifcgt ber geiftliche Sichter ein: Jagens Stnblicf
lägt SÖaither beS VaterS unb ber |>eimat oergeffen, £>agen
reigt fich, als er fliehen miß, nur mit 9Wüi)e aus beS
^reunbeS Slrmen loS. 9Kan erinnert fich ber SluSbrucfS*
meife in bem ©ebic^t oon Santfrib unb ©obbo. Slls bie
greunbe maffenfähig merben, mirb baS • Verhältnis gut
xBaffenbrüberfchaft: fie mirb burch feierliches VünbniS
gefchloffen unb burch ©ibfchmur befiegelt. Seibe oerpflichten
fich ä u nnoerbrüchlicher Sreue.
. .4 . *
*A-
Digitized by
y Google
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
55
s
SBalttjer ift ber Überlegene; £agen benmnbert ihn
neibloS unb erfennt in ihm ben größeren gelben.
Sie glud^t beS granfen trennt bie ©efäbrten. $agen
entfommt mirflicb unb gelangt in bie $eimat. @r tritt
in bie ©ebar ber gelben ein, bie in äßorntS ben Sönig
umgeben. ®S /ift nicht mehr bie alte ©efolgfcbaft, bie
uns in ber Umgebung ©untberS entgegentritt. SRancbe
ber SRannen toeilen nur uorüberge^enb am §ofe: fo
©atnalo, ©raf non 2We$. Ser junge $atafrib ift nerljeiratet,
toie mellei<f)t auch SRanbolf. Snbere allerbingS feinen
ficö bauernb beim Könige aufoubalten: fo ©erroit, ©raf
non SEBormS, ©efefrit non ©aebfen, ber als Verbannter
feine Heimat meiben tnuf}. ©o auch Sagen: unverheiratet
lebt er am £ofe. Slber alle bieje uRänner finb ihrem
4>errn burd) Sreueib nerbunben, fie finb Vaf allen: mir
befinben uns im ßefjnSftaat, boeb liegt ber ©djroerpunft
im $erfönlicben.
21IS £agen erfennt, fein SEBaffenbruber jiebe burdbS
fjranfenlanb ber Seimat ju, freut er ficb b er i^cb- ®t
hofft, bie alte 3freunbfd)aft erneuern unb ben ©enoffen
in SBormS begrüben $u fönnen. Socb auf feine fjreube
fällt ein ©ebatten. ©untber ift habgierig, feine ©efinnung
toenig nornebm. $ür bie ©efüble, feines Vafallen bat
er fein VerftänbniS. Ser Vater ©ibicbo bat ben |mnnen
Tribut gejablt, ber SBanberer führt ©d)äbe mit ficb:
je£t glaubt ©untber, er fönne ficb für ben früheren
Verluft fcbabloS halten. @r befd)liefjt, ben ^remben
ba$u ^u gingen, baS ©olb b^auSjugeben. Ste gmölf
Veften feines ©efolgeS müffen ihn begleiten: Sagen fehlt
nicht unter ihnen. §ier fe|t nun ber SBiberftreit ber'
©efüble unb Pflichten ein.
Sagen fommt bureb baS Vorgeben feines §erm
in peinliche VebrängniS. 6r foK gegen ben
greunb unb SBaffenbruber fämpfen: baS bebeutet
Vrucb feiner ©ibe, Verlegung ber gelobten Ireue.
2)arum oerfuebt er fd)on in SBormS, ben Sönig öon
feinem unföniglidben unb für ihn fcbmerjlicben
Veginnen abjubringen, einmal, jtoeimal, immer
oergebenS.
Original from
NIVERSITYOF CALIFORNIA
I
56
ättan reitet au£ itnb entbecft SßaltherS ©pur. SBieber
mahnt Sagen unb rät zu berfjanbeln, aber ©untrer läfct
fich ttidjt überzeugen, ©o nähert man fich bem aquitanifchen
gelben. •
3 )iefer erfennt in ber gerne ben §elm be§ greunbeS.
Sinn fühlt er fid) geborgen: es ift ja ber VlutSbruber,
ber treue ©enoffe, ber heranreitet. Slber fd^nell wirb er
bitter enttäujdjt; .er muf$ erfennen, baf 3 it)nt bon ben
granfen nid)t£ erfreuliche^ beborfteljt. Um bem brofjenben
Äampf, ber ifjrn nur bie §eim!e^r auffefpebt, zu entgegen,
bietet er freiwillig hunbert ©olbringe. Sagen, eingebenf
feiner ©ibe, brängt, ba§ berftänbige Slngebot anzunel)tnen:
bann !ann er bem greunbe bie Streue galten unb zugleich
ben Serrn bor Unheil bewahren, benn er fennt SEBaltherS
ungeheure ©tärfe. Slber ©untrer ift berblenbet unb
rennt inS Verberben. ga er uergifet fiep fo weit, ben
gut gemeinten 9tat beS VafaHen zu mifcbeuten: „®u bift
wie bein SSater! Slud) ber hatte furdjtfamen ©inn in
einem falten Se^eu unb entzog fich immer mit bieleit
SEBorten bem Kampfe." 6r macht feinem beften Selben
ben Vorwurf ber geigheit! ©inen anbern Veleibiger
hätte S a 9 en nü* bem ©chwerte niebergefd)lagen. 9lber
©untper ift ßönig unb Serr: ihm barf ber Vafall nicht
entgegentreten. Sarum bezwingt er fid), unterbrüdt
heftige ©egenrebe, aber zieht fid) nun ergrimmt t>ont
Kampfe zurücf: „Sämpft ihr allein: ich toerbe mir ben
Äampf anfehen, berlange auch nichts non ber Veute."
©in ßufammenftoh ber perfönlidjen ©fjre mit ber Scannen*
pfltcht! @3 fiegt bie festere. gugleid) 9eht ber Selb
bem ®ampf mit bem SBaffenbruber aus bem SBege.
Slber ber Äonflift, bem er auSweichen möchte, wirb
ihm nicht erjpart. ®ie granfen werben einer nach bem
anbern getötet, ©unther ift in Verzweiflung. Sefet
bemütigt er fich öor S a 9 en r ber S e ^r bor bem Sehn^
mann, unb bittet ihn, boef) ben ®ampf aufzunehmen.
Vitter lehnt ber Seleibigte ab: „Sittich hält bom Sampfe
Zurüd bie verächtliche Slbfunft, unb ba§ falte Vlut be§
VaterS nimmt mir ben ÜRut." S)er Äönig bringt weiter
in ihn unb bespricht reichen Sohn: Sögen bleibt feft;
l1
I
57
um ®olb ift, if)tn bie 2reue nicht feil. @r fteHt noch
— freilich gereijt burch bie Seleibigungen beS Königs —
bie Pflicht gegen ben Sßaffenbruber über bie gegen ben
ßerrn.
Slber ber dichter billigt bieS Serljalten nicht: bie
Safallenethif forbert ein anbereS. ßagen tnirb nun
nom König bei feiner @h re unb bei feiner ÜRannen*
Pflicht gemahnt. Sefct mirb er fchtoanfenb. ©r fühlt
lebhaft, maS er bem ßerrn fd)ulbet, noch aber hält bei
ihm bie Sreue gegen ben greunb ber £reue gegen ben
ßerrn bie SBage.
©untrer mufj inftänbiger bitten. Salb fühlt ßagen
baS Unmögliche beS SSer^ältniffeS r menn ber König ben
SehnSmann anfleht, feine Pflicht ju tun. ©r errötet
barüber, bafc fich fein ßerr fo bemütigen mufj, er fieht
ein, ba| es bie ©hre etforbere, fich brn dürften in biefer
Sage nicht ju entziehen. Salb ift er im ftärfften inneren
ßtniefpalt: h^* bie Pflicht gegen ben greunb, bort bie
Pflicht gegen ben ßerrn — meldhe toirb fiegen?
®er 3)tchter hat oen ©egenfafc ftar! herausgearbeitet, er
hat bie ©chtnierigfeit beS gülIeS ooH ertannt. ßagen fagt:
SBohin rufft bu mich, gen? SBo^in, o gejiriefener genfer,
Soll ich bir folgen ? Serfpricht bir Unmögliches hoch baS Sextrauen I
2Bex ift je in ber SBelt fo gänjlich oon Sinnen gewefen,
$afj er oon felber oetfuchte ben Sprung in ben offenen Slbgrunb ?
$enn ich mei§, baß auf offenem gelb fich SBalther fo furchtbar
3eigt, baß er bort, in fold) gefieberter Stellung unb gelSburg
(Sine gewaltige Schar wie einen einzelnen angreift,
gälte hierher auch a ^e bie Leiter unb {amtliches gufjbolf
granfen gefanbt, er hätte fte fo wie jene behanbelt.
Slber biemeil ich fehe, ba6 hätter Oie Schmach bu embfinbeft
2US bie Serlufte im Jtambf unb fo bu nimmer baoonjiehft,
Seibe ich mit, unb eS weicht mein eigener Schmerj oor beS Königs
®hre unb fiel), ich berfuche, ben SBeg bir jum geile ju bahnen,
Speicher nahe pch jeigt, hoch nirgenbs fonft fich eröffnet.
3)enn ich geftelje, o gen, nicht wegen beS teueren Neffen
SBär , ich bie $reue ju brechen bereit, bie einft ich gelobte.
Siehe, für bich, o gürft, begeh’ ich in fichre ©efahr mich.
Digitized by
Original from
SITY OF CALIFORNIA
58
i
S)agen entfReibet fidj je|t für bcn $errn, gegen ben
SlutSbruber. ®a$ ift ber jtneite ©ieg, ben er. über fief)
banonträgt
Unb nodj einen britten ©ebanten ber feubalen ©tljif
fpricf)t ber Siebter an biefer ©teile au£. äBalttyer Ijatte
£agen ben ©djroefterfofyn erfdjlagen, ben järttid) geliebten
Neffen ^atafrib. Slber beffen lob mürbe ben £)ijdm
uicf)t baju bringen, bem SBaffenbruber bie Sreue $u
brechen: benn bie Pflicht ber SBaffenbrüberfcbaft geht
über bie ber ©ippe — gan$ fo, tote eg bie ©ebichte oon
Santfrib unb. ©ngelljart zeigen.
$agett hat fiep nach fdpüerem inneren Äampf ju bem
Gntfchlufe burchgerungen, ben alten fjfreunb anjugreifen.
®eu ©ntfchlufe mufe er aber in harter feelifc^er Prüfung
erft nod) bewähren. ®er ®i<hter erjpart bem Safaßen
nichts. ®enn nun fucht Sßaltfjer ben ^jeranfomnteitben
mit ttmrmen äßorten umjuftimmen unb jur 33ruberpflid)t
jurüctjubringen:
Sagen, icb $abe ju reben mit bir, brum halte ein SBeilcben.
. UBaS bat, frag id), ben greunb, ben freuen, fo plöfeücb oertoanbett,
55afe er, melier bereinft beim &bfd)ieb meiner Umarmung
Äaurn fid) entreißen tonnte — fo fcbien'S — aus freier @ntfd}ltefeung,
Ohne beriefet au fein, mich jefeo mit SBaffen befe^bet?
2Babrlicfe, ich b°fft* bon bir — bod) merbe ich leiber betrogen —
«
3)afe bu, trenn bu erfütjrft, i<b teerte ^urürf aus bem @lenb,
Schnell mir lämeft entgegen, mich freunbticb mit ©rufe ju empfangen,
2)aß bu mi(b pftegteft in gaftticber fftub, auch trenn icb mich fträubte,
Unb mich in grieben ins SReicfe beS SBaterS moüteft geleiten.
3a, icb forgte barum, tro beine ©efebente icb tiefee,
Unb, fo fagte icb mit, trenn icb $og bureb frembe ©ebiete:
Sebt nur Sagen, fo brauebft ron ben grauten bu feinen ju fürchten.
$nbre ben Sinn, icb flehe bicb an, bei ben Spielen ber Qugenb,
2)ie mir an Übung gleich unb gleich an ©efinnung erfanben,
^)enen ergeben mir einft bie Qugenbjabre rerlebten!
tttcb, mobin bo<b entfebmanb bie fonft fo gepriefene ©intraebt,
^Belebe babeim unb im gelbe beftanb unb §aber nicht tannte?
2Bar ich bei bir, fo galt mir gering bie herrliche §eimat.
SBiUft auS bem Serben bu tilgen bie Xreu', bie fonft bu gelobteft?
Digitized by Googte
Original fram
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
«
59
Sfteibe bcn greoel, ba3 bitte ich bidj, unb beginne ben Streit nicht;
Uncrfchüttert befiele ber ©unb für ewige 3eiten.
Stimm ft bu mir bei, fo wirft bu atsbatb mit ®efchenfen bereichert
gortfcieijn, benn ich fätte mit rötlichem dtoib bir ben ©chilbranb.
SßaltherS SBorte oermunben §agen im tiefften £>erjen.
SBie er fi<h abquält, fieht man aus ben ©rünben, bie er
für fid} anfübrt. ®r macht ein finftereS ®efic|t unb
rebet ft<h in 3 orti: *®n f) a ft bn$ Sünbnis gebrochen,
weil bu trofc meiner Slnmefenheit bie granfen nieber*
ftredteft —" oorljer fprad) er gan$ anberS. „®u ^aft
mir meinen lieben SReffen Sßatafrib erfdfjlagen unb baburd)
mieber bie Srubertreue üerlefct ®a8 fann ich bir nicht
Eingehen laffen" — oorher fagte er $um fiönia ba$
©egenteil. @r $mingt fid^ eben in eine feinofelige
Stimmung hinein, feiner behanbelt ber SRibelungen*
bitter ben feeltfc^en ßroiefpalt feines SRübeger.
@8 gelingt SBalther nicht, ben greunb ootn Kampfe
abpbringen. SRannenpflicht fiegt über Srubertreue.
®a8 eben miß ber ®i<hter barfteßen.
®er Streit beginnt. £agen führt ihn als treuer
®iener feines £>errn. ®a$ eine 2Ral bedt er ben Äönig
mit feinem Schtlb, baS anbere 2Ral hält er fein $aupt
hin, mit feinem §elm einen Streif aufjufangen, ber
©untßer jugebacht mar. Schließlich fdEjeut er ft<h nicht.
bat>or, ben SBaffenbruber ferner $u treffen: er fchlägt
ihm bie |>anb ab! ®ie ®reue beS Safaflen fiegt oou*
fommen über bie Siebe unb ®reue be8 SBaffenbruberS.
®ie ®id)tung treibt ben 3roiefpalt nicht auf bie
Spifce, mie baS $ilbebranb$lieb. Stach 93lut unb SBunben
geht alles freunblich auS: bie gelben oertragen fich unb
erneuern bie alte ^freunbfehaft. —
®rei ©ebanfen enthielten bie ©ebichte oon Santfrib
unb Sngelhart: ^eimat, ©attin, Siinber müffen jurüdf**
ftehen oor bem SBaffenbruber. ^hnlich^ ©ebanfen berührt
aud) ber 3Balthariu8: ber ^elb biefeS ©po8 oergißt über
bem SBaffenbruber §eimat unb SSater; $agen miß beS
getöteten SReffen megen bem greunbe bie Ireue nicht
brechen. 2lber ©deharb arbeitet fie nicht h^nnS. 3h n
Digitized by
Original from
IVERSITY OF CALIFORNIA
/
60
fümmcrt blofj baS Problem „£err unbSSafalT, er oerfiinbet:
■Dtannentreue get)t oor perfönlidjer ®afatlenefyre unb
t>or SBaffenbrubertreue.
©o fann man auS bcn brei ©ebidjten, mit bencn
mir un3 befd)äftigt tjaben, eine Stufenfolge ber fittlidjen
SEBerte ber gelben* unb Safallenetfjif entnehmen: ju oberft
bie Ireue gegen ben ßetjnStjerrn, bann bie Irene gegen
ben SEBaffenbrüber unb bie eigene @f)re, julefct Sßeib,
®inb, ©ippe unb §eimat. 2luif) ber ®icf)ter beS £ilbe*
branbSliebeS backte nid)t anberS.
Sine ed)te, ibeale ©taatSgefinnung öerförpert ftd} in
ber ebeln ©eftalt §agenS. ia'ft eS mirflicf) ©taatS*
lefinnuna ift, bie ber lichter barfteüen miß, Ireue gegen
>ie ftaatlicfye Sinridjturtg , nicf)t bine fid^ auf perfönlidje
®igenfd)aften beS £>errfd)erS grünbenbe, rein menfd)lic|e
Slnfjänglidjfeit, baS beutet ber Dichter fein unb bodj
unmifeoerftänblicf) an: ©untrer, bem $agen ben Sßaffen*
bruber unb bie eigene ©fyre opfert, ift als 4pelb nidjt
adjtungSroert, als Sföenfcf} unerfreulich, als Söntg beinahe
oeräd)tlid).
SßerfönlidjfeitSibeat unb ©taatSgefinnung beS geinten
3at)rf)unbertS leuchten uns grofj unb ebel aus bem
Waltharius manu fortis entgegen.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
©as 5tolanb5liei>.
ßdebarb fc^itbcrt feilten SBaltber als gelben unb
©Triften; aber ba$ ^elbifdje überwiegt burdjauS, ba§
Steligiöfe ftebt ^urüd. Unb bie Qfrömmigfeit be3 aqui*
tanifeben ÄönigSfobnS ift fehlet: ©laube an ©ott,
Bertrauen auf feine £ilfe finb ba§ 93BefentIid^e; für ben
§auptpun!t be£ ftrcbücben ßbriftentum^, bie ßrlöfung
burd) ßbriftum, für ba£ SBalten be3 ^eiligen ©eifteS
fehlt ba3 BerftänbniS. Unb in SBqltberä Seele ift
ßbriftlicbe3 unb ©ermanifcbeS noch nicht wirflicb uer*
fcbmoljen, beibe Beftanbteile liegen nebeneinanber.
©etoife ift ber |>elb barin ein Slbbilb feiner 3 e ^ 9 eno ffen f
fcbwerlicb ift bie ßaienfrömmigfeit bamatö weitergegangen.
Bielleicbt war auch bie gfrönunigfeit beS Sleruö noch
mehr tbeo^entrifcb, wie ju 3^^ Sllcuin3 unb £raban8.
2)ie Seelen ber Steden waren uorn ßbriftentum noch nicht
innerlich burebglübt. ®ie 3 C ^ tum, wo ficb ba£ änberte.
®ie religiöfe Bewegung butte fidb unter ben farolingifdjen
öauSmeiem unb Königen wohl auSgebreitet, Äircbe unb
^ßapft butten oiet 3förberung erfuhren. Slber ber ©luube
blieb boeb mehr äußerlich, uutoritatiö. ®arl£ b. ®r.
Begebungen waren junücbft politifcb unb wirtfcbaftlicb,
Äircbe unb Slofter orbnete er feinen planen ein unb
unter. ®r war nicht geneigt befebauliebe SBeltflucbt als
erfte ober einzige Stufgabe be3 SDiöncbeS gelten $u taffen,
noch weniger ju^ugeben, bufc feine |>errfcbergemalt unb
ÄönigSftellung in turiate Slbficbten einbe$ogen würben,
Slbficbten, bie barauf binuuSgingen, ben Sßapft als ßrben
unb Präger be§ römifeben SuiperiumS btnjuftetten. ®ie
Stenaiffancebewegung an feinem £ofe wirtte in gleidjem
Sinn. 2)a3 weltliche SBefen würbe oom ßbriftentum
r
62
nidfjt überwältigt. Sind) ßubwigS beS frommen Regierung
änberte barmt nichts wefentlicheS, ber ftrenge tlSfet
Settebift öon 9lniane würbe nid^t ber 9Rann, ber ]eine $eit
wirüich beherrschte. ®ie SBirren unter ßubwigS ^Regierung,
bie Kämpfe feiner Slachfolger brachten Äirdje unb Älofter
in noch fchlimmere SebrängniS unb entfernten fie noch
weiter von ihrem 3beal: bie 3eugniffe aus 5*an!reich
unb ®eutfchlanb melben aus ber 3ett um 900 uöHigen
©erfaß ber Älofter^ucht unb völlige ©erweltlidjung ber
©eiftlichfeit, bie auf baS StärJfte in bie politifchen f>anbel
unb in baS gefellfchaftliche ßeben ber 3 e ^ verflochten
war. ®3 ift begreiflich, wenn auch bie ßaienwelt uom
©hriftentum nicht innerlich tief ergriffen würbe. ®er
Sangaütfche SRönch will hoch offenbar SBalther ben
3 eitgenoffen als 3beal vorführen: Wie mag eS ba in
SSirtlichteit auSgefehen haben!
®ie SBanblung ber Seelen bereitete fid) aber boch
im 9. Snhthunbert f^ on vor, tut 10. Snhthunbert würbe
fie beutlidjer merfbar. @3 finb bie 3ah*hunberte, in
benen in SDeutfchlanb baS ©eicht* unb ©u&mefen mehr
unb mehr auSgebaut wirb unb bie £>erjen beeinflußt.
Schon im Anfang beS neunten 3ahrhunbertS Jam in
®eutfchlanb bie Sitte auf, nach ber ©rebigt eine all*
gemeine ©eichtformel mit nachfolgenber Slbfolution ju
uerlefen. 2Ran fieht, wie bie ®ir<he eifrig an ber ®r*
jiehung ber ©hnften arbeitete. ®iefe beutfeßen Seicht-
formein werben immer ausführlicher, fie leiten immer
grünblicher ba$u an, bie $>erjen ju erforschen unb ju
beurteilen, ©erfolgt man ihre lange 9teihe, fo fühlt
man in ihnen baS junehmenbe Streben nach retigiöfer
©ertiefung unb fittlicher ©elehrung. Sieben ber
allgemeinen ©eichte führte man bamalS auch bie
Ohrenbeichte in bie ßaienwelt ein. Schon ju ÄarlS
3eit empfahlen fie bie ®h e °l°9 en r Saufe beS
9./10. 3ahrhunbertS faftt fie in ber Äirche gab unb wirb
ein ftarfeS Sftittel ber Jirchlichen 3 uc hi unb religiös*
fittlichen ©rjiehung.
Ohne 3weifel wuchs gleichlaufenb mit ber ©ntwidtung
beS ©eicht* unb SufjmefenS auch baS ©emufjtfein ber eigenen
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
63
Sünbhaftigfeit unb baS Streben nach Befreiung non
ber Sünbe. 2Rit ber Steigerung beS SünbengefühlS
unb bem BebürfniS ber Sünbenoergebung tritt non felbft
Ghrifti Sßerfon unb SBerf, weiterhin bie ^eilSgefchichte
nebft ihren £auptpun!ten: SünbenfaD, ©rlöfung, lefcte
2)inge in ben Borbergrunb beS religiöfen SntereffeS, man
betommt BerftänbniS für bie fachliche Sehre über biefe
©egenftänbe. S)ie alte theo^entrijehe 5mmigteit wirb
c^rifto^entrifc^. 2)ie frühmittelhochbeutfche Sichtung fpiegelt
biefe äBanblung: immer unb immer mieber führt fie in
tleineren unb größeren SBerfen ben Sefern bie ^eüSgebanten
oor. 3m ßnfammenhang mit ber Stimmung ber ßeit wirb
bie Sljeologie SluguftinS lebenbig, bie für bie tiefere
©rfaffung biefer ®inge bie ©runblage gab, unb bie grofce
Slnfchauung bon bem Sarnpfe beS ©otteSreidjS mit bem *
SeufelSreicp als metapt)pfif=- toeltgefc^ic^tlic^en hinter*
arunb ber fachlichen ©ebanten barbot. Slutb biefen
yfortfehritt fpiegelt bie beutfehe Sichtung: fteHt bo(h ber
Berfaffer beS SlnnoliebeS feinen ^eiligen auSbrüctlich in
ben Nahmen jener Slnfdjauung hinein.
Sie oollfommne Berweltlichung beS ftlofterlebenS
führt bort $ur Befinnung auf bie tragenben ©runb*
gebauten, auf bie ©ebanfen ber Befdjaulichfeit unb
SBeltflucht, wie fie etwa bie Benebiftinerregel oorträgt.
S uerft brang man in ©lunp mieber auf 3 uc ht nnb
rbnung unb fuchte bie ^orberungen biefer Siegel burch*
juführen. ©ine ähnliche Stiftung entforang burch
©erharb bon Brogne in Slieber*, burch 3ot)anneS bon
©or^e in Dberlothringen. Siefe beutfehe Bewegung war
ftreng aSfetifch unb gina über bie Borfchriften ber
Benebiftinerregel hinaus. Sie forberte bolle Nachahmung
beS armen SebenS Ghrifti, böliige Selbftberacf)tung unb
fcharfe ßafteiung. ©in fd^wärmerifch fanatifcher 3 U 9
eignet biefen Sothringeru: ihre Slbficht geht mehr auf
perfönlicheS Seben ber ©injelfeele als auf Drganifation
unb ßufammenfehluh, wie in ©lunp. ©inen britten
SluSgangSpuntt bot baS Älofter 3Rariä ©infiebeln
in ber Schweig; ^irfchau tarn fpäter baju. ®ie
Bewegung geht weit nach ®eutfdf)tanb hinein. Sie
Digitized by
Google
Original from
IVERSITY OF CALIFORNIA
64
führt ba gu einer umfaffenben Sleform unb bamit gu
einer ungeheuren Belebung beS aSfetifd^en r meltflüchtigen
©eifteS, guerft im Sftahmen beS SlofterS, bann barüber
hinauf. ®enn bie 3^ee erftarfte unb befam halb eine
unmiberftehliche äJtacht, jo bajj $Bifcf)öfe unb dürften ihr
nachgeben unb mit ihr rechnen mußten, jo toenig jie ihren
politischen Sntereffen entiprach* ßanonifer, SBeitgeiftlidje
mußten fid) ihr beugen: baS Sggolieb (um 1060) geugt baoon.
Schließlich bringen jene Sloftergebanfen auch in bie oor*
nehme Saienmelt unb oerbreiten jich bort; baS mar in ber
gmeiten £älfte beS 11. unb ber erjten beS 12. Sahrhunbertg.
2 tuch bie Äirche tonnte jich ben herrjehenben ©ebanfen
ni<f)t entgiehen. Sie mar jtar! in baS SBeltliche oerftridt.
93ifchöfe unb Stbte maren ©runbherren unb SSajaüen beS
ÄaiferS ober ber dürften, Sie hotten nicht nur meltliche
Sefi^ungen, jonbern auch ihr QeiftlicheS Statt unb maS
bagu gehörte, gu Sehen. S)ie Äirdje mar, menn auch
ibeeH ber ßufammenhang mit 9tom ftetö erhalten blieb,
hoch tatjäcplich fajt eine SanbeSfirche, fie unterjtanb,
nicht anberS als ©rafen ober £>ergöge, bem Staate,
ihre Seiter maren dürften. 3)ie Sifchöfe fühlten jich unb
hanbelten als jolche: ßrieg unb $olitif nahmen jie
oft mehr in Slnjpruch als ^ßrebigt unb geifttidjeS
Slmt. Otto I. hotte jie noch me h r mit bem ©taatSleben
verflochten, unb auch bie niebere ©eiftlichfeit mar ver*
meltlicht: biete babon maren verheiratet. 3m 11. 3abr*
hunbert festen bie ^Bemühungen ein, bie ®ird)e aus biejer
Umflammerung burd) bie SEBelt, burch fteubalftaat unb
Seben, h era uSgugiehen, bie alte rnahre 3bee ber ®irche
mieber gur ©eltung gu bringen: SBißiramS ^araphrafe
beS ^ohenliebeS (gegen 1065) fpiegelt biefeS Streben.
@S entbrannte ber Äampf gegen bie Saieninbeftitur, gegen
©imonie unb für ben ßölibat. ®er altchriftliche ©egen*
jafc gmijd^en Staat unb fiirdje mürbe mieber belebt, .
bamit ber ©ebanfe ber SanbeSfirdje, melier in
®eutjd£)lanb h^rrfchte, gejchmächt; benn bis bahin galten
Äaifer unb dürften als meltliche unb geiftliche SKacht*
haber, als Herren auch übtr ihre Kirchen unb ßlöfter;
ber Äaifer jtanb über bem ^ßapjt.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
65
9Kan faßte beit ©egenfafc junädjft nidjt politifdj.
Saifer unb fßapft, ©taat unb Sirene fteHte man
nebeneinanber als meltlidje unb geiftlitfje 2Rad)t, jener
mar bie SBoblfatprt ber 2Nenfd)en in bieder SBelt, biefer
baS $eil ber Seelen unb bie ©djlüffel beS |)itmnel$ ander*
traut. Slber an ber Äurie mar ber ©ebante beS römifdjen
SntperiumS nie erftorben. ®r tonnte jefct im Sunbe mit
ber mächtigen Sbee ber $t\t ^um Siege geführt merben.
Salb verlangte bie Sirene greifet dom ©taat, ja
f)errfd)aft über ben ©taat: ber Sßapft über ben Saifer!
t ilbebranb, als *ßapft ©regor VII., mar bie Seele biefeS
trebenS. Ser Sarbinal £umbert ftellte in feiner
©djrift gegen bie ©imoniften (1057) baS Programm
ba^u llar unb.fdjarf auf. $atte Otto b. ®r. ben ©ebanfen
ÄarlS b. ®r., baft er als ^Jüfyrer beS ©fjriftenaolf eS, ber
civitas dei auf drben, ©taat unb Sirene ju leiten fjabe,
bafj ber Sßapft unb bie Sifdjöfe feine Untergebenen feien,
in ber gorm erneuert, ba& er als Äerr beS Staates aud)
als Sogt unb defensor für bie Äirdje $u forgen l)abe
unb ber $apft nidjt oljne feine 3 u fti mmun 9 gemätjtt
merben bürfe, fo änberte fid) baS in ben UnglüdS^eiten
ber Unmünbigfeit $einrid)S IV. Ser Sßapft füllte
fid) feitbem als Sßacfjfolger ber. römifd)en ©äjaren,
als geiftlicfyeS unb meltlidjeS Oberhaupt ber ßljriftenf)eit,
ja ber SBelt, als SefjnSIjerr beS ÄaiferS, aller Könige unb
dürften. Ser ©ebante beS päpftlidjen SßeltimperiumS ftieß
mit bem beS faifertid)en jufammen. SBieber mürbe in biefem
3ufamment)ang ber ©ebante SluguftinS non ber civitas
dei fyerdorgef)olt unb bie Äirdjje als baS maljrc ©otteS*
reiefy auf ©rben ^ingefteüt, ber Staat aber, menn er fid) ber
Äirdje nid)t unter* unb einorbnete, als SeufelSreid) derfludjt.
Srei ©ebanten finb eS alfo, bie bamalS neben unb
miteinanber bie ©ernüter erfaffen unb befefjäftigen: ©ünbe
unb Sufje, SBeltfluc^t unb SlSfefe, bie Sirdje unb i^r
Ser^ältniS jum ©taat, b. t}. bie 5 r ^ge nad) ber ©eftattung
beS ©otteSreid|S auf ©rben.
Siefe ©ebanfen merben nun auf baS angemenbet,
maS feit bem 11. Safjrljunbert bie ©Triften mehr unb me^r
erregt, auf ben Äampf gegen ben SSlam. Sie Kämpfe
5
Digitized by
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
66
i
ber graujofen mit ben Arabern in Spanien bereiteten in
granfreicj) bie Stimmung für ben groben Äreujjug bon
1096 bor. Sie Segeifterung fc^tua nach 3)eutf^lanb
hinüber: fte brach 1147 im jmeiten ßreu^ug aus. Ser
Äampf gegen bie Ungläubigen galt als eine gottgefällige
Xat, zugleich als bie berbienftlichfte Su feleiftung, bie
möglich mar; ber Äreu^ugSablafc mar barum ber um*
faffenbfte oon allen, beStjalb ber am meiften erftrebenS*
merte. Surct) Teilnahme an einem Äreujjuge mirb man
aller Sünben quitt. Ser Job babei ift ein heilig er
bebeutet bie bolle Nachahmung beS armen SebenS S^irifti
unb ift zugleich ber fixere Surchgang $um emigen ßeben;
begreiflich r baf$ fich ber ^eitgernäfte aStetijche ©ebanfe ber
ffleltflucht in ben Greifen religiöS*begeifterter Saien leidet
in baS Streben nach bem SKärtprertobe im ffampf gegen
bie Ungläubigen umfefcte. Äampf gegen bie Ungläubigen,
momöglich beren Setehrung, bebeutet aber ©rmeiterung
beS ©otteSreicheS im fiimmel unb auf ©rben, benn bie
Ungläubigen ftnb als folche beS XeufelS. So fchlob fich
auch biefe 3bee leicht an. 9Jtan tonnte babei baS ©otteS* .
reich mehr geiftig*geiftlich ober mehr politifd) berftehen, je
nach ber Stellung, bie man ju ber fdpebenben grage
nach bem Verhältnis bon Staat unb Äirche, Äaifer unb
$apft nahm.
3n bieje politifd^*religiöfe Semegung führt baS
NolanbSlieb beS Pfaffen Sonrab, berfaftt etma 1131/2,
hinein. Stellt ber Sangaller SRönch in feinem SBaltper
einen SppuS bar, in bem baS ^elbenmä&ige ftart über*
miegt, baS Neligiöfe jurüdtritt, eben einen gelben aus ber
3eit bor ber Neformbemegung, fo malt ber NegenSburger
©eiftliche baS entgegengefe^te Silb: baS Neligiöfe beherrjeht
bie Seelen feiner SRecfen boUfommen, baS |)elbenmä§ige
tritt jurüd. SaS ©ebicht atmet bie Stimmung ber
Neformbemegung unb ber Äreu^üge. Unb legt ber
ältere Sichter auf SarfteHung ber rechten Staats*
gefinnung großen SBert, fo Reibet ^onrab biefe faft
gan$auS: Neligion, ©hnftentum ift ihm bie ^auptfache. So
mirb fein SBert für uns mertboll, meil eS bie Ummanblung
beS ©eifteS ber ritterlichen ©efeBfchaft erfennen lä|t,
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
67
tveit eS in bic ©ntftepung ber Stimmung ^incinlcu^tct,
bic halb banacp *um gtveiten Äreuggug führte.
Ser bicpterifcpe SBcrt beS SRolanbSliebeS ift nicpt
erheblich; eS aenrinnt bic Seilnapme beS SeferS nur als
Reichen bcr Seit, als Reichen beS vertieften religiöfen
SntereffeS. Sie Seilnapme erhöht fiep unb befommt
Sebeutung für bie ©egemuart, tvenn man SünrabS SGBerf
mit feiner 33orlage, ber frangöfifepen Chanson de Koland
vergleicht. Set frangöfifepe dichter fiept gu ben
Stimmungen unb fcpivebenben fragen ber 3 e ^ 9 <m$
anberS als ber Seutfcpe. Ser SSergleid) beiber Sichtungen
führt fo in bie religiöfe unb politische Setveaung ber
3eit vortrefflich ein unb geigt gang flar, tvie fepon ba-
malS frangöfifcpeS unb SeutfcpeS Senfen gang entgegen*
gefefcte SBege gingen, er geigt im Spiegel ber Vergangen*
heit bie ©egenmart. Sarum behanble ich P* er auc ^
frangöfifepe @ebicht f beffen ©epatt bisher noch nicht voll
verftanben ift. Mietet eS hoch, fo frangöfifcp feine gange
politifche Sinftellung ift, nocp genug von altgermanifcp*
pelbifcper Senfart, um auch bem Seutfchen Seilnahme ein*
guflöfjen. Stuf bem ^pintergrunbe beS frangöfifepen ©ebicptS
tvirb.ficp ber Sinn beS Seutfchen viel heutiger abheben.
*
. I. Die Chanson de Boland. 1 )
Ser frangöfifepe Siebter führt ben £örer in ein
§eer von qemaltigen Sriegent piwitt, unter benen bie
piprenben Marone pervorragen. ® r 9*bt mit biefen
ftänfifepen ÜRännem fein ^elbenibeat. @S ift im
tvefentlicpen germanifep.
Sin erfter Stelle ftept ber jugenblicpe Stolanb.
Seine Äraft ift ungeheuer: fein Scpmert fäprt bem
©egner vom Äopf bis nieber in beS $ferbeS Stücfen;
fein Sümpfen ift ein Scplacpten, er häuft Seicpen auf
Seichen. Seine Seiftungen finb groteSf — fern ger*
manifeper 3 U 9 feinem Silbe. Sie Reiben fliepen vor
l ) Xejt öon ©röber, La chanson de Roland. Bibliotheca
romanica 53. 54. (stra^burg, §ei|.' Überlegung öon ©. ©er|,
IRolanbölieb. Stuttgart, (Sotta 1914 (2. 5lufl.).
5*
Digitized by
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
68
ihm in ©d)aren, fobaß er julefct allein als Sieger auf
bem ©djlachtfelb bleibt. gurcht feunt er nicht. ® r über*
nimmt fofort bie gefährliche Sotfchaft an SStarfitie, er
fpielt mit ber ©efahr, Sorge um fein Sieben, toie fie
©uenelun jeigt, ift ihm fremb; jeben Sag toirft er fich
bem Sobe entgegen unb hat greube am $ampf, „fo lang
er lebt, toirb er oom ßampf nicht taffen."
®aS Vefonbere biejer recfenhaften ©eftalt ift ein
teibenfchaftlicher, h e ftiser, ja toilber Sinn; Stotanb täfet
fich feiert ßinreißen unb geht leicht, ohne SJtaß ju halten,
bis jum äußerften. ®eShalb fdjicft man ihn nicht ju
SJtarfilie, man fürchtet, er fönne Streit befommen; fein
Sinn ift ju ftolj unb fchlintm. ®iefe Seibenfchaftlichfeit
fteigert baS an fich öottberechtigte ©elbftoertrauen beS
gelben ins Ungemeffene, ja Seichtfinnige unb VerberblidE)e:
baß er befiegt roerben fönnte, ift ihm fchlechtljin unbenfbar.
®arum übernimmt er furchtlos unb fiegeSbenmßt bie
Nachhut, ÄarlS, barum unterläßt er eS, fie mit Stücffidjt
auf bie Überjahl ber Ungläubigen angemeffen ju oerftärfen
unb fpäter, als fich bie Übermacht jeigt, Äarl burch
t ornruf fterbei ju holen. ®er Veginn ber mörberifchen
»chtacht (cheint ihm ein ©efchenf ©otteS.
Stolanb fennt toeichereS ©efühl nur gegenüber bem
ßehnSherrn unb bem SBaffenbruber. @r ift mit Silbe,
DlioierS ©cfjmefter, oerlobt, aber er gebeult ihrer ‘nie.
SßartneS ©efühl bricht bei ihm nur ba heroor, too er ben
neu angenommenen SBaffenbruber tätlich üernmnbetfiehtunb
erleben muß, baß biefer, bie Slugen oom fehlte geblenbet, ihn,
ben greunb, mit bem ©chtoerte trifft. ®och auch ba fagt er
nichts, er lehnt fich nur in Siebe an ben ©terbenben an.
Olioier, ber Sohn ber eblen $erjogS Steiner, StolanbS
©enoffe unb Vertrauter, ift auch ein ftarler $elb. 2Kit
ben Srümmem ber jerbrodfjenen Sanje haut er bie
©egner nieber, bem galfaron ftößt er bie Sanje in ben
Seib unb toirft ihn oom Sattel. Stber fo ftarf toie
Stotanb ift er nicht: bei biefem geht in folgern
bie Sanje burch ben Steher hiuburch. Olioier ift fampf*
gemanbt unb tapfer, er fennt ebenfotoenig gurcht mie
fein greunb: „ging'S auch jum Sob, er freute feine
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
69
Schlacht." Stud) er ift fofort bereit, bie gefährliche
©otfebaft an ben feinblidjen Sönig ju übernehmen unb
bleibt fpäter freitoißig bei ber 9?ac$)ut. ®ro^t bie Schlacht,
fäuuit er nicht e8 märe eine ©dpad), unb oor bem un*
oermeiblicben ®obe mag er ficb nicht bureb Hilferuf retten.
äber Dlioier meif$ SRafe ju galten, er ift oernünftig.
ÜRit ben germanifeben gelben oerbinbet ihn bie Über* 5
jeugung, man bürfe nid)t um eitler @b rc mißen ober au$
Seicbtfinn unb smecfloS ©lut oergie&en unb ba$ Seben
ber ©einen aufs Spiel fepen. 3n großer ©efapr $ilfe
herbei ju rufen erjebeint ibpt ohne ®abel: Rittertum mufc
ficb mit ©erftanb unb ÜJJaf* oerbinben. ®arin unter*
febeibet er fiep oon Stolanb, ber mehr bem 2ppu£ be§
fran$öfifcben gelben entfpriebt.
©tebt Dlioier im Slnfang beS ©ebicbteS noch merflicb
hinter Slolanb $urücf, fo erbebt er fi<b mäbrenb beS
SampfeS $u ibm empor, er erfteigt ben ©ipfel be£
£)elbentum3. Such ihn erfaßt, al$ ber fiampf nun tobt,
bie oofle 3 u *>erficbt be$ Sieges, auch i^m gelingt ein
§ ieb, toie fie oon Stolanb öfter berietet merben: bem
uftin fpaltet er ba$ fiaupt, burcbfd)lägt ben Stumpf, ben
©attel unb noch baS wücfgrat beS ©ferbeS. Stun erfennt
ibn auch Stolanb als ebenbürtig an: er nennt ibn oon jept
an SBaffenbrnber, ©efeß unb ©ruber. 3ntmer mächtiger
mütet nun auch Dlioier im ^eibenbeere, er miß SRolanb
faft übertreffen, fobajj biefer gefteben mufc: „mein SBaffen*
bruber ift mir in StubmeStaten ooran". Sogar innerlich
erbebt ficb Dliöier jept über ben greunb: Stolanb toirb mürbe
unb miß ben Saifer beranrufen, aber Dlioier lehnt ab.
£elbenmäfcig mie fein Seben, ift auch fein lob, unb
bei bem tätlich ©ermunbeten bricht enblicf) auch einmal
ba$ ©efübl beroor: baj 31uge oom ©lut getrübt, jdjlägt
er ben SBaffenbruber aufs £aupt, baS Seben beS gfreunbeS
gefäbrbenb. ©cbmer^ ergreift ihn, als er erfennt, ma$
er getan ^at: „ity feblug nach @ud^, moflt 3b r wir
oergeben". ®ann lehnt er ficb an ^ cn ©niber an, „in
foldjer Siebe, febt ihr, febeiben fie."
?lld britte ©eftalt tritt greifbar StaimeS, ber Sapern*
berjog hervor. Sein befferer §elb lebt am ^ofe Sta rl$,
Digitized by
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
70
ftarf, tapfer, furchtlos, grimmigen Sinnes, wie bie beiben
fcbon genannten, ein äRann, ben baS ©efüljl ber @bre
*ur SRache an ben derräterifchen* Reiben antreibt, ©r ift
offenbar älter gebaut, fein ©runbjug ift maßdode Slugbeit
unb reife SBeiSbeit. 3b m fe^tt baS feurige SRolanbS
unb DlidierS. Sari bebarf feines weifen SRateS unb lägt
ihn barum nicht don fid). SlaimeS gibt guten SRat, er
burcbfc^aut ©uenelunS Verrat, er juerft derftebt, waS
SRolanbS Jpornruf bebeutet. Sor adern: er (iebt ben
Sampf als folgen nicht. @r rät SDtarfilieS Verbieten
anjunebmen, .benn eS fei Sünbe, ihn länger ju quälen
unb ben großen Srieg ohne SRot weiter geben $u laffen:
er empfiehlt, einen Soten ju ben Ungläubigen ju
fcbicfen, unb bie grauten finben biefeit fftat weife.
^erdorftecbenb ift bei fftolanb noch ein überempftnblicbeS
©brgefübl. Ser SSorwurf ber Feigheit wäre ihm ber
fcblimmfte, oon ihm würbe er auch nicht einen Schatten
auf bem Scbilbe feiner @f)re Bulben. #t Sie ^eftigteit ber
©mpfinbung reißt ihn aud) ba jum Übermaß tym. SaS
leicht reijbare ©btgefübl feines ^aupthelben ftedt nun
ber Sichter ber maßdoden Slrt DlidierS gegenüber unb
benupt bann ben ©egenfafc ber ©baraftere, um c ^ ne
©befrage problematifcb ju erörtern unb bamit feine
©ebanfen über@hre barjulegen unb ju betonen. Ser
Sßunft war bem Sichter offenbar wichtig, baber bie aus*
fübrlicße Sebanblung.
*uf ©uenelunS derräterifchen SSorfchlag wirb SJtolanb
jum gübrer Nachhut beftimmt. Sari ahnt ©efabr
unb möchte i^m ftatt ber üblichen 20000 granfen btö
halbe $eer jur Verfügung fteden. Slber fRölanb lehnt
ab, ftolj derachtet er bie Reiben, er ift feiner unb beS
Sieges dödig ficßer. SRun rüden bie Reiben in 2Raffen
an, Dlidier weift barauf hin, aber SRolanb antwortet dod
Selbftdertrauen: „2ßag ©ott bie Schlacht gewähren 11 ;
bie ©efabr bünft ihn ein ©efchenf ©otteS. Seine
Siegesjuderficht bleibt unerfchüttert. Dlidier fagt barauf:
©uenelun h^t uns derraten. fRolanb mißbidigt biefe
Sefchulbigung feines StiefdaterS; felbft ebelgefinnt
mag er ihm nichts JBöfeS jutrauen: w Schweig Dlidier,
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
71
gab Stolanb ihm jut öntwort, bcnn mein ©tiefbater ift
er, fprich nicht weiter".
Olibier erfennt bie ungeheure Übermacht ber geinbe
immer beutlicher. bittet er beit greuitb, fein £orn ju
blafen unb $arl ^erbeijurufen. 3h*n ift flar, bafe bie
jroan$igtaufenb SRitter bem ®egner nidjt nriberftefjen fönnen
unb nufcloS geopfert würben. ®a3 ßmeeftnäfnge gibt bei
if)tn ben 5lu3fchlag, nicht bie Sfurdjt; ber ®icf)ter fagt
auSbrüdE lieh: „®ie 23eiben ^aben wunberbare ®ühnl)ett,
wenn fie ju Stoffe fifcen unb in Sßaffen, ging'S auch jum
Job, fie freuen feine ©chladEjt", Dlibier benft wie Stolanb.
Slber biefer berfchliejjt ben berftänbigen ©rwägungen
be$ ©enoffen fein Dh r unb offenbart nur immermehr
fein überfeines ©^rgefü^I: „3ch täte wie ein Starr,
berloren wär' mein 9tuf)m im füfeen gfranfreich". ®er
anbere brängt immer ftärfer, aber nun betont Stolanb
ben @b*enpunft: baS ®lafen beS §orneS wäre ftoräeit,
eS würbe nic^t nur feine, fonbern auch bie ®h re feiner
©ippe unb bie ®hre SftanfreichS befledEen. Unb unber*
minbert bleibt feine oerwegene ©iegeSjuberficht: „®ie
£>eibenhunbe rotten fidj umfonft, bei meinem @ib, fie
finb bem SCob berfaßen." Dlibier entgegnet: ju blafen
bringt bir feinen iabel, benn unfer finb wenig unb ber
Reiben biel; eS ift nicht geigfjeit, SSerftärfung heronju*
holen, wenn man fo in ber SJtuibereahl ift. Stber Stotanb
berfteift fich unb fchwört: „Sticht wotT eS ©ott unb feine
heiligen @ngel, ba| granfreich feinen Stuhm burch mich
berliere, ben ®ob ertrag' ich dichter als bie ©chanbe."
Dlibier warnt noch einmal: rr 931aft 3fjr nicht, fo wirb eS
unfer @nbe." Slber Stolanb: „Sprecht nicht fo übertrieben!
®em £erjen ©chmach, baS in ber Sruft erbittert; ftanb*
halten werben wir an biefer ©teile." ®r bläft baS
©orn nicht. Um feiner. feiner Sippe unb granfreiche
©hre Willen glaubt er auf Äarls ©ilfe bereichten ju
müffen. freilich, bie ©tü|e beS @^rgefüt)lö ift bie
böHiae .ßuöerficht auf ben Sieg, ber ihm noch nie im
£eben gefehlt h a **
3n ben Kämpfen, bie nun folgen, fallen bie fränfifdfjen
Stitter in SJtenge, bie Äraft ber Überzahl wirb fühlbar.
. •. .•v&igtsnfe
Digitized by
I from
NIVERSITYOF CALIFORNIA
72
9totanb mufe einjehen, bafe bie granfen bcm Untergang
geweift finb unb nicht ftanbfjatten fönnen. ®r fiefet, wie
bag $eer nu$tog geopfert wirb; Olirner hat recht gehabt,
ber ©ieg ift nicht ju erfechten, Sluch je|t bleibt er ohne
furcht unb ©orge um fein Seben, aber jeine ©etbft*
ftcfeerheit wan!t unb bie ©iegeSjuöerfidjt. 9iun möchte
er tun, wag er Dorfeer ftolj abgelebt hat unb blafen.
Slber er wagt eg oor fid) fetbft nicht. Seife anbeutenb
fragt er Dlitner: „D lieber König, warum feib 3fyr fern?
2Bag ift ju tun, £>err Sruber Dtitner?" ®er anbere
füf)tt, wa^ ber greunb möchte, aber er hilft ihm nicht
weiter; jornig tehnt er eine Antwort ab, „idj weife leinen
Wat 1 *. Slber er beutet an, wie er bentt: „Siet lieber
fterb’ id), atg bafe man mich fcfemäbe." 2)enn nun ift
bie Sage anberg. ®ie §ilfe beg Kaiferg !ann nicfetg
mehr retten, bie granfen finb Oertoren; je|t ju btafen,
wäre wirftich Feigheit: „S)ag Wäre grofee ©cfeanbe, ein
Sorwurf wär’g für @ure Stnoerwanbten, ihr ganjeg Seben
bauerte bie ©cfernad). 9ltg idj'g Such jagte, wolltet 3h*’&
nicht tun, nun foHt 3h*’3 nimmer tun burcfe meinen 9tat,
unb wenn 3h r btaft, jo btaft Sfer nicht aug Kühnheit".
Sfiotanb ift niebergejcfetagen unb will hoch btajen, ber
leibenfcfyafttidje SRenjd) läfet ficfe jefet üon ber ©orge all*
juweit t^inreifeen. SDa wirb ber greunb jornig: „3h r
wolltet nicht btajen, atg ich’g Such bamatg jagte; jefet
gefet eg nicht mehr, benn eg fyanbelt jtcfe um unjre Shre".
Sr will SRotanb, ben er furcfetfam glaubt, jogar bie
Serwanbtjcfeaft auftünbigen. Unb nun macht er bem
greunbe ftar, wie er bie ©adje beurteilt unb enthüllt
bamit bie ©ebanfen beg $i<hterg:
9
greunb, 3h r tragt bte ©djulb!
SDettn Rittertum mit Sinn ift feine £orfyeit;
?Ke^r gilt mir toeijeg aU Übermut.
$)ie grauten fterben ^ier burcb ©Uten ßeidjtfimt,
Unb Äarl mirb nie rneljr ®ienfte öon un§ Ijaben.
3um Unheil geigtet 3^r ©ure tapfer feit.
€
®er 2)icfeter will jagen: eg ift nidjt feige, wenn ber
^etb bet ooHfontmener Unterlegenheit ^itfe jucht, bag ift
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
73
im ©egenteil Vernunft unb weifeä 3Raß. S§ ift Unfinn
unb Sexchtfinn, Unmögliche^ gu wagen unb feine ©etreuen
gwecflo$ gu opfern, bloß um bem eigenen ©elbftgefühf
unb einem überlpannten Stpbegriff ©enüge gu tun. Aber
e3 ift verwerflich, wenn man fid) töricht unb übermütig
in ©efaf)r begeben hat, bann um ©xlfe gu rufen, bto%
um ba8 liebe Seben gu retten.
2Ba8 bebeutet biefe Auäeinanberfehung ber gelben?
Sin Vlid in bie Seutfdjen ©elbengebichte gibt bie Antwort.
SRan erinnert fich be£ $uge§, oer oft ttneberfefjrt: ber
echte, ©eutfcfye ©elb ift frei von leichtfertiger Überhebung
unb Abenteuerlichfeit, er fämpft nur, wenn ber Kampf
notwenbig ift unb einen vernünftigen ßroeef hat. SBalth er
von Aquitanien ^ält fid) gurücf fo lange er tann, er
nimmt fogar ungezogene, beleibigenbe Sieben gebulbig hin,
er bietet ©efchenfe an, um frei weiter giehen gu fönnen.
3m Stibelungenlieb lehnen e§ ©unther unb ©ernot ab,
mit bem übermütigen Abenteurer ©iegfrieb um ihr Steich
gu fämpfen unb ohne ßweef ba3 Seben ihrer gelben auf£
Spiet gu fe|en. ®er alte Sßate in ber Kubrun liebt
romantifche gahrten nicht; erft bie jüngfte ©eneration
geigt bie verfeinerte 2)enfart, bie bloß um ber Shre
wißen ba$ Stüfcliche unterläßt: Drtwin wiß Kubrun vom
©tranbe nicht wegführen; im Kampf ift fie geraubt, burch
Kampf muß fie wieber gewonnen werben — ba§ verlangt
bie Shre. ®er frangöfifdje dichter bringt ben gufammen*
ftoß gweier Anfchauungen, gu benen bie Sntwicflung ber.
ritterlichen ©efeßfehaft offenbar Anlaß gegeben hatte, er
erführt fich offenbar gegen ba$ törichte Äbenteurerwefen
unb bie übermäßige 3 u fpi& UTt 9 be§ ShrbegriffS, wogu
bie ©efeßfehaft feiner Rti t gelangt war, unb ba$ fich
fpäter in ber Stomantif ber $afelrunbe be3 ArtuS fieg*
reich nnb vielfach verfliegen auSbrücfte. ®er 9DidE)ter übt
Kritif an einer bamalS auffommenben geiftigen Strömung
unb gwar vom ©tanbpunft ber älteren grit aug.
Vielleicht erflärt fid) fo auch eigentümliche ©eiben*
ibeal, ba^ er entwirft. Sr geigt harte, wilbe Krieger,
feine ©eiben finb mehr Schlächter atö Stifter. Sie haben
ftarfe ©emütsbewegungen ohne mesure, fie flammen in
Digitized by
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA-
74
Seibenfdjaft auf, meinen, jammern, faßen in Ohnmacht,
ignen festen, fomeit fte atö SJienfchen bargefteflt merben,
bie meinen 3^9 C Siebe i ur Ofau. @3 ift göchft
begeidjnenb, bag bie Chß. meiegere ©efügle biefer Slrt
nur bent SSerröter ©uenelun gufdjreibt, bie anbern gelben
blog bem SBaffenbruber gegenüber garter empftnbeu lägt.
Unb hoch verraten Slnfpielungen, bag ber ®id)ter oon
ber Verehrung ber 35ame mugte. Slucg im Sfteligiöfen
ermartet man um 1100, gleich nad) bem erften Kreugguge,
anbere Stimmungen. Staub ber ©iegter ber ChR. mit
ber Slnfcgauung, bie er in feinem Siebe t»ertritt,
im bemugten ©egenfap gu ber neu auffommenben
göfifegen, bie halb in Vornan unb ©robaborlprif
gepflegt mürbe? ÜRan mügte ign bann bem ©iegter
be$ 9tibelungenliebe3 Dergleichen. Stanb er auch im
Sßiberfpruch mit gemiffen religiöfen Stimmungen ber
3eit?
SSegiegt fich ber dichter mit biefen Schilberungen
auf SSergältniffe ber ritterlichen ©efeßfegaft unb i)e3
religiöfen SebenS, fo greift er mit anbern auf3 politische
©ebiet hinüber.
©er Kreis ber gelben be8 ©ebicgtS ift burch Segiegung
auf einen ßJiittetpunft, auf ihren |>errn unb Kaifer, eng
oerbunben. SBir bliden in ein auSgebilbeteS SegenSftjftem
hinein. ©ent Kaifer Karl ftegt gunächft ber Sohn Seiner
Scgmefter, Sflolanb, bann ©uenelun, ber gmeite ©emahl
biefer Scgmefter, alfo ber Schroager be3 KaiferS unb
Stiefoater SRolanbS. ©iefe brei $auptperfonen finb
üexmanbtfcgaftlicg oerbunben. Sieben &olanb fteht Dlioier,
Sein $reunb: Sftolanb ift mit DlioierS Scgroefter Silbe
oerlobt, ber Kreis ber SSermanbtfcgaft greift alfo meiter.
Unb Dlioier mirb SBaffenbruber beS §auptgelben.
©iefer engfte Kreis erroeitert fich guerft gum Kreis ber
gmölf ?ßair3. finb tapfere gelben, bie eine beoorgugte
Steflung einnehmen unb bem König befonberS nahe flehen;
fie finb ihm perfönlich oerbunben, feine greunbe: bie
attgermanifche ©efolgfchaft mirft barin nach- Schlieglich
treten tpngu Sarone, bie Kart ferner bleiben: Slaimeä
oon SSapern unb anbere SanbeSfürften, auch fold^e, bie ber
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
75
Saifer fkh im Sampf unterworfen hat, beren ©ebiete
ihm nun bienen rnüffen.
Sitte biefe gelben, bie ihrem Saifer oerfdjieben nahe
ftehen, finb feine SefjnSmannen. ©ie haben fiel} if}m burch
bie commendatio üerpflichtet, fie fdijulben ihm amor
(Siebe) unb foi (Irene), Service (Sienft) nnb conseil
fSRat), fie haben non ihm ein fief (Sehen). fRolanb,
©uenelun nnb bie anbern finb eben ©afatten Sarlgj fie
haben wieber ©afatten, bie bann Slfterüafallen beg Satferg
finb. Umgefehrt ift Sari als Sehngherr oerpflichtet, all
feinen SOtannen ©chufc nnb $ilfe jn gewähren. lieg
©anb ber geubalität hält Sarlg fReid) jufammen: fein
SReich ift ein Sehngftaat, eg umfaßt eine große 3 a hl m>n
ftammegmäßig gefchloffenen Sänbern unter eigenen Herren,
eg wirb perfönlich nnb binglich jufammengehalten.
Ser Sichter legt aber ben größten SBert auf bag
©erfönliche: bag feubale ©erljältnig beg Saiferg jn feinen
SRannen unb umgefehrt ber SDtannen $um Saifer fott
befonberg herzlich erffeinen. Ser Sichter will eben einen
Sehngftaat fcfjilbern, beffen ©eftanb wirflich fo, wie eg
bem ©inne beg Seßngmefeng entfprad), auf ber rechten
perfönlichen ©efinnung beruht— er will fein politifcbeg
3beal barftetten.
Sari hat gelben in feinem Sienft nnb junge Snappen
an feinem fiofe. Ser ©ornehmfte ift fRoIanb. Ser
Saifer liebt feinen Steffen über atteg, er hat ihn erlogen
(nourri) unb ibnt bag ©chwert oerliehen. SRolanb ift
nun fein greunb nnb Berater, beffen SBitten ber Saifer
meift tut; er ift bie Säule beg $Reid)g. Sari ift untröftlich,
alg ber $elb faßt, bann aber rächt er ihn unb forat
pflichtgemäß für ein chriftlicheg ©egräbnig. ©benfo liebt
ber Saifer feine ©airg; feiner oon ihnen barf bie gefährliche
©otfdjaft an SDtarfilie übernehmen. Sllg fie aefatten finb,
weint unb flagt er unb rächt ,fie. Seggleichen auch bie
entfernteren SSafatten. ®efonberg eng geftaltet fich fein
SSerhältnig ju Staimeg oon ©apem. Sllg biefer oerwunbet
wirb, rettet ihn Sari unb tröftet ihn, unb biefer greunb*
fchaftgbienft jieht nun bag ©anb jwifchen ^errn unb
©afatt noch enger. Sari achtet bie SRechte feiner SDtannen:
Digitized by
M
Original from
iUNIVERSITY OF CALIFORNIA
76
1
bie Sörotte beruft er bei tmdjtiaen Sachen gurn SRat unb
hört ihre SKeinung. ®rft mit ihrer SJuftimmung fchreitet
er gur Jot; in allem tmH er mit fernen granfen geben.
Sind) bie äftertmfallen flehen ihm nahe; mit ihnen f)at
er ja fein SReicp erobert, er fd)üfct fte alle Jage unb fie
fe^en in ihm ihren greunb.
J)ie SafaHen ertmbern bk ®efühle ihrer Herren aufg
©tärffte. fRolanb fpriept aug, wag alle empfinben:
2öir müffen ganj für unfern Äönig fielen,
5üt feinen §erm muß jeber SD^ü^fal fcutben
Unb groge §ige, grobe ÄSlte tragen,
©elbft £aut unb £aar foU er für ihn oerlieren. 1 )
Slucp ber geifttiche Sepngmann fpriept fo, Jurpin, ber
Srgbifcpof:
#
gür unfern Äönig jiemt e$ »ohl $u gerben. 2 )
©ehr beadjtengmert ift ber feparfe Sefeplgton, ben
$arl nicht feiten feinen SRannen gegenüber anfcplägt,
& $Raimeg, befonberg Jurpin in ber ^Beratung,
ig gab ber Saifer ihm gut Slntwort:
(Seht, fegt (£u<h nieber auf ben »eigen Teppich
Unb fpreegt niept weiter, bis upS ©ud) befehle.
S)ann gegen ®uenelun:
©uer $erg ift attju §drtli(p.
SBeil i<p'S befehle, rnfigt 3h* bahin gehen.
©ehr gu beamten ift ber $m r bag Sfarl alg
£epnSperr überall felbft mittämpft. slucp ber Äaifer ift
bag SRufter eineg Selben. ®rog unb ftarf, grimmen
©tnneg unb tühn fürchtet er leinen Sebenben. ©ein
eprgefüpl ift empfinblicp: er will lieber fterben als im
gelbe fliehen. ®r ift feiner ber gürften, bie fiep gurüd*
halten unb ihre Sehngmannen für fich ftreiten laffen.
Siele Könige h at er fdbft befiegt, getötet unb ihreg
Sanbeg beraubt; trog feineg h*>h en Älter« toagt unb
*) §erg ©tr. 79. 88. 2 ) @bb. 89.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
77
beftefyt er beit Sarnpf mit SJaligant, bem Slbmiral;
©uenelun irrt, wenn er meint, Sari fyänge ganz non
SRolanb ab: audfy nadfy be$ Steffen Job bleibt ber Saifer
ftarf, mächtig unb fiegreicfy.
©in ftarfer Saifer, zugleicfy §elb unb gfürft, um ifyn
gewaltige fürftlic^e Steden, SSermanbte, ^freunbe unb
anbere SJafaflen — aße in Jreue unb Siebe ju einem
fraftooflen ftaatlidfyen ®angen wecfyfelfeitig oerbunben,
ein glänjenbe^ S3ilb entroflt ber Jicfyter. Stein ßweifel,
er fcfyilbert fyier fein politifcfye8 Sbeal, wie er aucfy fein
Helbenibeal im ©ebicfyte gibt. Unb wie bieS gewife mit
gewiffen Slnfcfyauungen ber ritterlicfyen Öberfcfyicfyt
feiner $eit jufammen^ängt, fo oerftefyt man aucfy ba§
politifcfye 3beal au3 ber 3eit, aus ber gefcfyicfytlidfyen Sage.
©3 geigt ben franjöfifd£)en ©rofcen, Wie e§ in grantreidfy
fein foßte, aber um 1100 eben burdfyauS nid)t war.
J)enn e£ ift fieser, bafj jeneä glänzenbe ©emälbe ber
SBirflicfyfeit im Steicfye ber franzöfifcfyen Stacfyfolger be§
großen Sari nicfyt entfpradfy.
©cfyon unter Sari b. ©r. fyat bie Umbilbung beS
fräntifcfyen ©eamtenftaatS in einen fjeubatftaat merflicfye
gortfdfyritte gemacht. Unter feinen fcfywacfyen Stacfyfolgern
würben bie Herzoge, SRarlgrafen, ©rafen, SSi^egrafen
unb was e3 fonft für sperren gab, rnefyr unb mefyr fetb*
ftänbig, fie riffen enblicfy faft aße ÜRacfyt be3 weftfräntifcfyen
SönigStumS an fidfy. Aucfy unter ben ßapetingern
(feit 987) würbe eS junäc^ft nicfyt anberS: im 11. Safyr*
fyunbert fyerrfcfyte ber Stacfyfolger Sarte nur in einigen
©raffcfyaften be§ StorbenS; im übrigen granfreid) Ratten
fiefy grofje felbftänbige Sanbe3fürftentümer begrünbet: bie
©raffcfyaft glanbern, baä Herzogtum ber Stormanbie, bie
©raffcfyaften $loi§, ©fyampagne, 2lnjou, bie Herzogtümer
^Bretagne unb Sourgogne, bann bie Herrfcfyaften beS
©übenS, t>or aßem Aquitanien unb ©a^cogne finb
fyerangewadfyfen. S)er Sbee naefy war ber franjöfifcfye
Sönig in 5ßari§ atö ©rbe unb 9iacfyfolger Sartö im
SBeften Sefyn§fyerr aß biefe Sänber, unb bie ßapetinger
fyaben ibren 8lnfprudfy auf biefe SefynSfyofyeit nie aufgegeben.
?lber tn SBirHicfyfeit fyatten fiefy bie Sänber üöflig
Original from
NIVERSITY OFÄM:IFORMIA
78
unabhängig gemacht unb befdjränften bie 9Racf)t ber
franjöfifd^en Krone auf alle SJBeife. Ser frangöfifche
König mar in fjranfreic^ faft nur ein Saron neben ben
anbern. Slucf) bie SSafaflen feines eigenen ©ebietS
befchränften ihn: ber König, ber ben Slnfpruch machte,
Erbe Karlg b. ©r. gu fein, tonnte $arig nicht öerlaffen,
ohne auf bie flehten 2$afaflen gu ftofjen, bie überaß bie
SBege fperrten; um meiter ju fommen, rnu&te er mit
ihnen tämpfen. Um bie ßJcitte beg 11. Sahrhunbertg
ftanb bag Sapetingifche Königtum an feinem Siefpunfte.
Slber unter I-*) (10(50—1108) unb Submig VI.,
ber f(hon 1100 bie 3^9^ ber ^Regierung ergriff, hoch
erft 1108 gurn König gefrönt mürbe, trat ber Umfchmung
ein. Sag frangöfijche Königtum fammelt jefct feine Äraft
in ben ihm oerbliebenen ©ebieten, eg nimmt bie Über*
lieferungen ber Karolinger auf unb fudjt bie Sehnghoheit
bei ben großen SSafaüen gfanfreichg mieber gur ©eltung
gu bringen, in ©onberheit aber burch Eroberungen bie
mirftiche 2Ra<f)t ber Krone gu ftärfen. Unter Submig VI.
beginnt eine Entmicf lung, bie ohne erhebliche Unterbrechung
burch bie Sahrljunberte big gu ben 3ehen Submigg XIV.
unb meiter burchgeht* bie Sbee beg geeinten |5 ran freid^S
mirb lebenbig unb mirffam.
Sag ift bie $eh, in ber bie ChR. gebietet mirb, bag
©ebicht pafjt gang gu ihr. Eg fteßt bie Sbee eineg
großen, mcit umfaffenben, mohl organifierten Selptgftaatg
auf, bie bielteicht idjon burch bie Sätigfeit $hü I-, *>iet*
leidet erft unter Submig VI. in bem Sanbe ber Eapetinger, in
Kreifen, bie bem König naheftanben, neue Kraft gemonnen
hatte. Eg geigt, melche ©efinnung SSafafien unb Herren
befeelen muh, menn folch ein mächtigeg ©ebilbe, mie bag
beg Karolingifchen ©taateg, entfielen unb beftehen foß
— eine ©efinnung, bie in SEBirflichfeit längft öerjchmunben
mar. Sag ©ebid^t fdjilbert nicht feine 3fit, mie fie mar.
l ) A. Fliehe, Le rfegne de Philippei. Thfcse. Paris 1912.
E.Lavisse, Histoire de France II, 2 (par Lnchaire) Paris 1901.
S. Dlfchti, 2)er ibeale 5Dtittelpunft granfreictyS im SJtittelalter.
^eibelberg, SGBintet 1913.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
79
fonbern mie fie {ein foDte: eg gibt bag ©egenbilb gu ihr,
ein innerpolitifcheg Programm in bidjterifdjer gorm,
gemife um bie ffieftrebungen beg Äönigg gu förbero,
wenngleich eg in ber Setonung ber geubalität nicht im
©inflang mit ber nüchternen unb praftifchen sßolitif ber
Ärone fleht. 2Bir erleben ähnlich eg halb barauf in Seutf cplanb.
Ser „Sönig 9tother" {teilt bag SBerben eineg ibealen Sehn- 1
ftaatg bar. Seffen Siebter hat bag Seutfche IRei^ im
©inne, aber auch er faßt & bar, wie er eg {ich münfehte,
nicht wie eg mar. Unb bag SRibelungenlieb feiert bie
bie SSajaflentreue alg höchfte Sugenb, gerabe weil fie in ber
3eit nicht oorhanben mar, unb auch beghalb, biircp ©onber*
beftrebungen ber gürften, bag 9teid) bem Untergang gutrieb. *
9Ran fpridjt immer am meiften oon bem, mag man nicht hat.
Sie Sarfteflung feineg |>elbenibealg hat ber Sichter
burch Sehanblung eineg ßonfliftg oerftärft, ein öafaßen*
fonflitt im engeren ©inne mirb nicht behanbelt. Sie
Seutfche Siteratur hat im SEBalthariug bie Sarftetiung
eineg folchen. SXber ein SBafaflenfouflift ift in ein anbereg
Problem hineingearbeitet, bag bem Sichter befonberg am
bergen lag, uub fo ift in ber ChR. auch frag Sbeal
ber Safaüität betont. „
2Ber bieg ©ebicht aufmerffam unb mit ber fiarte in ber
$anb lieft, bem mufe ber Umfang unb bie Kntftehung beg
meicheg $arlg auffaßen, ber Sichter macht barüber
merfrnürbige Slngaben. *
Äarl mar nach fr er ChR. guerft $errfcher eineg
Keinen ©ebietg im nörblicpen granfreich- SSon biefem
aug brachte er gunächft granfreich in feine ©emalt, big er
ein grofeeg geubalreich aufgebaut hatte, ©eine rechte
§ anb bei btefen Kroberunggfämpfen mar SRolanb, bie
raufen unterfiüfcten ihn. ©o geminnt $arl glanbern,
9lormanbie, Bretagne, ^ßoitou, -JKaine, Surgunb, $roüence,
Slquitanien, b. h- etma alle bie großen ^errfchaften, bie
fid) in granfreich außerhalb beg ©ebietg ber Sapetinger
aebilbet hatten. Sarüber htnaug erobert ber Äaijer
Lothringen, ©achfen, Sllemannien, Sapern b. i Seutfchlanb;
meiter bie Sombarbei, aßeg Sanb oon 9tom, äpulien,
Kalabrien b. i. gtalien; bann Äonftantinopel, ©chottlanb.
^rCo -
Origina l from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
80
SBaleS, 3rlcntb, ©ngtanb, Ungarn, Bulgarien. 5111c bicfe
Sänbcr »erben Sefjen SarlS, b. ber Äaifer toirb $err
ber abenblänbifdjen ©briftentjeit. 35ann »irb genannt
5lfrifa, unb ber fpanifdje ^elbjug ift nichts als bie frort*
fefcung biefer ©roberungen ins ©ebiet ber Ungläubigen
hinein. 5lucb fytx führt fftotanb, er jä^tt f elbftberou&t einmal
bie ©roberungen auf, bie er bereits in Spanien gemacht t)ut.
35er fpantfebe frelbjug ift alfo junäcbft ein ©roberungS*
frieg »ie bie früheren auch. So faffen iljn bie Reiben
auf. SlancanbrinS fragt ©uenelun:
%tx grobe $arl ift feltfam,
Sa$ fud&t er uns nun auf in unfern Warfen?
5)rauf ©uenelun:
©o ift einmal fein ©inn,
SRie toirb ein SRann fein, ber iljm toiberftünbe.
Unb 3D?arfiIie fagt:
Orojj Sunber nimmt es mich,
Sie Starl ber ©rofce gar fo alt unb grau,
3)ur$ fo Diel £anbe 50 g er als ©rob’rer.
trafen fo oiel gute, fäarfe ©piefee,
©0 üiele fterrfdjer tötet' er inf gelb,
Sann toirb er ruben benn oon feiner Heerfahrt?
Sn ber Xat, ©roberung, ©Weiterung feines 9teid)eS ift
ÄarlS ftid, baS religiöfe 9Jloment, ber 95efe^rungSeifer
tritt baneben, {ebenfalls junädrft, aurücf. ©S Hingt im
Slnfang nur leidet an unb tönt erft fpäter ftärfer oor,
ot)ne boefy bas $olitifd)e ju fibertönen.
Jriebfeber unb Stüfce biefer ©roberungSpotitif ift
Stolanbj in bem SSermanbten, greunb unb erften SSafaH
beS SaiferS fdjeint fie gerabe $u oerförpert. Stolanb
befennt felbft:
5Rid)t anberS toerb' icb fterben in ber grembe
$enn al# ber erfte oon ben SRittem allen
Unb nach bem fremben Sanb baS §aupt getoanbt;
©0 ftirbt ein $elb als ein ©roberer. 1 )
*) $er| 204.
»
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
81
SDem etttfpredfjenb ^anbelt er aud). SllS ber Sob naht,
legt er fid) unter etner $ßinie nieber
Uttb roenbet nad) bem 5)eibenlanb baS §aupt:
$a£ tat er bat um, toeil er tritt in SBatjrljeit,
2 )a6 ftarl mit attem graitfenöolfe fage,
$er eble ©raf ftarb als ©roherer (conquärant).*)
Suttner mieber mirb barauf ^ingetuiejen, bafe SRolanb für
Sari oiele Sauber „erobert" tyabt, man traut if)m ju, bie
©roberungen noch meiter, felbft in ben Orient tjinein,
auS$ubehnen, b. h* bie äßelttjerrjdjaft anmftreben.
©uenelun unb bie |>eiben fehen ihn ganj oon biefer Seite,
ohne ßroeifel mit wecht, mag jener auch im $aj$ gegen
ben ©tieffotjn übertreiben ober gar fäljehen.
®rei ©ebanfen fteefen in biefer SarfteHung beS
Richters. ©rftenS: ber Sari ber ChR. geminnt burd)
©roberung allmählich öou -ftorbfranfreich auS bie oolle
^perrfchaft über bie ehemaligen ©ebiete beS alten meft*
fränfifchen Sarolingerreid)3, wie eS ber Vertrag oon
SOteerjen 870 begrenzte unb mie eS mar, na<f)bem 1033
©urgunb an SDeutfc^tanb gefommen mar; jmeitenS: Sari
erobert bie Sänber beS chriftlichen StbenblanbeS außerhalb
3[ranfreichS; brittenS: Sari greift in bie SGBett ber Reiben
hinüber unb fehieft fid) an, nach & er ©efiegung ÖaliaantS,
beS Oberhaupts ber öftlidjen unb meftiiehen Reiben) chaft,
bie SBeltherrfchaft an^utreten.
SBie fommt ber SDid)ter ju biefer Stnfchauung? StuS
©inharbS Vita Caroli, bie er offenbar fannte, §at er fie in
ber 3fann nicht entnehmen fönnen. ®er Sefer erhält aber
SBinfe. SarlS ©i£ ift Stachen, mie einft in ber ©efdjichte.
©inmat aber bejeichnet ber §eibe äRargariS baS Schloß
oon ©t. 3)eniS als ßiet jeine Kämpfe. ®ie ChR. führt
bamit nadj f^ranfen, an ben ©ifc ber ßapetinger. Unb
Sari ift jmeihunbert 3nh rc a tt. ®ic 3 a ht tft offenbar
fpmbolijch, anberS hätte bie ©rfinbung feinen ©inn.
9ted)net man üon ber 3^it beS 2)ichterS jurücf, bann
fommt man auf bie 3^it nad| 900, bie $t\t, in ber baS
») fcerfc ©tr. 174.
6
Original from . .
CALIFORNIA
82
®efd)Iedjt ber Sapetinger gefd)icf)tlicf) Ijeroortritt. 91H
baS mürbe bie Senben^ beS 2)id)terS oerraten, menn
nid)t fdjon ein 931icf in bie franzöfijdEje @e|'d)id)te baS
33erftänbniS erfdjlöffe.
greilid), aud) tjier fdjilbert ber 2)id)ter nid)t, maS
mar, fonbern maS er münfd)te unb mollte. 2)enn non
biefer 9Kacf)t unb 2luSbef)nung iljreS non Karl über* 5
notnmenen SReidfyeS maren bie Eapetinger um 1100 meiter
als je entfernt. Slber mir mollen uns erinnern, bafj eben
gerabe bamalS fic^ baS franzöfifdje Königtum, bejonberS
feit Submig VI., auf feine 9KadüfteHung befann, auf bie
nod) lebenbigen rubmooHen farolingifcfyen Überlieferungen,
bie man aud) aus Einfyarb lernte. Unter Sßljilipp I. fe^te '
eine folgerecht burdjgefüfjrte EroberungSpolittf ein, bie
barauf abjielte, ganz granfreid) & er unmittelbaren £err*
fdjaft ber Sapetinger ju untermerfen. S)ie ©cfjilberung
ber ChR. get)t meit über bie $iele her fran^öfifdjen
Könige hinaus, aber fie nerrät bie Slnfprüdje, bie bie
fräftige ^ßolitif ber Sapetinger mad) merben liefe, fie gibt
baS aufeenpolitifcfee Programm franzöfifdjer
Patrioten mieber: baS unter ben Eapetingern geeinte
granfreicb unb ber fran^öfifdje Imperialismus. 3Jiöglid^,
baf; bie ©eftalt Karls mit iferer fyelbenmäftigen 2apfer!eit
unb ifjrem perjönlicfyen ©ictjeinfefcen ein Sob SubmigS VI.
fein foü, ber felbft ein tapferer Kämpfer mar. 2)er
Siebter fteHt alfo aucf) mit biefer ©djilberung ber
Eroberungen Karls feiner $eit ein poIittfcfeeS Sbeal üor
Slugen. S)ie @efd)id)te bis jur ©egenmart geigt, baf$
man it)n oerftanben tyat.
Slber mir fragen: mie begrünbet ber 2)idjter biefe
EroberungSpolitif EfjartemagneS ? 333ie beffen „3m*
perialiSmuS ? ®ag baS frangöfifcfee Königtum bie Über*
lieferungen ber Karolinger fefttjielt unb mieber*aufnat)m,
oerftet)t ficfe ofjne meitereS; bafe eS erftarfenb ben leeren
Slnfpruc^ mit Snljalt gu füllen trachtete, ift natürlic^.
5lber menn baS aud) politifdje Slotmenbigfeit mar, mie
brachte ber Siebter feiner 3 e ^ Überzeugung non
biefer Siotmenbigfeit bei? ©laubenSeifer ftellt er nic^t
als Iriebfeber in ben S?orbergrunb. ©uenelun fagt
83
bielmehr bon Saris SroberungSftreben „ itels est sis
courages w , baS ift nun einmal jein Streben. Slber ba$
hiefje bie faiferliche 5ßolitif aus rein perfönlidjer SBißfür
ableiten. Sem Siebter, ber an bie Senbung fernes SJater*
lanbeS unb feines ÄönigSfjaufeS glaubte, liegt folche
Ableitung fern. @r fucht bie Semeggrünbe biel tiefer,
unb um fie flar ju machen, behanbelt er fie mieber
problematisch. @S gefleht in ber ©rjählung bon
©uenelunS SSerrat.
©uenelun ^at beS fiaiferS Sdjmefter, StolanbS -JJlutter,
jur grau. SEtomit ift er Stiefbater SlolanbS. Sie
Sichtung fefct. nun jmifchen Stiefbater unb Stieffohn
ein SKiftrauen, eine Spannung, an ber aber Stolanb
qanj unfchulbig ift. ©uenelun fcheint ju fürchten,
utolanb molle feine SJtacht unb SSertrauenSftellung bei
bem faiferlidjen Dh e i m ^ a i u benu^en, ihm ober feinem
Sohn, ©elb unb ©ut abjunef)men. Slufjerbem ift ©uenelun
©egner ber ©roberungSpolitif ÄarlS. ßmar ift er ihm
als SSafaU in Siebe unb Sreue unbebingt ergeben: er ift
baS SJtufter eines SehnSmannS, er gehorcht bem £errn
unbebingt, bon untreuer ©efinnung gegen ben Äaifer ift
feine Siebe. Slber bie fortmährenben Kriege finb ihm
berhafet, meil fie ihn bon bem järtlicf) geliebten SBeibe,
überhaupt bon ber Sippe fernhalten, ©uenelun
fühlt ganj anberS als ber Stiefjo'hn. Sief er benft
in bem Siebe niemals an feine SSerlobte Silbe, fpricht
auch nie bon ihr,, bie ihn leibenfchaftlid} liebt:
menn er ©efühle berrät, fo rieten fie fich nur auf
ben SBaffenbruber unb ben £errn. Slber ©uenelun
hat fehr ftarfeS gamiliengefühl, fo ftarf, bafj ßarl
*u ihm fagt: „6uer #erj ift aßju järtlich". Ser
dichter arbeitet ben ©egenfafc ber beiben gelben ftarf
heraus. ~
Sie ©roberungSpolitif ÄarlS fieht ©uenelun berförpert
in Slolanb, ja ihn hült er für ben, ber ben Saifer bauernb
m immer neuen gelbjügen aufftachelt unb bem biefer
feinen SBillen tut; menn er tot märe, mürben biefe Äriege
aufhören. 3® ©uenelun meint, Stolanb hanble gelegentlich
gegen ben SBUXett feines §erm ©benfo hält er il) n
6 *
Digitized by
Google
Origi nal from
IVERSITY ÖF CALIFORNIA
für ben Sräger ber, tüie itjrn fcfjeint, überfpannten
imperialiftifd)en ^ßolitif:
2 )er Äaifer fafc im ©chatten geftern morgen,
2 )o lom {ein s Jieffe hin, er mar gepanzert,
SSon einem SHaubjug gegen (Sarcaf jonie;
ign ^)änben hielt er einen roten 9tpfel. *
Sßehmt, teurer §err, fagt SRolanb feinem £)^m,
$Bon allen Äön’gen biet' id) (Such bie ftrone!
Ser Stpfel ift Sprnbol ber Sßelt, 9tolanb bietet Äarl
bie SBeltherrfdjaft an.
35er Stiefoater verurteilt fold) Streben, er nennt ben
Stiefjohn einen Soren. @r ift ihm zugleich belegen
feinb: jurn Slrgwohn be3 Stiefoater^ fommt bie Abneigung
be§ nad) ^rieben oerlangenben ©atten unb 3Jater3. Ser
©egenjag verftärft ficg.
Sie geheime Spannung bricht au§ bei 23lancanbrin§ '
33otfd)aft. SDiarfilie bietet trügerifch Unterwerfung an,
SRolanb warnt: idjon oft gat ftch ber feinbliche |)errfcher
als Verräter gezeigt, fcgon einmal gat er bie g-ranfen
burd) eine ©efanbtfchaft berüdt unb bann Saris öoten
oerräterijd) getötet; man foll ablehnen. Stolanb gat
recht, aber in feiner SRebe brictjt wieber einmal ber
fampfeSluftige £elb unb ©roherer gerüor:
gührt fort ben ftrieg, mie einft 3h* ihn begonnen,
Naä) ©aragoffa führet (Suren Heerbann,
belagert ihn — unb mär'3 fürs gan^e £eben! —
Unb rächet jene, bie ber Schuft gemorbet,
ruft er bem Saifer ju. Seine beutlid^ fühlbare Suft am
Äampf fcgwöcgt bte berechtigte äßarnung ab. Sie
granfen fennen ben jungen, ungeftümen gelben unb
jdpeigen. 9lud) fie wünjchen baS @nbe beS Krieges,
wagen fid) aber nicht recht mit ber Sprache h^auS.
Sa macht fich ©uenelun jurn Solmetfcher ihrer ©ebanfen.
3egt ift and) für ihn bie üKöglichteit ba, bem Kriege,
ber ihn non ber £eimat unb ben Seinen fernhält, auf
ehrenhafte SBeife ein ©nbe ju machen. 9tolanb§
SBorte leitet er aus felbftifchen 93eweggrünben ab, fo
85
rat er, bag Anerbieten -iRarfilieg anjuneljmen, fdfjarf
gegen ben ©tieffofjn augfaHenb:
(Sr fpridjt jum ftönig: §öret feinen (Slenben (bricun)
9tid)t mid), nid)t anb’re, Ijört auf (Suren SSorteit.
Ser (Sud) ba rät, ben Eintrag ju öermerfen,
2 )en fümmert toenig, mddjen Sob mir fterben.
2 )er 9tat beg §od)mutg fott nid)t fjöljer fteigen.
Saßt oon ben Xoren, feljrt (Such ben Seifen.
giir il)n ift bie ganje ©adf)e nur eine (Privatangelegenheit.
£)ent, ttue er meint, bloß petfönlid)en Sntereffe (Rolanbg
an Srieg unb ©roberung (teilt er (eine unb ber ftranfen
S33o^I(at)rt gegenüber. ®er alte Staimeg von Samern,
betannt unb angefeljen megen (einer SBeigheit, aud)
öon (Rolanbg Seibenfdjaft unb £ärte abgeftofcen, untere
ftüjjt ©uenelun:
Soljl ljabt 31)r'g üernontmen,
Sag ©uenelun, ber ©raf, (Sud) Ijier ermibert.
©Hft Seigfyeit brin, menn man iljn red)t oerftanben.
Senn (Such 2ftarfÜie bitten lägt um ©d)onung,
©o mär' eg ©ünbe, länger iljn ju quälen . .
5)er große Srieg foU nimmer l)öf)er (teigen.
®ie gfranfen (timmen ju, audj (ie (inb innerlich beg
Srieqeg überbrüffig.
Sari ent(d)eibet gegen SRoIanb, ein ©efanbter foU ju
SRarfilie, bie SBerljanblungen ju führen, ©cfyliefelidj mirb
©uenelun baju borgefchlagen unb jtnar auf (Rat
SRolanbg.
®iefer I)egt gegen ben Stiefvater burdfjaug feine
fd&limme ©efinnung, er f)at feinegtvegg bie geheimen
Abfichten, bie iljm ©uenelun ju(d)reibt, er tyält ben
SSorge(cf)lagenen in ber $at für ben geeignetften. £at
er fid) bocf) mit Surpin juerft felbft angeboten, bie
Sotfc^aft auSjuricfyten Aber nad)bem eg Sari aug*
brüdlic^ abgelebnt ^at, einen ber (ßairg gu (Riefen,
(c^eint it)m tatfäcblid^ feiner beffer ju (ein atg ber ©tief=
bater. ®ie granfen (inb betfelben Anfid^t:
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
86
2 Bol)l er mag batyiit gefjen,
ßiefet 3^r ihn jie^n, 3h r fönbet feinen beffem.
0^nc ju ahnen, fteigert nun 9totanb burch feinen SSor*
fd^lag bie bop^elt begrünbete Slbneigung beg ©tiefoaterg
gum $a% ber jefet bet betn leibenfchaftlichen Temperament
beg ©tanneö Ja!) unb oerjehrenb heroorbricht. Schon
immer mifctrauifdj, glaubt ©uenelun, fRolanb wolle bie
gefährliche ,@efanbtfcf)aft, bie wahrfcheinlid) $um Tobe
führt, baju benutzen, ihn aug ber SBett ju fchaffen, um
fein ©elüft auf feine Sehen ju beliebigen unb ben ©egner
feiner ©roberunggpolitif m befeitigen.
©in Tritteg lomrnt hinju. ©uenelun empfinbet eg
atg nicht bem £erfommen entfprechenb, baf$ er, ber nahe
SSerwanbte beg Äaiferg, ein h°chfi e h en ^ cr ® oron ' ben
Auftrag befommt. ©eine ©tarnten empfinben ebenfo:
„SRolanb batte nie folche ©ebanfen faffcn follen, weil
3h** f° hohen ©tammeg feib". 2lud) Thierrp, ber für
Äarl fämpft, fagt: „£at Stolanb auch on ©uenelun
gefehlt" unb gibt bamit einen SSerftofc fRolanbg ju;
auch er hegt bie Slnficht, ber Schwager beg Äaiferg hätte
nicht oorgefchlagen werben bürfett. Ter hifetge Stolanb
hat‘fich offenbar übereilt.
93efonberg empfinblich wirb ©uenelun jefct burch bie
SBahl getroffen, weil ihm burch SJtarfilieg tingebot bie
©ehnfucht nach Seenbigung beg Äriegeg, bie ©ehnfucht
nach SBeib unb ©ohn befonberg lebenbig geworben ift.
SRotanbg SSorfdjlag, ber jum Tobe führen ntu{$, fchtägt
all feine 2Bünfc3E)e hört gu Soben.
©uenelun ift ein tapferer §elb, fein feiger, er ift
ein treuer unb geborfamer SSafall. Slber jefct geht bem
leibenfchaftlichen ©ianne einmal bag ©efühl burch. ©r
gerät öor innerer Sebrängnig (anguissables) au§er fi(^,
rei^t ben SRantel herunter unb bricht log:
(Stiefvater bin i(h bir, bag miffen alle.
S)rum 511 SJtarftlie rätft bu mich ju fetteten.
©r nimmt ben SSorfchlag lebigtich atg Sntrige beg ©tief«
oaterg, gegen bie er fich wehren müffe unb bürfe unb
fagt barum bem anbern frei ing ®eficf)t:
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
87
3 «h tücrbe bir ein grobes Seib erregen,
2)ab eS bir bauern foU burdjS ganje geben.
.Sr fünbigt alfo SRoIanb offen unb an -
2)ie Anfünbigung nneberholt er:
i
9laÖ) 6aragoffa geh’ i<h zu SRarfilie,
2 )o<h einen fdjlimmen Streif null ich üoUbringen,
2 )aran ich biefen groben 3 orn ntag fügten.
3mmer beutlicher wirb ber dichter. Stolanb lacht über
bie Aufregung beS anbern. Stun Jommt ©uenelun ganz
oon ©innen: w 3h r habt biefe ungerechtfertigte SBahl
oerfchulbet, Such liebe ich gar nicht." 5tarl macht bem
Sieben ein Snbe, ber ®raf erhält ben ©efehl $u gehen.
Stoch einmal fdjiebt nun ber ©rjürnte bte ganze
©eranttoortung für biefen Auftrag Stolanb ju unb
gleichzeitig Olibier, weil biefer StolanbS ©enoffe fei, unb
aßen ©atrS, toeil fie Stolanb lieben. 2>ann heifet eS:
„Abfag* id) ihnen, £err, bor Suren Augen' 1 . ©uenelun
brauet bie feftftehenbe, rechtliche gfaradl ber offenen
Slbfage bor bem SehnSherrn unb bor ben gfranlen, er
fagt fich formell unb öffentlich bon feinen SJiitbafaflen loS.
Sr tut, was herlömmlich unb recht ift, er glaubt bamit
alle Pflichten eines ehrlichen gelben erfüllt zu haben; er
fteht nun mit Stolanb unb ben anbern SßairS, wie er
meint, in offener, ehrlicher Feinbfchaft unb ift boß*
fommen überzeugt, barauS alle Folgerungen ziehen zu
bürfen.
©uenelun nimmt SlolanbS ©orfdjlag als eine
perfönliche Sntrige, ber Äarl aflzuwiflig fein Dhr leiht.
Sr fteßt ihr gegenüber bie Stücfficht auf fein eigenes
©ribatgefühl beS $affeS, er fteßt bie ganze ©ache alfo
auf ben ©oben einer Sßribatangelegenheit zweier ©afaflen.
Aber $arl fafjt ben §anbel anberS auf: als F e l°uie
gegen ben Sehnsherrn, als ©errat an ber Staats*
gemalt, als |>ochöerrat; er rmft bie Angelegenheit
aus bem Äreife beS ^ßrioatrechtlichen in bie £>öhe beS
©taatSrechtlichen, eine Anfdjauung, bie aber ©uenelun
aus boßer Überzeugung ablehnt:
, u
Original from
rrroF California
r.
83
%
3$ mar im §eere mit bem ftaifer Äarl
Unb bient' ifjm ftetS in $reue unb in Siebe.
3ebocf) »iolanb marf Jeinen §aj 3 auf mid)
Unb riet einft meinen Xob unb meine ©djmerjen.
3 <f) ?am als SBote zu ÜRarfilie,
$urd) meine Älugfyeit bin id) Ijeil entfommen,
3d) Jagte SRolanb meine Xreue auf (jo desfiai)
Unb Dliöier unb allen ifjten greunben,
$)aS Ijörte $arl mit allen granfen felbft.
3 d) rächte mid), bod) fyier ift fein Verrat.
Slud) fein ©erroanbter unb greunb ©inabel nebft breifeig
Scannern auS ber (Sippe treten au£ notier Über®
Zeugung auf feinen ©tanbpunft: fie finb bereit, fid) junt
©otteSurteil 31 t,.[teilen, ber fidjerfte SetoeiS für bie
Jfeftigfeit itjrer Überzeugung.
S)ie fränfifd)eu Sarone fdpoanfen. ©ie fdjeinen
©uenelunS 9 lnfid)t nidjt red)t ju billigen, aber ftc
finb aud) nidjt entfliehen gegen if)n. ©or allem oertreibt
ifynen ber Slnblid beS gewaltigen ©inabel bie Suft, fid)
.im ®otte£nrteil für $arl unb SRolanb zu fdjlagen. ©ie
beljanbeln bie ganze 2 lngelegenf)eit 3 temlicf) lafelic^:
%
6ie Jagen fid), flug ift'S baüon zu bleiben.
Safjt ab üom 6treit, unb bitten mir ben $önig,
2)en ©uenelun für bieSmal frei zu fprecfyen,
SBeil er if)m bient' in Siebe unb in $reue.
2ot ift JRolanb, il)r feljt il)n niemals mieber,
Sftidjt ©olb nod) £abe fann iljn meljr ermedeit.
2Ber für il)n fämpfte, mär' ein großer $or.
2 )ie ©ebentung beS ÄonfliftS ift itjnen burdjauS Oer®
borgen, fie finb Opportunsten.
Äarl bleibt mit feiner Sluffaffung allein, ©ntriiftet
ruft er feinen $ranfen S u: „ 3 l)t feit) alle ©erräter“.
S)a tritt ber f^lanfe, zie*lid)e, fleine 2 t)ierrl) gegen ben
ftarfen ©inabel für Äarl unb ben toten JRolanb ein;
er allein, ©ertoanbte als SibeSfjelfer treten nicfjt auf
feine ©eite, fie fjaben looljl z u ^ürlS Siecht fein
befonbereS 3 utrauen * un ^ beutlid) fpric^t nun
2 ;i)ierrt) aus, mie ber f^all zu beurteilen ift:
1
i
89
§at Siolanb auch an <$uenelun gefehlt,
Sollt' ifyn boefj (Suer 3)icnft üor Unbill fcbüfceit.
®tn ©cfyuft ift ©ucnclun, ber iljn öerriet,
Sliid) gegen @ud) bat et fi<b fd)ttöb' oerfdjtooten.
♦
2). b* trofc ber offenen, mieberbolten förmlichen Sluf*
fünbtgung ift ©uenelunS lat |)ocböerrat, Verrat an
SRolanb, Serrat am faiferlidjen £>errn. ®enn fRolanb
ftanb im Sienfte SarlS, unb ber ®ienft beS $errn rnufc
ben 2)iener fcbüfcen. ©uenelunS SSerrat mar nicht
berechtigte SSefriebigung feines £affeS in einem ^ßrioat*
hanbel mit bem Stiefiobn, fonbern ^od^oerräterifc^e^
miberred)tliche SSerlefcung eines föniglicben SSafaflen
im 2)ienfte, ein Verbrechen gegen bte ©taatSgeroalt.
Unb bie Vefeitigung StolanbS, beffen SroberungSpolitif
©uenelunS Sßrioatmünfcbe freuet, ift ein g-reoel am
Vertreter ber faiferlicben 5ßolitif. S)ie lat ift ein
©taatSoerbrecben unb oerbient ben lob. ©o $arl, fo
2)ie Sache liegt alfo folgenbermafjen: berechtigte
^ßriüatracbe ober fchmähHcher £)ocboerrat? Wohlfahrt
beS Sinjelnen, b. h- 3?riebe un ^ f äuSlichcS behagen, ober
höhere Sßotmenbigfeit, b. h- oerluftreiche, blutige Kämpfe
infolge ber faiferlidjen ©roberungSpolitif unb beS 3nt*
perialiSmuS. Äarl flogt auf ^ochüerrat: für ihn ift
alfo jene bolitif erfannte Siotmenbigfeit, mag fie auch
über baS ©lücf oieler babinfehreiten. ©uenelun, feine
Sippe, auch bie anbern 5 ran * en benfen anberS. ©ie
ftetten baS Sßrioatintereffe beS einzelnen bafatten über
jene ^ßolitif, benn fie halten ©uenelunS 2at für berechtigt,
ober Derselben fie boeb, meil er bie oorgefebriebene gorm
inne gehalten bat. ÜJteinung ftebt gegen ÜReinung;
offenbar taucht im ©ebanfenfreife jener äKenfchen etmaS
9teueS auf, bem fie ratlos gegenüber ftetten. 2)enn marum
ift ÄarlS berhalten notmenbig?
®er dichter antmortet: SKenfchen fönnen baS fernere
Problem nicht löfen, fyex hilft nur ©ott. Unb ©ott
entfeheibet im ©otteSurteil für Äarl unb gegen
©uenelun unb alle anbern. ®. h- hinter ÄarlS unb
^ Or iginal from
.‘UNIVERSITY ÖF CALIFORNIA
90
StofanbS politifcbem §anbeln ftebt ©otteS SEBifle. 3)ie
franjöfifdje ©roberungSpolitif unb bcr franjöfifcbe 3m*
perialiSmuS finb gottgemoßt, fie entfpringen nicht, tote
©uenelun einmal anbeutete, perfönlicber SBififür. Unb
nun öerfteben mir auch bie ©tefle £erfc, ©tr. 172. Sari
mirb eines lageS öon ©ott burd) einen ©ngel baS ©cbmert
2)urenbal überbrac^t mit bem 93efebl beS £erra, es einem
tapferen giibrer ju febenfen. Sari gürtet eS bem gelben
Stotanb um. Unb mit biefem ©cbmerte erobert nun Stolanb,
mie er ficb felbft rühmt, bie Sanbfcbaften granfreicbS,
3talienS, $eutfcblanbS, ©nglanbS famt 3*lanb, Son*
ftantinopel, „ba$ SarlS Sehen marb", b. b- er erobert
baS ganje cbriftlidje Slbenblanb unb übergibt eS ber
ßebnSmacbt ©barlemagneS. ®er ©ebanfe ift !lar: bureb
baS ©cbmert erhält Sari öon ©ott ben Auftrag ju
erobern, ju erobern fcblecbtbiu, um unter feiner Ober*
berrfebaft ein einheitliches, meiteS Steicb ju grünben, baS
©otteS fei. 3)aS SJJotiö ber ©laubenSauSbreitung fpielt
hierbei feine Stoße, benn afle bie Sänber finb ja bereits
cbriftlicb. ®rü(fen mir bie SJieinung beS franjöfifdjen
2)icf)terS begrifflich !lar aus, bann bebeutet aß baS: ein
©taat bon ber SSergangenbeit mie ber ber ©apetinger bat
nach göttlichem SBiflen baS Stecht, ja bie heilige Pflicht, feine
SRacbt su gebrauchen unb, mie es febon einem Philipp I.
unb Submig VI. borfchmebte, bis ju ben biftorifeben alten
©renjen auSjubebnen.
Slße ©bnften foßen in einem groben Steiche oereint
merben, fo miß eS ©ott. Sber im ©otteSgericht befennt
ficb ©ott auch i ur ®toberung Spaniens, ju ben ©roberungS*
tämpfen gegen bie Ungläubigen. Sllfo nicht blo&
bie ©briften, auc ^ bie |>eiben foßen in jenes grob«
Steich hinein treten, natürlich nachbem fie belehrt
unb Sßiberftrebenbe totgefchlagen finb. ®ie ganje SBelt
ein cbriftlicheS Steich; mobl ein Steich ©otteS, aber nicht
ein geiftigeS ober geiftlicheS, fonbern ein Steid) unter ber
Siegierung beS SaiferS ©b ar l em ogne, beS ^errn beS
„ffi$en ^ranlreicbS", b. h- beS franjöfifchen SönigS, als
feines StechtSnachfolgerS. ©in Programm üon unerhörter
Sübnbeit, baS Programm beS franjöfifchen 3ntperialiSmuS,
igitized by
Google 1
-Or-tgitial from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
91
unb baS ju einer $eit, wo ba£ franjöfifche Königtum
faurn irgenb tueld^e ©tad)t befag.
Siefe religiös begrünbete Sbee ber franjöfifchen SBelt*
herrfdjaft gibt nun auch ba§ SerftänbniS für bie Sebeutung
beS Steligiöfen in ber ChR. überhaupt.
Sie ChR. ift ihrem eigentlichen ©ehalt nach weltlich,
ba£ Sieligiöfe ober gar kirchliche fteht tro£ aller Reiben*
fämpfe unb ^eibenbefehrung nicht im Sorbergrunb.
immerhin, eS ift ba: WaS erfährt man barüber? Sßie
fteht ber Sichter ba$u?
Sie religiösen Sorftellungen ber Sichtung finb fetjr
einfach unb naio. ©ott, ber alle Singe, baS ©olb wie
bie Säber oon 2la<f)en gefd)affen hat, waltet über ben
©tenfchen unb ihrem Sun, inSbefonbere über bem kriege.
@r fdjüfct feine gelben, gibt ihnen ©tut, behütet fie oor
©djanbe unb jagt ihre geinbe in bie glicht. 3m ©otteS*
urteil bringt er baS Stecht an ben Sag, er hat alles, waS
gefchieht, eingerichtet unb öorauSbeftimmt, er leitet ben
©ang ber ©reigniffe. Sarum !ann er auch in oorauS*
beutenben Sräumen feinen Sieblingen bie ßufunft offene
baren. 2lber ©ott ift mächtig, barum ift er nicht unbebingt
an feine SorauSbeftimmung gebunben; er tut auch äBunber,
bie ben gewöhnlichen Sauf ber Singe unterbrechen: auf
Sitten karlS lägt er bie ©onne ftiH ftehen, bamit bie
©chlacht ooHenbet werben fann. Surd) feine ©ngel
oerfehrt er unmittelbar mit feinem Siebling kart; bem
©läubigen, ber ihm recht gebient, ber t>or bem Sobe
gebeichtet unb Slbfolution empfangen hat, öffnet er ben
Fimmel: gleich nach bem Sobe lägt er feine ©eele
heimholen, gür ©hrifti Sßerfon unb SBerf ift fein
SerftänbniS: ©ott ift freilich ber ©ohn ber ^eiligen
Sungfrau, bie auch einmal angerufen wirb, aber ©hriftuS
wirb nur formelhaft erwähnt. Sie grömmigfeit ber
Steden ift tf)eo$entrifch.
©d)licht ift auch Serljältniä be§ gelben ju
©ott. Ser .fjelb ift ©ott burch bie Saufe als feinem
§errn oerpflidjtet. Sft er fromm, fo übt er feine fird}lid)en
Pflichten pünftlich aus. 6r hört ©tette unb ©teffe, er
92
%
feiert bie fircfylidjen gefte, er betet banfeub ober preifenb
ju ©ott imb befreugipt fic£> Dor bem Äarnpf. 93or bem
£obe beichtet er unb läßt fief) abfoloiereu, fpenbet $löftern
©efcfyenfe unb ftirbt bann in ber begrünbeten ßuoerfic^t,
baß feine Seele frei non Sünbe gen Fimmel fahre.
@in djriftlkheS 93egräbni3 muß ben £eib in ber Erbe
bergen, loenn möglich nahe einem ÜRünfter ober in ber
Äirdje, in gemeinter ®rbe, bie oor bem Seufel fiebert.
^Reliquien ftärfen ba§ Vertrauen, ber @ib auf fie f)at
befonbere Äraft. ©otte§ Schu£ im fieben, ba3 |)eil ber
Seele nad) bem 2obe — ba£ finb bie beiben 3)inge, auf
bie e3 ben gelben allein anfommt unb bie fie burd)
legale^ Verhalten gn erroerben trachten.
S5or allem aber muß ber ßhrift an bem mähren ©ott
feftl)alten, er muß „glauben". 2)er ßhtiftenglaube ift
beffer al3 ber t)eibnifcpe. 933er ben ©lauben hot, b. t).
mer anertennt unb befennt, ma§ bie ®ird)e lehrt, ber ift
eben be3t)olb fcboit mehr mert al£ ber .Jpeibe, ber ben
rechten ©lauben nicht hot. ©b r tft hot twfft bie
Reiben hoben unrecht, ba§ 933ort feßrt oft mieber.
@3 ift ein äußerliche^, autoritativ ©b r i^ en ^ um / ber
©lanbe ift gleicbfam eine Pflicht unb eine frembe Sache,
moran man oertrag3ntäßig fefthält.
S)er Sbjrift fteb)t, eben meil er ßhnft ift ohne meitere£
über bem Reiben. 2)em entfpredjenb mirb ber §eibe
eingefchäpt.
®er £eibe hot unrecht, meit er £>eibe ift. 6r ift,
eben al§ peibe, übermütig, ein Schuft, Verräter, Sügner,
fjreffer, |)unb, ein ßinb be3 2eufel3. 933eil er £eibe ift,
belaftet ihn Schulb, feine Seele oerfäßt nach bem Sobe
ohne meitere§ ben jeufeln. ®arum erzählt bie ChR.
oiel üble^ t)on ben Ungläubigen. Unter ihnen ift Siglorel,
ein tauberer, ber in ber |)ölle mar; bie 93erben finb
ein 3?olf, ba§ ©ott nicht liebt, bie Don Saliba finb ein
2$olf, baö niemals ®ute§ miß, bie Äananöer finb garftig.
So mirb Don Sänbern unb Sölfern ber Reiben
gern Schlimme^ berichtet: in ÜRunigre mohnen Teufel;
ein 9Solf ift fchmarg, hot große SRafen unb lange Ohren,
ein anbere£ bide Söpfe unb auf bem SRücfeu 33orften mic
93
Schweine ufw. Surj, eg ift eben ein ÜRangel unb eine
©d)anbe, $eibe $u fein, nicht ben richtigen ©lauben ju
haben. ©elbft ber treffliche $eibe — baß eg folche
gibt, leugnet ber Dichter nicht — felbft ber reicht an
ben einfachen ©hriften nicht heran: „®ott meid) ein
SRitter, wär* er nur ein ©hrift" heißt cg öfterg,
unb einem Reiben fchulbet man Weber grieben noch
Siebe.
«uch ©ott liebt ben Reiben nicht, weil, er ben
falfchen ©lauben h a t; 3Rahum unb 3lpoQ anbetet, @r
gibt ihnen barum Seib, ben ©hriften aber ©ieg. SEBenn
fich jeboch bie Reiben belehren, bann finb fie fofort wahre
©hriften, bann wirb ihr SEBert gleich ein anbrer, auch
vor ©ott. Darum ift eg ein oerbienftlicheg SEBerf, Reiben
bem ©hriftenglauben ju geminnen: man Derfcfjafft ihnen
baburch bie ©eligfeit. Die ^Belehrung ift einfach, eg
genügt bie laufe, bie rein äußerliche Aufnahme iu bie
Äirche. ©ie verliert nicht an SBert unb firaft, wenn fie
ZWanggweife gefehlt: bag ©aframent wirft alg folcheg
magifch. 9tach ber (Eroberung non ©aragoffa werben
bie Reiben jur Daufe getrieben. SBer wiberfpricht, wirb
gehängt, üerbrannt, erfragen. Die ©etauften aber, eg
finb oiel mehr alg $unberttaufenb, finb nun „wahre
©haften". $loß bei ber Königin Sramimunbe, bie
freilich in ihrem ^etbnifc^en ©lauben fchon burch bie
©reigniffe erschüttert ift, macht man eine Slugnahme:
fie fott „burch Siebe" belehrt werben, ©ie wirb ©hrtftin
aug Überzeugung.
SEBer im Äampf gegen bie ©arajenen fällt, erwirbt
©ott gegenüber ein Serbienft: er wirb SWärtprer unb
erhält bag *ßarabieg alg Sohn.
©g ift bie einfache, hanbfefte, autoritative ^römmig*
feit von Äriegem ohne feinere Silbung, bie ftch in ber
ChR. augfpri^t. @g ift ben gelben fd^werer ©rnft mit
ihrem ©lauben unb ihrem ©ottegbienft; ihr ©hriftentum
hält, ftärft unb tröftet fte in Slot unb Dob, ihr Sefehrungg*'
eifer ift ehrlich unb fteigert fich gelegentlich zum
ganatigmug. Slber wenn wir bebenfen, baß um 1100
bie Steform fchon jweihunbert Sahre gftanfreich bewegte,
Digitized by
Original from
“tJNIVERSITY OF CALIFORNIA
94
bafc toir um 1100 bereits in ber SBlüte ber Sdjolaftif
unb 2Rpftif fteben, bafc auch bie Saienfreife öon ber
neuen grömmigfett ergriffen mären, mufj uns biefe
ftrömmigfeit ölten ©tileS in ber ChR. bocb tounbern.
@3 ift noch ganj bie grömmigfeit ber ©eijtlichen unb
Jb^ologen aus ber $eit ber erften Sarolinger, ber Sftänner
mie fflonifa^, Sllcuin, SRaban. 33on ber Seränberung ber
alten grömmigfeit burch bie Reformer ift nichts ju finben:
nichts oon bem peinigenben ©ünbengefühl, nichts oon ber
meltflüchtigen Stimmung. ©3 fehlt aud) ber ©ebanfe oont
©egenfafc unb Santpf beS ©otteSreichS gegen ben Jeufel.
©ott befämpft burd} bie ^raufen bie falfdjen ©ötter,
ben fallen ©lauben — baS ift ber ^muptgebanfe.
S)ie Seelen ber Reiben oerfallen mohl, eben meil fte
Reiben finb, bem Jeufel, aber ber Jidjter fpannt ben
Sampf ber Sljriften unb ©arajenen nicht in ben Stammen
ber Slnfchauung ein, bie Sluguftin barbot, ben ©egenfafc
ber civitas dei unb diaboli.
Unb bann: eS fehlt ber ChR. jebeS firchlidje,
^ierarc^ifc^e Sntereffe. J)ie Sämpfe SarlS in Spanien
finb ©roberungSfämpfe, bie ber ©rmeiterung feines SReichS
bienen; oon ^ßapft unb Snd)e hört man babei fein 2Bort,
faum bafc Ißapft unb ©eiftlidjfeit überhaupt ermähnt
toerben. Slber bafür bidjtet ber SSerfaffer J)inge, bie auf
eine gerabeju feinbliche ©tellung gegen bie ^terard^ifc^en .
Seftrebungen ber ßeit beuten. 3n jmei ©eftalten brücft
fid) bieS flar auS: Jurpin unb Sari.
Jurpin, ber ©rjbifchof oon SfteimS, toirb atlerbingS
in ber ChR. gefeiert als ein Sßropfjet, toie feit ber $eit
ber Slpoftel ferner aufgetreten fei, geeignet ben 33unb $u
galten unb 9Kenfcf)en ftu befe^ren. ©r f)at manche fdEjöne
^rebigt gegen bie ^eibenfcfyaft gehalten. 3n ben lebten
Sümpfen fegnet er bie getöteten $air3 unb abfoloiert
bie granfen öor bem Sampf, inbem er ihnen zugleich
als fünftigen ÜKärtprern baS 5ParabieS in ^iuSficbt fteßt
unb ihnen als 93uf;e für ihre ©ünben ben Sampf auf**
erlegt. Slber Oon ber fpefulatioen Sraft berer, bie fich
in SluguftinS X^eologic oertieften ober begrifflich benfenb
bie Sirc^enlehre oerftänblich machen toollten, unb oon ber
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
95
©eltflucht ber $eit finbet fich in ber (Seele biefe« Kirchen*
fürften nichts, ©eine foömmigfeit ift bie ber anbern
aud}, alten Stile«. Safür ift ber ©rjbifchof ein ftarfer,
ftreitbarer £elb, ohne gurcht, ein hochgefchäfcter Kämpfer,
ganj teie SRotanb unb Diimer. „SRie fang fold)
ein Sonfierter je bie äReffe, ber mit bem £etb folcjh
£elbenteerf oollbracht." Sud) innerlich ift Surpin meit
mehr £>elb als ©ifchof: ber fiat fe SJtann, ber fRitter
hat bie fßflicht füt^n ju ftreiten, „im Kampfe foö er
milb nnb tapfer fein, fonft ift er maljrlid) nicht t)ier
geller teert/ nur ber ©chteadje gehört nt« Klofter:
„SRönch foti er teerben bann, in einem Klofter für
unfre ©ünben beten lag unb -Macht." Sa« finb 8ln*
fidjten, bie burd)au« nicht ber teeltflüchtigen grömmigfeit
ber ^Reformer entfprechen.
%xä) Surpin« ffierhältni« ju Karl teäre nicht nadj
bem ©mne ber Anhänger ber fachlichen SReformbeteegung.
Surpin gehört ju ben Sßair«, bie bem Kaifer perfönlich
nahe fielen, teie einft bie germanischen ®efolg«leute,
er ift auch 33afaH be« KaiSer«. 3m Krieg unb SRat
fteht er al« Solcher Seinen SDtann, er oerfünbigt begeiftert
bie Pflicht be« öafallen: „gür un{ern König jiemt un«
teohl ju fterben.“ Kur$, ber ©r$bifchof fteht unb lebt
in ber ©eit ber geubalität, er hanbelt unb benft teie
ein teeltlicher 83aron.
Ser Sichter, ber biefe © eftalt fdjuf, fyattt babei
natürlich feine Slbficht, er nimmt mit ihr ©teUung
jur 5Ref ormbeteeguna, infonberbeit ju ben a«!etiSd)*
hierarchischen ©ebanfen, jur Sßolitif ©regor« VII. unb
Seiner Rachfabren. @« ift ber ©egenbrud be« Jriegerifchen
©eltmann« unb be« ©taatspoliiifer« gegen bie Reformer.
Ser Sinter fteht beutlich auf ber ©eite be« franjöfifd)en
Königtum«, ©efdjichtliche ffierhältniffe Spiegeln fich in
ber Sichtung. Ser ©r^bifchof non fReim« tear ber
mächtigfte Sifchof in bem ©ebiet ber ßapetinger, er
tear zugleich ber höchfte Kirchenfürft granfreich«. ©eine
©tetlung tear in ben Kämpfen ber ^Reformer mit bem
Königtum befonber« gefährbet, in ben ©treitigfeiten
©xegor« VII. mit I. fpielt er eine SRolIe. S«
Digitized by
Original from
NIVERSITY OF CALIFORNIA
96
ift befannt, baft biefer franjöftfche ^errfcher, unterftüfct
bon einem Seile beS ©piffopatS, ben gorberungen ber
$urie SBiberjtanb leiftete unb fogar — aflerbmgS megen
eines unerfreulichen @b^cinbel§ — um bie SBenbe beS
11./12. Saqvhunbertö längere $dt unter bem Sanne lebte.
Subroig VI. t)ielt im mefentUchen bie Stb^ängigfeit ber
Sifdjöfe bon ber firone aufrecht, menn er auch ber $urie
in ber gorm 3 u 9 c f^ n ^ n iff e machte: er berichtete ohne
folch grofjen Äampf roie in Seutfchlanb auf ben fteubaleib
ber Sifchöfe unb auf bie Selepnung mit bem geift*
liehen 8lmt. 3 ur 3 e ü ShÜtypS I. unb ber {Regentschaft
SubroigS VI., jur 3 e tt ul« ber Äönig im Sanne lag,
zeichnet ber franjöfijche Sichter bie ©eftalt feines Surpiit,
eben ben SppuS eines SJeubalbifchofS alten ©tileS mit
faft antimönchifcher ©efinnung. @r fchilbert ih n mit
SBohlgefaßen, Surpin ift für ihn baS Sbeal eines &irdjen*
fürften: ber Sichter ftebt eben nicht auf ber ©eite ber
{Reformer, ber ©regorianer.
Unb bie ©eftalt ©harlemagneS? Sluch fie ift für
ben aufmerffanten Sefer auffäßig genug. Sie Äreujjüge
gegen bie Slraber in Spanien unb bie ©arajenen im
SJiorgenlanbe mürben bor aßem bon ber $irdje betrieben:
bort mar eS baS Älofter £lunp, hier bie Äurie, bie
eingriff; man benfe an Urban H. in ©fermont. ®S
faßt fehr auf, baft bon ben firchlidjen SRächten in ber
ChR. feine {Rebe ift. SaS ©chmeigen ift berebt. Safür
erjählt baS ©ebid^t, SJarl i\abt baS Sanb bon {Rom,
aufeerbem ßombarbei unb ©übitalien burch ©roberung
in feine ©eroalt gebracht, b. h- er höbe ben {ßapft fiep
untergeorbnet unb feinen ©ip politifch eingelreift. Ser
Sichter fpricht abfichtlich berhüflt. Slber man bebenfe,
maS eme foldje SBenbung um 1100 bebeutete! Sen
^ohenftaufen foflte eine ähnliche {ßolitif berberblich
merben.
Unb meiter: $arl fteht fein Seben hinburch unmitteb*
bar mit ©ott in Serbinbung, er aßein bon ben dürften,
©ott fd)icft ihm baS ©chmert Surenbai, er gibt ihm
borbebeutenbe Sräume, er lägt ihn burd) ben ©ngel
©abriel bemachen unb fegnen, im fiampfe fehlen unb
‘ " - ~ Original from -— '
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
Digitized by Google
/
97
ftärfen; burcf) einen ©ngel lägt er ihn am ©chlu§ ju
neuem Sarnpfe aufforbern. Sari ift beutlidE) ber befonbere
Vertraute unb $iener ©otteS, fein SBerfyeug, baS baS
©otteSreich auf ©rben einrichtet, auSbreitet unb befjertfdjen
fofl, bor allen anbern 9Jtenfd)en einzigartig begnabet.
9iodh mehr: Sari fegnet mit ber Rechten bie fHitter
bon Poitou unb Slubergne, als fie ftdj zur ©dEjlacht
bereiten, er entfenbet ©uenelun zu SRarfilie in S^rifti
unb feinem eigenen SRarnen, nacfjbem er ihn felbft ab«*
foloiert unb befreuzigt ^at. Sari trägt hier ohne 3u?eifel
gerabezu priefterlid^e 3üge. ®amit ftimmt gut über*»
ein, baf$ ber Sajfer fdjön unb lange beten tann, mie
ein Sßriefter. ®er ^errfdEjer ber ^ranzofen erfc^eint
beutlich als ein prtefterlidher Söntg nadE) Slrt beS
SDtelchifebef.
2)er ©djufcljeitige ber gfranfen ift nicht ©t. SKartin
ober ®ionpfiuS, fonbern ©t. $eter: ihn unb ©ott ruft
Sari an, als er in ben Sampf geht. 3)er ©df)ar ber
fränlifdEjen Varone, bei ber ber Saifer färnpft, trägt
©ottfrieb bon SInjou bie Driflamme boran. ©ie gehörte
einft bem £1. $etruS unb Ijiefj bie römifdE)e. Sllfo unter
bem 3eicf)en ©t. VeterS, als fein, befonberer $iener, zieh*
ber £err ber $ranzofen in bie ©d£)Iad^t gegen bie
Ungläubigen, unb in biefem Sampf übergibt ©ott ben
granten, bie Sari führt, fein 9iichteramt (juise). 2)tan
benft bei aHebem unmißfürlidE) an ben fßapft, bon bem
baS ©ebidht faft bößig, offenbar abfidjtlid), fdjmeigt.
Raffen mir aßeS z u fummen: beS $ranfenherrfdE)erS
unmittelbarer Verfehr mit ©ott, feine fpmbolifdfj aus*
aebrücfte Veziehung zu VetruS, ber Vefi£ bon 3tom unb
Italien, feine priefterlidje ©eftalt unb gunltion, feine
2el)n£f)errfd}aft über ben ©piffopat, ba3 ©d^meigen bom
$apft — er toirb nur einmal ganz tut Vorbeigehen
ermähnt — Sari als Seiter ber fmbenfämpfe unb
görberer, ja Vegrünber, bann §errf(^er beS Sleid^eS
©otteS auf @rben, aß baS läfet ben ^errfdher ber
gfranzofen als politifdieS, melttich=geiftlidheS ©egenbilb
ZU bem Sbeat erscheinen, baS ©regor VII. bom ^5apfttum
hatte. 2)enn biefem gemaltigen SJlanne fcfjmebte baS
7
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
98
33ilb beS 5ßapfteS bor, als beS geiftlidf)*weltlichen ^errjcherS
ber ©hriftenheit, ja ber ganzen Sßelt, bem alle dürften ber
©hriftenheit unb überhaupt ber ©rbe als SSafaUeit hulbigen
faßten, bem bie 33ifd)öfe unmittelbar unterstellt finb, als
beS $errn beS ®otteSreich3 auf ©rben.
SaS ©ebicht unterftreid^t biefen ©ebanfen baburd),
bafj eS Sari als beutlidtjeS beibnifd^eS ©egenftüdE ben
Slbmiral 33aligant ! ) gegenüberfteHt. Ser ift in ber Sßelt
ber Ungläubigen baSfelbe, waS Sari in ber ©hriftenheit
ift: weltliches unb geiftlidjeS Oberhaupt in einer Sßerfan.
@r ^crrfc^t in Sabpton, ber $auptftabt beS ^eibenlanbeS.
Uralt unb grau, eine fambolijche ©eftalt, wie Sari,
ftammenb aus ber Reit Römers unb SirgilS, ift er in
feinem ©tauben ein weifer 2Rann.' ®r führt bie ^ah ne
SKahumS unb SerbagantS, ein Reichen, bafj er in ihrem
Sienfte fteht. Rugteich ift er Lehnsherr SRarfüieS unb
aller h^bnifdhen Sänber, wie Sari ein tapferer £etb.
Ser Sampf mit bem Saifer ift fambolifd}: bie chrifttiche
unb heibnifche ßJtacht treffen in ben ^Jerjonen ihrer
tneltlich^geiftlichen Häupter jufamtnen. SaligantS 9?ieber*
läge erfdjüttert fdjneU ben ©lauben ber Reiben an bie
•äKadjt ihrer ©ötter, baS ©hriftentum triumphiert, ihm
gebührt bie Sßeltf)errfchaft, bem fReid^e ©otteS auf ©rben
fügen fich bie hetbnifchen Sänber ein — beherrfdjt aber
wirb eS bon Sari, bem priefterlichen Sönig beS füfjen
SJranfreichS, ju beffenSroberungSpoliti! unbRmperialiSmuS
fid^ ©ott bon Anfang an befannt, ja bie er gewollt hot.
Sie Slbfidjt unb Slnficht ber Sichtung ift flar: ber
franjöfifche |>errfcher ftatt beS SßopfteS weltliches unb
geiftlidjeS Oberhaupt ber ©rbe, Senfer beS ©otteSreichS
auf ©rben, bieS gebadfjt als burdh ©roberung begrünbeter
unb wohtorganifierter geubalftaat. ©in Programm, für
bie Reit um 1100 oon gewaltiger Sühnheit, aber ein
SJeweiS für ben Politiken SBiflen unb bie politifche
0 $)iefe 93aligantepifobe ift ber ChR. Dort einem anbem
S)ic^ter, aber mit üottem SerftänbniS für ben ©eljalt beS Oriainatö
jugefe^t. ©ie bemeift, mie ftarf bamalS fd)on in gemiffen feeifen
ber imperialiftifche ©ebanfe mar.
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
99
Sraft, bic fdfjon bamatö in bent Keinen Sanbe ber ©apetinger
befdE)loffen lag. 2)a8 Programm ift bauernb, wenn aucty
mit Seränberungen, verfolgt worben: eS ift ber tieffte
fiern ber franjöfif^en ^olitif auch in ber ©egenwart,
granfreicb Ijat feinen 2)idjter oerftanben: nic^t umfonft
ift bie Chß. bort burdj ©autierS Sluggabe ©cbulbud)
geworben.
n. Das Bolandslied des Pfaffen Konrad. 1 )
®ie franjöfifd&e Chß. ift ein tyelbenmäßigeg unb
poIitifd^eS ©ebidf)t, national burdj unb burd), ganj ein»
gefteüt auf ben ©ebanfen' an bie ©röße beg eigenen
Saterlanbg unb bie weltweite Slugbeljnung feiner 9Jcad)t.
@g ift djriftlidj, unb ber altdE)riftlicf)e ©eoanfe oon bem
9leidf)e ©otteg, ben Sluguftin oertieft unb fpelulatio aug»
geweitet bot, ift in feinen ©eljalt eingegangen, aber fo,
baß bag Nationale unb £>elbifcf)e burdjaug oorßerrfdjt.
®ie Chß. bebeutet wirflief) eine tttücffebr ju ben Sbealen
Sarfö beg ©roßen, fie fteljt im ©egenfafc jut ttteform»
bewegung: bag Ähnliche fefytt i^r.
©tma in b # en Sauren 1131—32 bearbeitete ber ®eutfc^e
Pfaffe Äonrab bag frangöfifc^e ©ebidEjt. ©r lebte am
$ofe ^einrid&g beg ©toljen oon Samern, in beffen §aupt»
ftabt tttegengburg. Äonrab benufcte eine Raffung beg
Driginalg, bie ber Dyforber nidf)t in aßen ©in^elleiten
gleicht, eine Raffung, bie oielleidjt fdf)on jüngerem ©efd&macf
©influß oerftattet tjat: bag ftärfere £>erOortreten mobern
t)öfifdE)er ßüge im SRoIanbglieb mag fdfjon auf bie Duette
äurücfget)en. Slber auch ot)ne bieg Ijat ber 35eutfdE)e ben
©eßalt beg Urgebidfjtg oottfommen oeränbert, babureb
oerbunfelt, ja jerftört. @r f)at einen gang anbern ©eift
in ben Stoff gebracht, ©runb ift: Sonrab fteljt ftar!
unter bem ©influß ber ttleformbewegung. @r intereffiert
fidj nidEjt für bag $elbifd£)e unb *ßolitifcße feiner SSorlage,
’) Sluögabe oon 93artfd), $)ag 9tolanbgUeb. 2)eutfd)e
?)icf)tungen beg SftUtelalterg 93b. 3, Seipjig, 93roc!f|aug 1874.
Überfettung üon 5t. (£. Ottmann, iag föotanbglieb beg Pfaffen
Äonrab, Seidig, 5teclam 1890.
7*
< •»
T^gftizecf by
Go gle
Wü N I VE RS i TV 0 F C AL I FO R NIA
w
I ICH
► *
. :
100
all baS fd^iebt er beifeite; aber ba£ SReligiöfe brängt
er in ben Borbergrunb unb fdjafft bamit ein $enfmal
ber religiöfen ©rregung feiner ßeit: fünfge^n 3fal)re nach
feinem äöerf beginnt ber jtoeite Äceu^jug.
®ie gelben ber ChR. finb toadfere Streiter, beren
Seben Äampf unb SRegierungStätigfeii ausfüllen, ihre
^Religion befteljt im einfachen. Vertrauen auf ®ott.
6f)riftuS unb fein ©rlöfungStoerf, bie 333irffamfeit beS
HL ©eifteS ^aben für fie in 333irflicf)feit feine Bebeutung
baS kirchliche tritt nicht fef)r fyernor. Bünftliclje Beob¬
achtung ber fird}tid)en Pflichten fiebert ©otteS ©nabe unb
Hilfe hier unb bort, aber ber ©cfjroerpunft be£ 2>afein3 liegt
im SieSfeitS. 2)er Siebter backte ebenfo. 333ar er
©eiftlicher, toorauf feine gelehrte Bilbuna unb kenntniS
hintoeift, bann backte er toie Xurpin. — konrab aber ift
©eiftlicher mit burchauS t^eologifd^cm Sntereffe: auch
QfpiftuS & er ®^öjer, ber $1. @eift finb für ifjn iebenljjge
Borftellungen. 2)a3 kirchliche tritt feljr ftarf h e ^ or -
Bifchöfe unb ^Sriefter toerben in feinem ©ebicfyt gebührenb
berücffichtigt, Bifchof SohamteS, ein rein religiöfer, gar
nicht belbenmäfjiger SppuS, toirb eingefügt, auf baS
Sdjlüffelamt beS $apfte£ toirb angefpielt. Bor allem
aber fteht ber 2)eutfdje ganj unter bem altdjriftlidjen
©ebanfen ber Söettfluc^t, ben bie SReformbetoegung juerft
bem kleruS, bann ben Saien toieber ins Betoufjtfein
gebraut ^atte. ®iefe£ Seben ift ein Nichts im Bergleich
^um Seben nach bem $obe, man muft e$ fliehen unb
ba£ jenfeitige fuchen — baS ift ber ©runbton, auf ben
konrabS ©ebidjt geftimmt ift.
2)enn erft oer job bringt bie grudEft beS ÜRenf^en-
lebenS. 2)urch ihn gelangt bie Seele toieber in ihre
urfprüngtiche ^eimat, ins SßarabieS; mer ftirbt, h«t g^nbe
im §immel, benn bort toirb er ©ott feinen |>errn fehen.
3)er 3tne(f beS SDienfchenbafeinS liegt alfo im SenfeitS.
®ie Arbeit beS SebenS bient nur baju, ©otteS ^>ulb,
baS Himmelreich, baS B ara ^ e ^ i u ettoerben. 333er babei
für ©ott ftirbt, gelangt in ben ©h° r & er SWärtdrer.
9tolanb fucht in bem fpanifchett ffelbjug nur feine
Seligfeit; auch Surpin. Um biefen toahren 3^^
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
101
be3 JafeinS ju erreichen, foH ber SJtenfch ©ott ju Siebe
feiner ©ippe unb allem meltlichen 93efi$ entfagen, alle
meltlichen Sorgen aufgeben, fein Seben opfern unbShrifti
3od), b. i. Stot, Jrübfal unb Job auf fid) neunten,
©o Ijanbelt Siolanb, fo auch Jurpin. jer oerlieb, fo
heifjt e§ oon ihm, äße greube ber SBelt, ©efip unb
SBermanbtfcpaft unb gab julefct fein Seben l)in. J)enn
bie ©eele ift bie §errin, ber Seib bie SJtägb.
J)iefem perfönlichen, ganj unpolitifdjen @eficht£pun!t
unterfteßt Sonrab aud) ben $ampf. Job auf bem
©djlachtfelb ift ber ©ingang in§ mafjre Seben. jarum
find Staime^ gelben gern* bereit fterben; Stolanb
unb bie *ßair§ moflen ihre ©eele bem ©rlöfer mieber*
geben, ja fie bitten ©ott um ben Job, bamit ihre ©eele
in ben Rummel fomme. fi’arlS üRannen ftreben nach
bem Job, t)in ju bem Jljron, ben ihnen ©ott im emigen
Seben al§ SKärtprer geben foß. J)ie jrnölf $air§ ftnb
djriftgläubig unb auSermählt, fie magen ifjr Seben um
ber ©eele mißen unb münfdjen nichts fe^nlidjer, al£
ju fterben unb burdf) ben SJtärtprertob ben Fimmel ju ;
erlangen. Stotanb ruft begeiftert: „9lch, märe id) erft
bei ©ott! ©ott ift um meinetmißen gemartert morben,
barum bin ich-bereit, um ber ©eele mißen ju fterben."
J)eSl)alb ift Äampf unb ßrieg für bie gelben nichts
fchredlidpeS, im ©egenteit, fie freuen fiel) auf bie Schlacht
mie auf ein ©elage, mie auf ein geft; in brüderlicher ©in**
trac^t eilen fie bem Jobe entgegen. ftür Jurpin ift ber
JobeStag ein fjreubentag. J>er Sifajof 3ohanne£, eine
©eftalt, bie Äonrab felbftänbig in fein ©ebicht eingefügt
hat, ein alter ÜJZann mit grauen Soden unb lahm,
möchte afö 2Riffion§prebiger nach Sllmarie gehen, um
ben SRärtprertob unter ben Reiben ju erleiben. Seiben*
fchaftlidje ©ehnfucht nach bem Sutärtprertobe erfüßt
überhaupt bie gelben Äonrab§. t
J)ur^ ©ebet bereiten fidj bie Steden auf ben Job
oor. ©ie bitten nicht um ipr Seben; unb bie hintmlifche
©char freut fich, bafe jo oiele heilige SJtärtprer ihrem
©chöpfer nadhfolgen, bab fo oiele, mie einft bie un*
fchulbigen Äinblein, fterben merben. J)er ^>1. ©eift aber
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
102
fcfjenft beit. SRittern bic Äraft jutn Sterben unb fd^ü^t
tlbrc Seele oor ©ünbe. Unb bic gelben fallen alg
SKärtbrcr. $Run finb fie rein, wie bie unfdjnlbigen
Äinbtein, bie £erobeg töten lieg, weiger atg ©cgnee;
fie finb ing ©ueg begßebeng eingefdjrieben, ifyre ©eeten
geljen ju ®ott. ©or iljm finb fie Qfürfpredjer ber
ßgriften, SRatgeber ©otteg; it)re ©ebeine aber finb Zeitig.
®ag ift ber ©egen beg ßreujjugg gegen bie Ungläubigen.
2)i!rdfj niete SBunber befennt ftdfj ©ott bei iljren
Sebjeiten $u it)nen. ©eine Sraft bewirft, bag juerft
nur wenige ßljriften, aber niete Reiben falten. ®r lägt
— wie fdjon in ber ChR. — bie ©onne ftittfte^en,
bamit ber ®ampf bauern fann, er füt)tt öftere ben
egrifttid^en Kämpfern bie £ifce. 2IIg Dtinier ftirbt, geljt
ein ©tanj non if)tn aug, bei SRolanbg Xob bebt bie
@rbe, bet ber Stnbatfamierung ber Seiten gefcfjefyen
Seiten. Äurj, wir ftegen im ©ebanfenfreig unb ber
Stimmung ber ÜRärtijrertegenben mit igrer ©iebetjige
retigiöfer ©egeifterung unb äobegfreubigfeit. ®g tjerrfct)t
im SRotanbgliebe eine ganj anbere Stimmung atg in ber
ChR., in ber bag Seben alg fotcfyeg noef) feinen Sßert
unb feine Slufgabe tyat, wo man wot)t an ben §immet
benft unb fieg für it)n norbereitet, wo man aber weit
entfernt ift, bem lobe freiwillig unb begeiftert entgegen*'
juftreben. SKärt^rerftimmung fet)tt im fran^öfifegen
©ebidjt burdE)aug.
®iefe wettftüd^tige, martyriumgfetige Stimmung unb
Sebenganfdjauung jerfe|t nun bei ®onrab ben ©ef)att
beg Originale öoltfommen; bie ©ebanfen beg granjofen
• ftegen etgenttid^ nur noct) atg ftofftidEje Sftefte ba, fie
wirfen faft frembartig in bem neuen 5Raf)men. ßerfe^t
Werben junädfjft bie ©ebanfen ber ChR. über ^etbenart
unb ^etbenpftic^t.
Slud^ im fjtotanbSüebe ift 9iotanb ein gewaltiger
SRedEe, bem niemanb gteid^fommt; aud^ ba fc^tägt er
. 9Mann unb $ferb burdE), ja fogar mit Überfteigerung
ber ©ortage, big in bie @rbe tfinein, aueg ba tötet er
SJtaffen oon ßeiben in furjer ßett. Stber ffionrab betont
boeg bie rettgiöfen 3ü9 c fo, bag fic^ bag ©ilb beg
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
103
\
leibenfchaftüchen, felbftfidjeren , nicht feiten mafjlofen
jungen ÄrieaerS unb ©robererS merfiich oeränbert. Ser*
gleichen paßte offenbar nicht red^t jum ©anjen beS
d)riftlichen SRitterS unb ßRärtprerS. 33or bem Äampf
befennt SRolanb anaefichtS ber ©enoffen laut feine ©ünben
unb äußert ©ehnfucht nach bem Sobe, bie Seele ju
retten. Stolanb marnt, ßRarfilieS Anerbieten anjune^men..
Sn ber ChR. öermutet er, mit SRedfjt, SSerrat unb Oer*
langt $ortfe£ung beS SriegeS — unb toär’S fürs ganje
Seben! 93ei Äonrab I)at er oor allem Sorge um baS
^riftentum. @r fürchtet, SRarfilie toolle bie ©Triften
nur burcf) ©olb jum Abjug oerleiten, um bann überall
baS 93ilb SRadfjmetS auf Juristen, jum Schaben beS
djriftlichen ©laubenS; bann mären alle bereits jum 99eften
ber ^Religion erlangten Vorteile bahin. ®r fügt Ijingu,
©olb brauche er nicht. AIS er ben S e ^i u 9 ungetreten,
habe er fein Seben geopfert; er Ijoffe, bab (Sott bie
Seele in ben ©imntel neunten merbe. SaS ©eiftlidje
oerbedEt baS ©elbifche.
Ser oernünftige, mafcooHe dinier toirb bei Äonrab
einem billigen, mit bem 2Borte oorfchneHen gelben,
mie SRolano einer ift; ber @egenfa£ ber beiben ©enoffen
faßt eigentlich meg. ®S fehlt im SftolanbSliebe, bafe
dioier allmählich SBaffenbruber SRolanbS unb an Säten
ihm gleich mtrb: bie ©ntmidEtung biefer ?ßerfönlid^feit
hat ber Seutfche Sichter nicht bemerft, fie hätte ja auch
für feinen geifttichen ß^edE feine SSebeutung gehabt.
Auch SurpinS ©elbengeftalt, in ber bie ChR. baS
©eiftliche ftar! jurüdEtreten läßt, mirb im Sinne ber
©runbanfchauung oeränbert. ©emifj ift Sürpin auch
bei Äonrab Sßair, ein getoaltiger Kämpfer, ein fühner
SRedEe, ber immer im bidEften ©emühl oiele ©eiben tötet.
Slber baS ©eiftlidhe übermiegt im fRolanoSliebe hoch
bebeutenb. Ser Sifdhof — nur einmal SS. 6400 f)d$t
er ©rjbifdhof — ift oor allem ber göttlid^e Sehr er, ber
heilige Sröfter ber Seelen, ben fein ©err, mo es geht,
öon politifchen Angelegenheiten frei macht. 9tur baburdh
rechtfertigt fich baS ßriegerifche biefer ©eftalt, bafe
Surpin feine ©elbenfraft ganj in ben Sienft ©otteS, in
Digitized by
Google
~ Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
104
beit ®ienft beS SReligiöfen [teilt: bie greube, bie ber
franjöftfdje Srjbifcbof am §elbenmefen ^at, fehlt bem
®eutfcben. ®iefer oerläfct ade greube ber 38elt, fein
Erbe, feine ©ippe — nicht um bem SebnSberrn ju folgen
unb für if)n ju fterben, fonbern um als (Streiter ßbrifti,
als ®ienftmann ©otteS feine ^ßflic^t ju tun, Reiben ju
belehren unb baburcb jeine ©eele ju retten. ®enn 9^ot
unb ®ob ift 9iad)fptge ß^rifti, unb bie gibt ®etoäbr ber
©eligfeit, ber ©emeinfcbaft ber Engel: mit Segeifterung
gebt ber Sifcbof in ben SRärtprertob. ®ann aber führen
ihn bie Engel in ben Ebor ber äRärtprer, unb @ott
empfängt ityn mit ben SBorten: Procede et regna.
®aS 9teicb biefeS Sircbenfürften liegt im Simmel.
Slarl ift fdjon in ber ChR. fetyr geiftlicb gebalten.
3frömmigfeit, ®laubenSeifer, frommes Seten toerben ihm
nad)gerübmt. Äonrab fcbiebt biefe ®inge in ben Sorber*
grunb unb färbt bte b>elbif(^e Sßerfönlicbfeit beS SaiferS
ganj um. Äarl ift auch bei ibm ber ebelfte SKann,
ein tapferer, furd)tlofer S^Ib, ber felbft feine ©djaren für
ben Sampf orbnet unb felbft mit fämpft. Sr toeif 3 ficb
ju beherrschen, ^5rt jurüdhaltenb erft, maS bie anbera
jagen, liebt auch nicht, toenn bie gelben leibenfchaftlich
unb in SBorten jäh finb. Slber ber geiftlicbe Seftanbteil
ift bocb im Verhältnis jur ChR. ungemein gefteigert.
Sei $onrab fpricht ber Äaifer t>on EhriftuS, bem
Erlöfer . oon ©ünben, oom £1. ©eift <*18 bem rechten
Serater, er braucht geiftlic|e lateinifche SBenbungen.
Er trautet nicht nach ©olb, er oerachtet bie Sügner,
baftt bie SRiebriggefinnten, liebt Seftänbigfeit, eble gudjt,
®emut, ©eborfam, er fd^ont bie h^ibnifchen ©efanbten,
toeil fie, toie einft ©briftuS, S fl I men in ber Sanb
tragen: Äonrab betont baS Ethifcbe in ber £errjcber*
geftalt. Äarl b^t ein febr ftarfeS ®efübl feiner ©ünbe,
befonberS an einer trägt er fehler unb betet immer
nachts um Sergebung bafür: alles Unglücf ift nur
©träfe feiner SJtiffetaten; beS ÄaiferS ©ünbengefübt toirb
berüorgeboben. @r entläßt bie Soten mit frommen
©egenStoünfdben unb betet oft unb innig ju ®ott. @r
ftebt in bauernbem Serfebr mit ®ott, meit mehr als
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
105
bic anbcm Selben. 2Rit SftedEjt: aud& ©ott t)at ein
befonberg nabeg SSerljältnig gu iljm. 2)enn fd)on im
SRutterleib ift Sari oon ©ott gurn fönest ermäfylt.
SRiemanb !ann iljm f^aben, benn ©ott felbft ift immer
mit iljm unb gibt if)tn Sraft, ©erftanb unb (Starte.
Sßenn Sari gu ©ott betet, ift et unbefiegbar. ©ott Ijilft
ißtn oom Ijimmel burd) Sßunber. 3n oorbebeutenben
träumen geigt er iljm, mag gefdjeljen mirb, oft fc^ictt
er feinen ©nael gu it)tn. ®arum Reifet Sari mtt 9ted)t
„Ijeiliget Saifer", „gefegneter Saifer".
2Ug er non bem Unglauben ber Reiben in Spanien
Ijört, ift fein |jauptgebanfe, bie Reiben gu befetjren, um
fie bem jeufel gu entgief)en. @r bittet ©ott barurn,
baß eg i^m gelingen möge, unb ©ott erhört fein ©ebet
9tun faßt ber Saifer ben ©ntfdjluß, bie ^eibenfcfjaft
gu belehren unb bag ©fyriftentum auggubreiten; er ift
©otteg Dienftmann unb füljlt fidE) bagu oerpflid)tet,
©ott Ijat ja ben gelben barurn ein fdtjöneg ßeben
gegeben, baß fie bdfür ben fdjulbigen ®ienft leiften,
Unb ber ©ebanfe ber |>eibenbefet)rung bleibt für if)n
ber midjtigfte: in Spanien fieljt er mit 3 orn / toie bie
t eiben fic| burd) ©ebet gu iljren Abgöttern für bie
dE)lad)t rüften. ©enelun gürnt er, meil er bie ©Triften
betraten Ijat, er miH lieber fterben alg erleben, baß
ÜRarfilie über bie ©Triften fiege, unb bie 33otfd)aft beg
Sönigg freut iljn, meil er baraug entnimmt, baß bie
Reiben bereitg ©ott erlernten unb lieben mollen. 2)arum
ift aud£) ber mefentlidje Snljalt feiner Sotfdjaft nadj
Saragoffa, ber Sönig foHe fidf) fofort belehren, anbern*
faHg merbe er auf einem ©fei nacf) Stadien gebracht unb
bort getötet. SBag bie ChR. alg eine ßüge ©uenelung
ergäljlt, nimmt Sonrab für ©rnft, meil eg gum
©runbton feiner S)arftellung paßt. 3n Spanien' belehrt
Sari biele §eiben, — ober tötet fie. 2Kit folgern ©ott
mo^lgefäHigen 2un fotgt er gugleidfj für fein Seelenbeil:
benn mer für ©ott Jämpft, mirb felig. 2lud) Sari
mürbe gern um ©otteg mißen fterben.
$em geiftlicßen ®id^ter fe^tt natürlich aud^ bag
Sntereffe für bie Probleme ber ^elbenet^i!. Stffo
Digitized by
** •« • * Original from
‘•VvUNIVERSITY OF CALIFORNIA
106
gerftört Sionrab burch Einfügung rein religiöser 23emeg*
grünbc auch ben ursprünglichen Sinn beS Streites
gmifchen SRolanb unb Dlioier über baS 93tafen beS
£>orneS.
3n ber ChR. Sorgt fid) Dlioier megen ber Über*
macht ber Reiben unb forbert ben ©enoffen auf, fein
$orn gu blafen, bamit ber Äaifer gurüdfeljre; benn
gegen Übermacht |>ilfe gu holen, ift ihm fein Sabel.
Srnmer mieber ermahnt er Stolanb bagu, religiöfe
©ebanfen fehlen gang. Slber fionrab gieht bie gange,
OerhältniSmäftig lange unb erregte Erörterung in ein
trodeneS 3 tt, i e 9 e ^ r ^ c h ^ufammen unb oerfehrt beren
Sinn auf ©runb feinet £auptgeban!enS gang: Dlioier
lobt ©ott bafür, bafj eS gum Sampf mtt ben Reiben
forntne, benn bie grojge SÖJenge ber Reiben fd^abe ben
©h r iften nicht, ©ott toerbe oom §immel halfen. Slber
DlioierS Stanbljaftigfeit bauert nicht, halb forbert er
SRolanb auf, baS §orn gu blafen, bamit Äarl gu |>ilfe
!omme, höfifd) mahnt er ben ©enoffen babei an leine
Sdjmefter Silbe, um berentmiüen möge er hoch feine
Scannen fronen! Slber SRolanb ift ber gläubige ©hrift.
Er oertraut auf ©ott: ®aS fei ©ott überlaffen. ®ie
Reiben finb oon ©ott felbft oerurteilt, ©ott mirb fie
alfo oernidhten. Slufjerbem ift ber ®ob im Stampf, ber
SRärtprertob ben Ehriften h e ^f am * „^Sollte ©ott, bafc
ich mürbig märe, ben tarnen eines SRärtprerS gu oer*
bienen, ©lüdlich ber, ben ©ott beS SobeS in feinem
®ienfte mürbigt." 0für Sonrab h a t in biefem Auftritt
nicht Dlioier, fonbern Stolanb 9ted)t. ®iefer mirb als
ber gläubigere über jenen, ben 3Ban!enben, erhoben.
SRur leife Hingt ber urfprünglid)e Sinn ber Stelle in
ber gmeiten Segrünbung bur^, bie Sftolanb für feine
SBeigerung gibt: „SBegen biefer faulen Slfer oon Reiben
blafe i(^ nid^t, fie fönnten glauben, ich fürchtete mich öor
ihnen". Dlioier miberfpricf)t nicht. Unb an ber gmeiten
Stelle, bie bie SReinungSoerfchiebenheit gu ©nbe bringt,
Oerfdjminbet bann bie gange lange, mistige Erörterung
über bie Pflicht ber Ehre unb oernünftigeS ^elbentum.
Sind) bie gmeite Stelle mirb in ein mageres ßtoiegefpräch gu*
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
107
famnten gezogen, bag nun mieber nidpt gumSeginn beg gangen
©efpräcpeg pafjt, benn pier erfcpeint, mie in ber ChR. Dtfoier
ntö ber Überlegene. Surpin aber fc^netbet ben SBortmedpfel
ber gelben eqt geiftlicp mit ben SBorten ab: „Sorgt
für Sure arme Seele, baf* fie Sftupe befomme". Sie ChR.
pat aucf) pier nidjtg ©eiftticfjeg, fie bleibt gang im
£elbifcpen.
Ser frangöftfcpe Sinter fdEjilbert an Karl unb feinen
93afallen ein ibealeg fieljngoerfjältnig, er ftellt einen
ibealen £epngftaat alg innerpolitifd^e§ Programm bar.
Sen Seutfcpen intereffiert bag ^olitifcpe nicpt. SRatürlidfj
gibt auch im Sftolanbglieb bie SSafaHUät ben ^intergrunb
per, aucf) bei Konrab fefen mir, Karlg gelben mollen
efjer fterben alg ipren £>ernt neriaffen. Ser Kaifer fe|t
aern fein Seben für feine SOiannen aufg Spiel, er miH
feine Seute nicpt opne Slot untergepen laffen, er beflagt
innig ben SSerluft ber Sßairg unb pilft Slaimeg perfönlicp
im Kampf. Stber eg mangelt im Slolanbglieb burcfjauä
bag Streben, biefen fiepngftaat atg oorbilblicf) fjin*
gufteCten; benn Konrabg gelben finb in erfter flinie
Sienftmannen ©otteg, nicpt beg Kaiferg. Ser öater*
länbifcpe ©eficptgpunft feplt gang: ber Segeifterung beg
ftrangofen für bag „füfje gfranfreicfj" entfpricfjt nicfjtg
bei bem Seutfcpen: ber fümmert fiep nur um bag SReidj
©otteg. ©g ift äufcerft begeicpnenb für Konrab, ben
Pfaffen, baf$ er bie begeifterten SBorte beg ©rgbifdpofg
Surpin unb beg ©rafen Slolanb , l ) beg oornepmften geift*
lidtjen unb beg beften meltlidfjen SJafatten Eparlemagneg,
ftreicpt. 2tm §ofe beg mächtigen Sapernpergogg £einricpg
beg Stolgen mar fein Sinn für ibeale Sreue beg
93afaUen gegenüber bem Kaifer öorpanben, unb ein
StugbrudE mie „bag füfee Seutfcplanb“ mar bort unerhört,
ja nieHeidpt gang unüerftänblicp Ser Unterfdfjieb
in ber Stidptung ber politifdfjen Kräfte g ron ^
reidpg unb Seutfdjlanbg tritt ^ier fjanbgreifli^, ja
fragifdp gu Sage. Samit pängt eg mopl audp gu*
fammen, bafe im Stolanbglieb bie SSafallen felbftänbiger
J ) ©ie^e oben ©. 76.
'tBigltized by
■ ■ * ’CÄtl’FOFfrflA
. .!
■b
108
finb als in ber ChR.: megen 9RarfilieS 93otfc^aft
galten fic eine befonbere 9tatSöerfammlung ohne
ben Saifer ab unb laffen ihm bann i^rext ©prudfj
burch einen ®eiftlichen, ben Sifdjof 3of)anneS, mit
teilen.
Sllfo auch ber ©taatSgebanfe, ber in ber ChR. im
Sftittetpunft fteht, mirb von Äonrab jerfe|t.
®ie ChR. brachte neben bem innerpolitifdf)en
auch ein aufienpolitifdEjeS Programm, baS Programm
ber Eroberung granfreichS, ber Ehriftenheit, ja ber
ganzen Sßelt. Eharlemagne unb feine gelben fämpfen
im ©inne biefer Sbee, bie trofc allem 33ef ehrungseifer
junächft eine politifdje ift. S)ie fränfifefjen Herren
füllen fief) in erfter Sinie als SJtannen beS ÄaiferS unb
Reifen ilpn, it>re eigenen ÜSBünfche hwtanfe|enb, feine
politifchen 5ßläne au^ufü^ren — ©uenelun ausgenommen.
Stuch biefe politifche Sbee fehlt im 3ftolanbSlieb.
93egreifficE>, benn ber ®eutfcf)e tjatte feinen ©rmtb, ben
franjöfifdjen Äönig ^u verherrlichen. Slber fionrab hat
eS and) unterlaffen, ben ©ebanfen beS ^ranjofen finn*
gemäfe auf baS 3)eutfd)e SReidf) unb fernen Äaifer $u
übertragen. 933ieber fel)r begreiflich, benn am £>ofe
beS SBapernherjogS Heinrichs beS ©tollen badete man
anberS als ber Sichter ber ChR. SBie man badete,
oerrät ber SSorauer Stle^anber, über ben noch i u
fpredjen ift.
3Darum nimmt ber SDeutfd^e dichter ben politifchen
SBeftanbteil aus ber ©eftalt beS £errfdt)erS ber Qfranfen
heraus; fein $arl ift eine faft rein geifttidje gfigur.
Ohne Bmeifel benft er babei an ben ®eutfchen Statfer.
®arl ift jmar alt unb grau, aber bie fpmbolifche 3 a ^
Bmeifjunbert fehlt. Er beherrfdjt baS $eutfcf)e Gleich als
Äönig von 9lom; SRorn unb ßateran finb ihm unter*
morfen, alle Äöntge ber SBelt müffen ihnt untertan fein,
ber Äaifer fteht über alten christlichen fiönigen — eS
finb bie 2KadE)tanfprüche beS SeütfdEjen S’aiferS. ®ie
Slngaben ber Quelle, bie ©t. ®eniS, $ariS unb Stachen
als 9tefibengen nennen, ftetjen unvermittelt baneben. Stber
gerühmt mirb von $arl nur, bafe er ber freigebigfte
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
109
S err bcr Seit fei, freunblich gegen bie SRiebrigen,
djüfcer ber Sitwen unb Saifen, ein geredeter fRic^ter —
oon politijchen planen nichts. Sohl bringt auch bei
Sonrab ber ©ngel ©abriel bent Saifer ba? ©chwert
®urenbarte non ©ott, aber nicht etwa, um ju erobern,
nein — um Sitwen unb Saifen ju fdh innen! 3)er fo
mistige 6roberung?gebanfe ift geftridjen. Unb al?
Slancanbrij fragt, warum Sari feine gelben nicht
heim jiehen laffe, fagt ©enelun: „Seil ©ott ihm bie
Sreu^fahrt geboten hat, weil ©ott biefen Stieg Oon ihm
oerlangt." 2)iefelbe Slntwort gibt ©enelun bem SRarfilie
auf eine ähnliche $rage. Sei Sonrab fehlt aud) bie
Senn$eidjnung SRolanb? al? ©roherer, wenigften? in ber
©terbefeene. S)ie Sbee, Sari l)abe oon ©ott bie Aufgabe
befomnten, fein Saterlanb ju einigen unb fid) bie Seit
ju unterwerfen, oon biefer Sbee ift bei bem 2)eutfcfjen
nicht? mehr geblieben: feine geiftliche ©efinnung unb jein
^ufantmenhang mit bem batjerifdjen ©tamme§f)erjogtum
finb ber ©runb.
$em geiftlidf)en unb unpolitischen 2Renfd£)en [teilte
fid) auch ba? Problem oon ©enelun? Serrat ganj anber?
bar al? bem granjofen. 3n ber ChR. ift e? ein ftaat?*
politische^: Sa? geht oor? ®ie Sohlfahrt be? ©injelnen
unb bie SßflidEjt gegen bie ©type, ober bie Sßolitil be?
Saifer? b. h- bie Pflicht gegen ben ©taat? ©ott
entfdjeibet [ich für bie lefctere. Slber bem Pfaffen bebeutet
jener Sonflilt nichts: auch jene ©rjä^Iung jerjefct er
burcf) feine geiftliche 2)enfart.
Sonrab oerftärft junäd^t bie ©ehnfud)t ©enelun?
nach feiner Familie, bie ©orge um fein Geben, fein
Siberftreben gegen bie Sotfdjaft an 2Rarfilie: er fe£t
baburd) ben Serräter gleich oon üornherein herab, ohne
Serftänbni? bafür, ba^ bie ChR. in ©uenelun nicht
etwa einen ängftlidjen unb weidf)licben 9Renfdjen jeidhnen
will: ©uenelun? J5en!art b a * \ a SReinung ber
granfen burc^au? etwa?. für fief). Seim Serrat felbft
aber fietjt Sonrab bie eigentliche ©chulb be? ©rafen
barin, bafe er burch feine Untreue ©h r ^ en f SRenfchen
be? wahren ©tauben?, an bie Reiben, bie Sinber be?
Digitized by
■*
JjJNIVERSITY OF CALIFORNIA
110
SEeufetS öerfauft fjat, jo mie SubaS ©ßriftum an bie
Suben. $ie ©ünbe miber bie Sf)riftentjeit ift bie
eigentlid^e ©d)utb beS Verräters. ®er Seutfdfje Siebter
füfyrt bie parallele mit SubaS eigene ein, nm feine
Slbfidfjt redjt beuttidjj ju machen. S)er Urfprung biefer
©ünbe aber liegt in ber böfen SRatur ®enetunS unb in
bem fdjtimmen 9tat be£ XeufelS — bie ©adje mirb audfj
in ben 33emeggrünben gan$ geifttid) aufgefaßt, ber ebte
SSafaö ©uenetun mirb junt fdjtedEjten 2RenfdE)en. ®arum
jagt ®art in ber ©eridjtSöerljanbtung: „SßaS
bebürfen mir weiterer Erörterung? ©enetun ßat offen
befannt, baß er bie (Stiften in bie ©ematt ber Reiben
-gegeben ßat." S)ie SSermanbten beS Verräters geben
bie ©cßutb otjne meitereS ju: „©eljr groß ift feine
©djutb", fie bitten nur, ©nabe oor fRedfjt geljen ju
laffen, meil nun einmal ba$ Ungtütf gefdEjet)en fei
unb bie Soten nidfjt mieber fornmen, meil ©enetun boeß
ber ©atte öon ßartS ©djmefter unb oon oorneljmem
©taube märe. Äart teßnt ab: „2)ie ßfyriftentjeit muß
an bem Verräter geragt merben." ®a£ Problem ift
ganj toerfeßoben
©ine 5ftecf)tSfrage, ein ftaatSpotitifdfjer ßonftift, ber
über ben SJerftanb ber 9Renfd&en ginge, braudf)t atfo bei
Sonrab niefjt mefjr entfliehen ju merben, bie ©adfje liegt
ja für bie Parteien ooHfommen !lar. iroßbem erjäfytt
auct) baS 9totanbStieb ben ßmeifampf, ber überhaupt nur
©inn £)at, menn ein Problem bloß burcf> ©ott JU löfen märe.
@r ftef)t bat)er ftörenb in bem ©djtußteit beS ©ebid£)tS,
nur äußerlich mirb er mit bem ^pauptgebanfen uerbunben:
Sirricß befdpitbigt ©enetun, er tjabe für ©olb £>odfyoerrat
geübt unb außerbem — biefer ©ebanfe fteljt t)ier natürlich
an jmeiter ©teile — bie ßßriftentjeit in§ Serberben
geftürjt. ®a§ teuere, für fionrab bie §auptfad^e, mirb
aber oon niemanb geleugnet: Jirrid^ bemeift in ber %at
nur baS erftere — unb ba§ intereffiert fionrab mieber
nießt. 2)a§ ©otte^urteit ^at im 9tolanb£lieb feinen ©inn
oertoren.
$ie ChR. ßat ein großes d^riftticßeS 3teicß uor 9tugen f
in baS aud^ bie Reiben na(| itjrer Se!et|rung aufgenommen
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
/
m
werben fallen; beljerrfdjen fall e8 ©^nrlemagne, ber $err
beS fügen SranlreicbS. @8 ift gebaut at8 ein @otte$«
reicg auf (frben, boc| mit weltlicher <Spi|e. Srinnert
man fid^ ber Slnfprücbe ber großen ißäpfte wte SRicolauS1,
ober ®regot VIT., an beren 3bee eme8 (brifttidjen ÜBelt»
teidjS unter ber Seitung be8 SRacbfolgerS 23ctri, fo ift
flar, bafj bie ChR. im ©egenfa| ju folgen fjorberungen
ftet>t. Äber Sonrab ^at auch ber 3bee be8 cbriftlicben
SBeltreichS bie politifdje ©pi|e abgebrochen: nirgenbS
legt er feinem Saifer Sari foldje Slbficbten in ben Sinn,
Wie ‘ber granjofe feinem ß^arlemagne. ®od) er ift auch
nicht ©regorianer. SRirgenbS fpricbt er tion ber ÜBelt»
fjerrfc^aft be8 ißapfteS, nirgenbS oon feiner $errfcbaft
über weltliche dürften. Sonrab Oertritt ben fircf)ltcben
3mperiali8mu8 nicht. ffür fan ift ber ißapft —»
ba8 jeigt er burd) ba8 SBilb auf ©ottfriebS gal)ne
beutlicb an — lebiglidj ber 3nt)aber ber geiftlidfjen
©ewalt, ber bie Seelen binbet unb löft. Saifer unb
ißapft fielen ihm nebeneinanber, jener als fpert im
SBeltlidjen, biefer im ©eiftlicgen. SRirgenbS gat im
SRolanbSlieb bie Surie eine potitifcbe SRoße, nirgenbS ruft
fie jum Sreujjug auf ober greift ein. 2)a8 ift immerhin
auffällig, wenn man an ba8 Auftreten Urbans II. in
ißiacenja unb Gtermont benft.
Sari will im SRolanbSlieb nichts anbereS als ben
cbriftlicben ©lauben ausbreiten unb ©ott bienen; ba8
SReicb, bas er anftrebt, ift wefentlid) ein ibeateS, geiftlidjeS,
®em Sßerfaffer ber ChR. l)ätte e8 im Sinflang mit
©ebanlen ber $eit wobt nabe gelegen, ben Sampf ber (Sgrifterr
unb Reiben als ben Sampf ©otteS gegen ben Jeufet
aufjufaffen, fan in ben großen gefc^i^tsp^ilofopfafc^en
ßufammen^ang ber Seljre oon ben civitas dei einju*
rüden. 3)er ffranjofe tut ba8 aber nid)t. 3n ber ChR.
banbeit es fid) nur um ben altfübifcb altteftamentlidjen
©ebanlen beS @egenfa|e§ jwifcben wahrem ©ott unb
> falfcben ©öttern, wahrem unb falfchem ©lauben, nidht
um ben fpätjübifcb neuteftamentlidhen oom ©otteSreidj
unb fReich beS JeufelS. Sonrab bagegen' führt gerabe
ben le|teren in fein ®ebid)t ein. @r fafa ben Streit
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
112
ber g-ran!en unb ©arajenen ate einen irbifcfjen Jeil beg
Sampfeg jmifdjen (Sott unb Jeufel, alg einen 2l!t in
bem großen SBeltbrama, bag Sluguftin in feinem befannten
SBerJe bargefteüt ^at: aud) hierin jeigt er ftc^ beeinflußt
oon ben ©ebanfen ber fRefortnbemegung. Smrner unb
immer mieber meift bag Stolanbglieb burd) ©rmäßnung
beg Jeufete unb ©otteg mit feinen ©ngeln auf biefe
©runbanfchauung Ijin.
J)ie ©djulb ber Reiben ift bei fionrab, baß fie
Slbgötter anbeten. Slber barin offenbart fid) nur ber
Jrug beg Jeufete: 93redjmunba ift oon ißm Tange
betrogen, fo baß fie falfche ©ötter oerehrt. Jie ganje
£>eibenfdjaft ftet)t un itf ber ©ematt beg Jeufete, bte
S eiben finb Äinber beg Jeufete, oon ©eburt an jur
öHe beftimmt. ©ie finb Jiener beg Jeufete, ber ©djtoarm
beg Jeufelg, mie bie Eßriften bag Sngefinbe ©otteg.
Jag ganje Geben mirb bef)errfd)t t>om ©atan. Sn ben
©öfcenbilbern ber fieiben mohnen Jeufel unb fpredjen
Bügen aug i^nen geraug, in ihren 33ett)äufern häufen
foldje unb oerleiten ju allen ©chänblidjJetten, ju 9laub
unb Sranb; fie geben oerberblidjen SRat. Jer Jeufel
Jommt felbft mit feinem |>eere jurn Sarnpf ber Reiben,
um bie Sänften iijreg ^eiligen ©laubeng ju berauben.
Seim Äatnpf um Jortofa ftnb bie Jeufel jugecjen unb
nehmen bie ©eelen ber gefallenen Reiben mit ftdj, bag
£jeer fiefjt fie am SBerfe. Unb mie in ber ChR.,
paffen fie auf bie ©eelen ber ©efaHenen auf, um fie jur
$ölle ju füßren unb brennenbem $ed) ju überantmorten
— etloag, bag Äonrab oft ermähnt, ©o fleht hinter
allem Jun unb Baffen ber ^eibenfchaft bie Jeufetemadjt
Slud) ©enelung Serrat ift ihr SBerJ. Sn feinem &erjen
mohnt ber ©atan, er h^t einen böfen ©eift bei fich, fein
Serrat bringt bem Jeufel oiele ©eelen ein, benn oiele
Reiben müffen infolgebeffen iht Beben taffen, ©enelun
mirb SKittel, bur<h bag ber ©atan fein Gleich ermeitert
— unter biefem ©efidjtgpunft ficht ber Jeutfche ben
^ochüerräter beg $ttmjofen.
SBie auf ©eite ber fieiben ber Jeufel eigentlicher
Beiter unb Stnftifter ift, mie bie Reiben in feinem Jienfte
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
113
ftefjen, fo ftebt auf ber anbem ©eite ©ott, in feinem
2) ienfte bie granfen. ßart *ft ber ©ottegfneebt non
SKutterleibe an, ©otteg 2)ienftmann; unb mie ®arl, fo
auch feine gelben. Sie motten ihrem ©d)öpfer bienen
^alg fein ^eiliges Sngefinbe, jum $ing für bag feböne
*ßeben, mag er ihnen gegeben bat- ©ott ift eg, ber non
$arl ben fjetb^ng gegen bie Reiben unmittelbar netlangt:
biefer befommt ben 33efet)t nom |>errn, bie Reiben $u belehren,
©eine gelben helfen ihm gern bei biefem SBerfe. Slud)
SRotanb gebt auf ©otteg Sefet)t mit, er fämpft für
©bnftug, für ben regten ©tauben. 3m ffampf ftebt
©ott feinen gelben nom £>immel her bei. ©nget geleiten
bie ftranfen jum Äampf unb fc^üpen,.fie, ©ott unb
©fjriftug nertei^en ihnen Äraft gegen bie Übermacht, ©ott
mit feinen ©ngeln behütet $arl. ©o fönnen bie Stiften
bie 2ttad)t beg ©atang ju ©djanben machen. 2)er
fpanifdje gelbjug ift ein bitter Äreu^jug: bie granfen
bezeichnen fid) mit bem Äreuj atg bem SBappen iljreg
3) ienftberrn, in ber ChR. tun fie bag nicht. ®ag ift
für ben SCeufel fcblimnt, eg ift bag größte Unglüd für
ihn, benn menn er bag fireuj fiebt, mu6 er fließen.
Sßeil Sonrab im ©egenfafc zur ChR. rein religiöfe
$iele bat, fallen auch aug ber ©eftalt beg ffaiferg Sarlg
alle .Süge meg, bie ihn jum ^ßriefterfönig unb ©egenbilb
beg Ißapfteg machen: auch biefe 3bee ber ChR. tnirb
Zerftört. Stirgenbg befreuzigt ober abfolniert bei Äonrab
ber Äaifer feine gelben; bie ©emalt ju löfen bat allein
ber $apft. Äonrab meift fpmbolifcb barauf hm* Stuf
ber gab n e $arlg, bie ©ottfrieb führt, fiebt man ©bnftug
alg xBeltricbter, $u feinen fjüfeen aber ben £1. betrug,
bem ©bnftug bie ©emalt, bie Seelen ju binben unb ju
löfen, bag ©cblüffelamt übergeben b a *- ® er ^f a n e
Äonrab übt Äritif an feiner Vorlage, er lann fid) bie
^[uffaffung nicht aneignen, bajs ber Saifer — mie einft
fiari ber ©rofee — meltlicbeg unb politiiebeg £aupt beg
©ottegreicbg fein folle. &ber er berührt biefen beifein
5ßunft nur leicht: ber $apft mirb in bem ganzen ©ebid^t
nirgenbg ermähnt, er mirb auch an ber einigen ©teile
meggelaffen, mo ihn bie ChR. nennt (SS. 1776). Slm
8
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
114
|>ofe Heinrichs waren begleichen ©rörterungen Vermutlich
nicht opportun. Unb $arl ha* 9tom unb Sateran in
feiner ©emalt, er ift eben römifc^er Äaifer; aber ber
Sichter vermeibet eS ber ChR. nach gu erjagen, $arl habe
baS ßanb von 5Rom erobert unb baburd) ginSt)aft: biefe
Eingabe ber Vorlage wirb 33. 6835 geftridjen; ber*
Saifer foH nicht als £err beS sßapfteS hafteten. Sarum
geigt auch ÄarlS gähne SßetruS im S3efip beS ©chlüffel*
amteS, ben *ßapft als bem Saifer gleidjgeorbnete geiftliche
äRacht. Ser Äampf ÄarlS mit 33aligant ift natürlich
hier wie bort fpmbolifch, aber er ift im SRolanbSlieb bem
©roberungSgebanfen, ber imperialiftifchen Sbee entriidt
unb rein geiftlid) gemenbet.
©einem ©runbgebanfen getreu, mufcte Äonrab auch
bie ©eftalt beS ©rgbifdjofs Surpin gang veränbern. ©r
tonnte ben SppuS beS feubalen, jtarf aufs SCBeltlid^e
gerichteten geistlichen £>errn, ber mehr ^elb als Seelen*
hirt war, ber poütifch burchauS gurn Äaifer hielt unb
fid) ihnt als 33afaH böllig unterorbnete, nid)t gebrauchen,
©o macht er ihn gu einem $ßriefter mit einigen halben«
haften 3^9 en » ä u Einern gelben, ber burchauS nur als
Streiter ©hrifti für baS überirbifche ©otteSreich fämpft.—
Ser Pfaffe Äonrab ift fein unbegabter Siebter, aber
ber breite, oft ins *ßrebigtmäf$ige übergehenbe ©til, bie
rein geiftlid) anfeuernbe unb belehrenbe Slbficht feines
SBerfeS machen baS SRotanbSlieb gu einem ©ebicht von
mäßigem tünftlerifchen Sßert. Slber es ift wichtig burch
ben Seift, ber aus ihm fpricht @S offenbart mit
ooHenbeter Seutlidjfeit ben politifdjen Siefftanb bet 3eit.
3n ber ChR. fprid^t ein grangofe, ber mitten in bem
Auftanb ber größten 9Jiad)tlofigfeit beS frangöfifchen
Königtums unb mitten in ber 3^fpütterung ^^nfreichS
ben ©ebanten ber alten Saiferhcrrlichfeit, ber ©inheit beS
5Reid)eS, ber alten SBeltgeltung fefthält unb begeiftert für fein
33aterlanb, baS füge JJranfreich, |>od)giel ber 3 Us *
funft, oerfünbet. 3m SRolanbSlieb prebigt ein Seutfcher
Pfaffe, für ben Äaifertum unb Saiferhcrrlichteit wenig
bebeuten, ber im ©ebanfenfreiS ber reichSfeinblid)en
33eftrebungen beS ©tammeShergogtumS fteht, in beffen
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
115
#erjen bie SBortc „ba$ füfce SSaterlanb" feine $odf)*
gefügte erregen. Slber bafür müffen bie gelben feinet
©ebidjteS ©ippe unb greunbe, fiab unb ©ut öerlaffen,
unt ba3 SReid) ©otteö, ba8 fia) über bie 9Renfcbf)eit
erftredEt unb bie ©rennen ber Nationen nidjt fennt, &u
erweitern unb in üerbienftlidjem Äampf für bie« geiftige,
überiröifc^e SReidE) ben Job ju erleiben, ben Job, ber
ifjnen bann ba$ eigentliche, im ©runbe ganj perfönlidje
Biel it)re3 SebenS unb Strebend bringt: ber Seelen
©eligfeit. —
J)a$ fReligiöfe fielet im SSorbergrunbe beS SRolanbS*
liebes, ba$ ^elbenmäfjige wirb ii}m unter** unb ein**
georbnet, ba$ ^ßolitifc^e fefjlt faft. Slber bie ftzit fam,
wo bie politifdje Sefinnung notmenbig mürbe, eine 3^t,
nicht unähnlich ber, aus ber bie franjöfifcfye SReoolurion
herüortouchS. Jer Jichter be£ „Äönig Iftother" tritt
neben ben SSerfaffer beä franjöfifc^en ©po$. SRan
erfennt ben gortgang & er Politiken ©ntmidElung.
8 *
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
Äöntg Stolzer. 1 )
i r: ®er „jfönig Stoiber" enthält t>or allem bie ®ar*
! ftellung ibealer Safallität, er läfet einen großen ßefyn*
ftaat, mie er fein foH, üor unfern Singen entfielen.
®amit getjikt er in jene ftaatSredjtlidje Sntroicflung
hinein, bie gur ©infüljrung in ben ©ebanfenfreiS beS
SBaltljariuS aegeidjnet morben ift. Slber fie genügt nodj
nid)t gurn SerftänbniS. ®enn ber Stotfyer murgelt")
fidjtlidj in beftimmten gefc^ic^tlid^en • 93er^ältniffen beS I
£ergogtum3 Samern. ®er Sinter lebte bort, erj
ermähnt ba^erifd^e Äbetegefc^Iec^ter: eS märe tnerfmürbig,
menn fein Sßer! ofyne iöegieljung gu bem toäre, maS
barnalS um il)n fyerurn borging, toenn man bem
©ebidjte nidjt eine Stellung in ber Steilje ber literarifdjen
®enfmäler anmeifen fönnte, bie bie lebhafte poütifdje
SSeroegung Riegeln, meldje im 12. 3abrfyunbert 33apent
burdjflutete.
__ fiarl ber ©rofee Ijatte 788 ®affilo abgefept unb
^bamit baS StammeSljergogtum in Sapern oernidjtet.
3m ^ranfenreid) mar nun bie SKadjt ber £ergöge bößig
befeitigt: Xräger ber SlmtSgeroalt blieben auein bie
©rafen unb SÜtarfgrafen.
Slber unter bem ®rucf ber Ungarneinfälle entfielt
au? ber SRarfgraffdjaft ber Strnuifinger in Saijern
mieber ein StammeSfjergogtum. @3 entmiefett fidj
fräftig. Unter £einrid).I. bon Saufen (919 — 36)
beftanb eS faft als Steid) für fid): ber £ergog bon
Sapern patte beinahe ÄönigSgematt in feinem ©ebiet.
*) fi. SRüdert, Äönig föottjer petauSg. ($eutfd)e 2)i(btungen
beS 3JHttelaIterS # 1). Seipjtg, SBrocfljauS 1872.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
117
2)aS 89anb bcr Bafallität, baS ihn als 2Jtarf grafen
an ben Sönig feffclte, behinberte ihn menig, eS Der*
finnbilblichte nur eben bie ßugehörigfeit jum Steich. Otto I.
Zieht bie $üget fdjärfer an: bie Srnulfinger öerfteren
baS Herzogtum, ihre Nachfolger treten in ein ^Beamten*
berhältniS junt Äönig. Slutf) oerbinbet ber Äaijer baS
£anb enger mit ber$rone: DttoS Srnb er Henrich toirb
^erjoaöouJöa^ern.
Slbefbie Erinnerung an bie atte 2Racf)t unb ©onber*
fteüung Sa^ernS reijt auch baS neue $erjog§gefc^led|t f
fich ^öfjere $iele 8 U ftcefen: Hejrmc^H., ber gänfer,
jtiftet ein e gjerfftm ör unci gegen ßaijer Otto II., macht
jpäter fogar Snfprudje auf mF"SFrime. Samern erreicht,
mag jeine ^errfdjer ehrgeizig erftrebten, burch Heinrich II.:
biejer befteigt 1002 ben Königsthron.
93oit nun an mechfelt Samern mehrfach ben ^errn,
hat im SReicbe aber immer eine ausgezeichnete Stellung.
Unter Heinrich IV- l omqten bie SBelfen jur ^enjehaft.
Stuf SEBelj I. (1070—1101) folgt Sßelf II. (1101—1120),
biefem fein S3ruber Heinrich ber ©chmarze (1120—1126).
Deffen ©ohn Heinrich ber Stolze (1126—1139^1 bringt
bie 9J?acht beS Herzogtums auf ben ©ipfel. Er mirb
©chmiegerfohn beS KaiferS £otf)ar bon ©upplinburg,
er erttnrbt bie ©üter beS SWarfgrafen non Efte in
•Jiorbitalien, baS ÜJJathilbifche Erbe, bie SJRarfgraffchaft
TuScien. SRach bem lobe SotharS fallen ihm bie
©upplinburgifchen SlBobien unb bas H^ogtem ©od)fen
ju. „SS mar eine ungeheure, noch nicht bagemefene
fiirftlidje ÜRacht, bon ber SRorbfee bis bor bie Tore
SRomS reidjenb; Hrnrndj felbft rühmte fich, . bafj_ fid)
feine 9Jtad)t Don Tänemar! bis Sizilien erftrede. ...
®amit mar ©tolze über bie Stellung eines
®ahernherzogS hwauSgemachfen" (S)öberl).
®aS ©elbftgefühl biefeS H er ä°9^ ihn meit über
bie anbern dürften hinmeg: Otto oon f5 re ^P n 9 fp^i<f)t
uon feinem befannten H oc ^ mu tf ber ihm auf bem 3 U 9
nach 3talien ben H a f$ aller übrigen Teilnehmer z^
gezogen höbe; bie Sfrrche betradhtete ihn mit aRifctrauen,
meil er fie mit feiner äRacht einfehnürte. Sr h^6 ttic^t
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
118
umfonft „ber ©tolje". Selbftüerftänblich, baf$ ein ftürft
mic er als ßief feines ©trebenS bie ®eutfcpe Äaiferrrone
nor fid) jap.
3n bie Stimmungen unb Hoffnungen beS ehrgeizigen
SRanneS, ber fiep nicht mehr in bie Stode eines lönig*
liehen Safaden fügen mochte, lägt, mie ich glaube, ein
l®ebicpt ^inetnfc^auett, baS um 1130 an feinem Hofe
nerfafet morben ift: ber Stlejanber beS Pfaffen
ßampreept, unb jroar in ber 3 orm r bie bie Sorauer
jmnbfcprift l ) bietet. ®er Snpalt liegt jebenfadS ganj
in ber Dichtung ber politifchen Seftrebmtgen Heinrichs.
®aS ©ebicpt.ift freilich nur bie leicht überarbeitenbe
Übertragung einer franjöfifchen Vorlage, ift im Inhalt
alfo in adern SBefentiicpen unfelbftänbig. Stber ßampreept
hat baS SBerf SllbericpS oon Sifinjo eben nur beShalb
überfept, rneil fein ®ebanfengepalt unb feine Stimmung
ganj ju bem politifchen Streben am baperifepen H°f e
pafcte. ®enn baS fran^öfifepe SBerf erzählt, mie
Sllejanber non 9Ka$ebonien feinem mächtigen ßepnSpernt
®ariuS oon ^ßerfien ben ßinS, ben er als ®afad fcpulbig
mar, öermeigert, fiep mit H eere 3nwcpt gegen ign erhebt
unb feiner ßepnSuntertänigfeit baburch ein @nbe macht,
baft er ben H errn w ber Schlacht felbft tötet. 9tun
mirb Sllejanber ber mächtigfte Äönig beS Altertums,
ber gemaltigfte ader Herrfcher.
®aS ®eöicht ift ber politifchen Sfticptung nach ber
ChR. gerabe entgegengefept. ®er Sorauer ®e£t fehltest
mit ber SJeftegung unb ©rlegung beS SßerferfönigS
®ariuS burep ben dßajebonierfönig, feinen 93afaden.
®aS ®ebicpt ift üodftänbig, nic^t, mie man melfacp im
Hinblicf auf bie Sllejanbergef (piepte unb *©age gemeint
hat, unoodenbet. ®enn ber ©cplufe beS ®ebicpteS
erflärt fiep aus ber politifchen Slbficht 3llberich*ßamprechtS.
*) Ä. Ä i n 5 e l, Sampre^tS ^Hejaitber ttad) ben brei heften
mit ben fjraamenten beS 3llberic öon 93efan$on unb ben
lateinifcpen Quellen perauSflegeben. ©alle, 5Üaiienpau3 1884. —
9t. (5 Dt t mann, $a$ faejanbetUeb be3 Pfaffen ßampreept
in npb. Überfefeung (SBorauer unb ©trafeburger $ejt). $aUe,
Otto $enbel (wibliotpel ber ©efamtliteratur).
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
119
SariuS fiel ja befanntlidj nicht burcb SllejanberS $anb
in ber Schlacht bet ©augamela, fonbern mürbe erft fpäter,
330 o. ßbr., t>on bem Satrapen SeffoS ermorbet.
2)aS Unternehmen beS majebonifcben SiönigS bebeuteT]
nichts anbereS als Sluflebnung gegen ben ßebnSberrnJ
reine ©mpörung. Senn bie ßebnSabbängigfeit ber
9JZajebonier beftebt, mie ßamprecbt auSbrücflicb angibt,
fdjon feit bunbert Sabten, ift alfo redbtticb feft begrünbet
Slle^anberS ©rbebung ift barurn ein fernerer Serftop
gegen bie feubale ©tbif, bie — 6ilbebtanbSlieb unb
S BalthariuS le hr en eg Ka r — ■ Jinbebtnqte ^reuF\ g egen
b eiTSerrn~~~fo rberIe] 2Bie fann ber Siebter, ber 1)ter
ficberltcb int Solbe feinet fper^ogS febrieb, baS miber*
. rechtliche Unterfangen rechtfertigen ? @r tut es, wie ein
Stürmer unb Sränger beS acbtjebnten SabfbunbertS, mit
bem Stecbte ber ftarfen, aufcerorbentlicben Sßerfönlicbfeit
Slte^anber wirb als ein echter Übermenfcb bargeftellt.
Son oontebmer, recht faiferlictjer Slbftammung ift er.
Slucb ben Slnforberungen ber ßeit an 9iitterbürtig!eit
leiftet feine Slbfunft ©enüge: fepon fein ©rofwater mar
ein guot kneht, ein mitter. Stol$ unb Streben
nach Unabbängigfeit liegt bem ©efdjlecbt im Slute:
fein Ob e i m bi e f$ ÖUC ^ Äfejanber unb moUte feinem
Äönig als SSafaK untertan fein.
Sei Slle^anberS ©eburt gerät bie SRatur in' 2luf*
regung: bie ©rbe bebt, ber Sonnet rollt, mächtige
SRegengüffe raufeben b e ™i e & e *r ber Fimmel oeränbert
feine garbe, bie Sonne mirb bunfel. Sie Sßelt foH
merfen, bafc eine „munberlicbe", b. b- munberbare $erfön*
liebfeit in fie bwrintritt- SBunberbar gebt auch bie
©ntroiefiung be§ ÜReugebornen dor ficb: in brei Sagen
wäcbft ba^ ®inb mehr al3 anbere in brei äKonaten.
SBunberfam ift fein Sufeere^: baS $aar glattjt rot unb
fträubt fid), mie bie ÜRäbne eines ßömen. 2)aS
eine Sluge ift bläulich u *tb toie baS einer Schlange, baS
anbere fcpmarj unb mie baS eines ©reifen. Sie über*-
menfeblicbe Sntmidlung bauert an: in feinem erften
Sabre mäcbft Sllejanber mehr Äraft unb Serftanb ju
als anbern in brei.
Digitized by
Original from
yNIVERSITY OF CALIFORNIA
I
120 ,
Ser übergeroaltigen Statur entfpricf)t ber 5t)ara!ter:
ber Änabe ift leibenfdjaftlich t)eftig. 2Benn etroaS
gefettet)!, maS er nid)t gern t)ört, bann blieft er milb
mie ein Sßolf, ber über feinem g ra 6 e fleht.
Sllejanber geigt glänjenbe Anlagen, gelben unter**
meifen ihn in ben ritterlichen fünften unb in ben
Pflichten beS perrfcfjerS. ©Seife ßehrer geben ihm bie
geteerte ©ilbung ber freien fünfte, fo bafc er auch nach
biefer ©eite hin °ß e übertrifft. SaS ©ilbungSibeal
£ampred)tS ift im mefentlichen baSfelbe, mie baS @cfe*
harbs. @S entroicfeln fich nun bie Sigenfdjaften beS
Seutfchen gelben, bie mir aus §i(bebranb3üeb unb
ÜEBalthariuS fennen: Sraft, 9Jlut, ÄrtegSfunbe, Kampfes*
luft ujro. 2lber jS fehlen ÜBäfeigung. unb reltgiöfe.
Stimmung. Ser Sichter legt eS barauf ab, in~fetnem
gelben nur bie berförperte elementare Sftaturfraft $\x
geigen, bie fich in gewaltigem Srange um jeben ©reis
burchfepen will. 5Ränner ber Slrt mag bie ßeit auch neben
Heinrich bem Stollen nicht wenig herborgebracht haben.
9£eue geilen berfiinben, baft ber ßnabe p ©ro^em
beftimmt ift; er ift in^mifchen fünfgehn Sabre alt
geworben. 3m Stalle feines ffiaterS fleht ein munber*
bareS milbeS 9to| ©ujifal. ©Ber eS bänbigt, wirb
nach ^5t)ilipp fiönig bott 9JJa$ebonien, wetfc man.
SRiemanb fann es reiten, feiner barf ihm nahen. Slber
bor ©llejanber beugt eS feine Snie unb läfet ihn leicht
auffteigen: baS Sier erfennt unb berehrt in ipm ben
fünftigen $önig.
9iun regt fich in bem Süngling bie angeborne
^elbenart: Satenbrang fchtnellt ihm bie ©ruft. @r
läfet fich bereits mit fünfzehn 3nh ren tnehrhaft machen
unb gief)t auS, §elbemnerfe ^u berrichten. @r roill
erobern unb fich baburch ben 9?amen eines ÄönigS
erft berbienen. Sdhnell befiegt er ben Äönig
9ZifolauS unb nimmt ihm bie ßrone ab. Sann erobert
er Slntonia, eine Stabt, bie bom ©ater abgefallen ift.
@r rächt Unbill, bie feiner SWutter miberfährt. So
bereitet er fich ^ auf bie ©rofetat feines SebenS:
©erroeigerung beS unb 2lbfcf)üttelung ber SehnS**
Digitize
121
Oberhoheit beS ^ßerferfönigö. ®enn fcbon lange öerbriefjt
ihn, bafc ber SSater ftinZ gablt. Irofc bem lange
beftebenben 9ted)t3t>erbältni$ empfinbet er e$ fdjlecbtroeg
als eine ©cbmacb, SBafafl eines £errn gu fein.
Sin tjodjabliger, leibenfcbaftlicher, ftolgcr, gewaltiger
elb, ein Übermenfcb wie Sllejanber — baS will ber
icf)ter fagen - fann nicht bie gweite ©teile einnebmen;
traft feiner ^$erfönlid)feit tjat er baS Siecht, ficb auf bie
erfte gu fcbwutgen.
2BaS er wiu, gelingt: bamit erwirbt ber SRagebonier*
tönig ben größten Slugm. @r wirb baS erftrebenSwerte
SSorbilb für alle, bie in gleicher SESeife füllen unb bon
ben geffeln firfw^PerbanbeS gebrücft werben.
fta mprecfat, h er (Sjpiftliche, perteibigt alfo unoerbpblen
baS Siecht ber ftarfen fBerfönllchfett. öon ber un*
- ' “lor J- ~ - • *'- 1 -
Irene
erj^ütt erlichen
m~. ber 2reue7
beS &t)nSmannS~ geilen feinen £errn,
>te £)ilbebranbSlieb mib SBalt^ariü^
pfeifen, lafet_er_|ixd}tö verlauten. SEBir blicfen burcp
feine Sichtung in bie SEBelt ber fürftlidjen Sßolitit, wie
fie wirüid) war.
Slacb bem lobe £otbarS erwartete £>einricb ber
©tolge bie Ärone: fein ©cbwiegeroater ^atte ihm bie
5Reid)Sfleinobien übergeben unb it>n gu feinem Slacbfolger
beftimmt. SaS 3* c l ®apernbergogS fcpien erreicht.
Slber ba erfolgte ber Umfcpwung. Ser Sirene unb ben
SleicbSfürften freien bie SJlacbt beS SBelfen, inSbefonbere
bei feinem febroffen, berrifdjen SEBefen gu gefährlich.
SJian w ählte 1138 ffo nrab III_pon_©ta.UKß, Heinrich
^ fKeicf)öinfxgmen TjerauSgeben. SBiberftanb nüfjte
nichts, er Würbe geächtet, unb beibe £ergogtümer
fflapern wie ©aebfen, Würben ihm 1138 abgefprochert.
©ein ©ot)n Heinrich ber £öwe befam 1142 ©aebfen
jurücf: um Sapern rang er oergeblich, Slber bie alten
Seftrebungen unb ©efinnungen ber SBelfen blieben.
®uf fie weift, wie idp glaube, bie Srjählung bom
^ergog Stbetger, bie oer SSerfaffer ber Äaiferdjronif
in fein SEBerf aufgenommen h^t- @i e beutet gang un*
PerhüHt auf $apern unb bie politifchen QkU feiner #ergöge
hin. ©ie ift jünger als ber Sllejanber.
mußtTble
Digitized by
Google
*1;
•
• .%
Original from
Vf.
SiPlNIVERSITY OF CALIFORNIA
I
Slbelger ift ber ebetfte $err, bcr je auf baherifdjent
£[)rone fafc. @r ift ein vortrefflicher |>elb. Um ihn
fielen ^ablreid^e Vafallen, toie e£ fid) für einen fo
großen dürften ^iemt. @3 finb feine Herren: fd)lanf
t>on ä33ud)3, elegant/ non fd)öner roei|er Hautfarbe,
non ftoljem unb nornebmem Auftreten entfprechen fie
fd)on bem ritterlichen 3beal ber 3 e ^ um bie SUiitte be§
12.3af)rhunöertg. ®er ^er^og ift ein freigebiger, ixl*
nerlöjfiger §err: er märe inert, felbft Äönig $u fein,
fagt bie ®id)tung nicht ohne Slbfidjt. ©ein Stuhm
breitet fid) meit über bie ©rennen Vapernä fym au£.
Unter ihm fommt ba» |)er3ogtum jur • böchften 93Iüte
nnb üJtad)t.
Slber biefer mächtige unb glän^enbe $err ift nicht
unabhängig: er ftebt al3 Vafall unter bem römifchen
Könige ©eoeru§, er hat fein Sanb non ihm Sehen,
mufc ihm ßinä jahlen. SIbelger erträgt biefe Slbhängig*
feit feptoer; er panbelt oft gegen feine Sehnspflid)t, in
unberechtigter 333eife, mie ber dichter ohne weiteres
jugibt;.. eS ift einfad) ©mpörung. 2)er ßönig fann
biefe Übergriffe nicht bulben unb läbt ihn nad) Storn.
Slbelger ift fid) feiner ©cpulb loopl betonet. ®r fürchtet,
man führe am ßönigSpofe etwas gegen ihn im Scpilbe.
®er Vefepl feinet £errn macht ihn unruhig: er nerfpürt
feine Suft, bie Steife anjutreten. Stber baS märe offener
Vrud), ben wagt er hoch nicht. Sluf ben Stat feines
alten Vafallen unb Vertrauten geht er nach 9tom.
@r hot richtig geahnt. SeoeruS empfängt ben ^er^og
gornig. @r roill ihn töten laffen jmb. fein Sanb einem
anbern geben. Slbeiger hot feiner eupfltdjfr nicht eifütlt,
baS gibt bem ^errn baS Stecht, fein Sehen ein^ugifhen.
Slber nun rettet ben Vapernhewg fein perfönlicpeS
Verhalten al§ Sehn§l)err: feine ^ot tt)nt
auch in Stom 5 reu obe gemadjt; biefe fe|en burch, bafe
er begnabigt luirb. SIber ber Sönig läfet Slbelger feinen
Ungehorfam hoch nicht gan$ hingehen. 6r entehrt ihn,
inbem er ihm fein langet §aar megfehneiben unb ba§
fange ©emanb für^en lä^t, fo bafc e§ nur bi§ 51t beu
finieit reicht. SBütenb geht ber £>er$og oon bannen.
123
Slber bic Klugpeit feinet alten ©afatten fcridjt ^ cr
©epmaep bie ©pipe ab: baS gange ©efol^e unb fcpließ*'
lieb alle ©apern in ber §eimat nehmen biefe fiaar*
unb Kleibertradpt an unb befreien bamit ihren f>errn
au« feiner ©ereingelung. ®er König berföpnt fiep am
®nbe mit Slbelger, unb beibe geben in greunbfepaft
auSeinanber.
®S bauert nicht lange, ba gergept bie ftremibfcpaft
beS Königs unb beS ^pergogS lieber, ©egner beS
lepteren berflagen ipn bei $ofe wegen angeblicher neuer
Übergriffe. SDieSmal fühlt fich ber Slngefcpulbigte aber
fcpulbloS. SBieber wirb er borgelaben: offenbar miß
man ipn töten. 3m Sewußtfein feiner Unfcpulb weigert
fich ber £ergog gu fornmen: er lehnt je^t offen ab.
©eberus witt ben unbotmäßigen ©afatten mit ©ewalt
gu feiner Pflicht gurüdgubringen. @r giept mit einem
großen $eere über ©erona burcpS ©ifadtal gegen ©apern
peran. Slbelger gept ben ^Römern bis ©rijen entgegen.
®in gewaltiger Kampf entjpinnt fiep, baS römifepe
|>eer wirb gefcplagen. 911S ©eberuS fiept, baß er nijpt
mepr ftanbpalten fann, wirft er fein ©cpwert weg, gibt
fiep befiegt unb ruft: „SRorn, biep pat ©apern in großen
©epaben gebracht. 3cp witt niept mepr leben." ®r
Wirb barauf bom fja^nenträger SlbelgerS getötet.
2)amit erlifept baS SepnSberpältniS gwifepen ©apern
unb SRom. 3 um 3 e ^ en btä ©iegeS eignet fiep Slbelger
baS 2anb bon ©rijen als 2Jiarf gegen baS römifepe
SReidp gu.
3Der ©ebanfe biefer ®rgäplung ift bem beS Stlejanber
nape berwanbt.
Slucp in biefer ©rgäplung paben wir baS Sßotib:
ber ©afatt fcpüttelt bie Dberpopeit beS Königs ab.
S)abei beutet ber Snpalt faft unberpüttt auf baS ©er*
pältniS ©apemS gum 9teicp. greiliep wagt ber SDicpter
niept fo fraß baS 9tecpt ber außerorbentlicpen ©erfönlicp^
feit gu berteibigen, aber eS wirb boep gugegeben, baß
fiep ber |>ergog anfangs Übergriffe erlaubt unb feine
©fliepten als ©afatt niept erfüllt pat. 3Rag auep bie
©age in iprem gweiten ©tüd urfprüngtiep auf bie erfte
Digitized by
Original from
INIVERSITY OF CALIFORNIA
124
4
Vefiebtung beS EtfchtaleS burd) bic Sägern gefeit, mag
ihr erfter Seit ursprünglich ben ßtued gehabt paben,
eine baperifche ßanbeStracpt ju erflären: als ©anzeS
brüeft bic Erzählung Stimmungen aus, bic an bem
©of ber ehrgeizigen SEBelfen perfömmlich toaren.
Um__SlQufen unb 2Beljen zu perjöpnen, um baburch
be m SRei cfte.iiie-lftuhe toteber zugeben, gab Varbaröffa
ll56 ßeinrirfi bem SotbeiTlBaUer n aurücf. VoiTTKö
bi§ 1165 lebten bann beibe, ÄatfeFTmb Herzog, im
beften ©inoernehmen: biejer unterftüpt ben Äaifer in
bem Kampfe mit ben norb italienischen ©emeinben unb
bem *ßapfte, jener ben Herzog in Seinen (Streitigfeiten
mit ben geglichen unb toeltlicpen ©rofeen beS öftlicpen
/ SachfenS. 3)aS Verhältnis zmiScpen fVriebrid^ unb Seinem
i mächtigsten Vajatlen Schien ganz Sbeal ber geubalität
S entsprechen; Heinrichs beS Stolzen Veftrebungen
ienen ber Vergangenheit anheimzuSaUen.
• Stt Jbkkifo hre Säflt ber , f fföni q gtotfrer“, ber Zweifel*
IoS in Vapern geschrieben iftT^SoHten fiep bie politischen
Verhältnisse in ihm nicht Spiegeln, mie fte fiep im
Vorauer Sllejanber gejpiegelt hüben? Sollte bie 2)ar*
ftetlung unb Verherrlichung beS ®eutfcpen SReicpeS als
ßepnSftaat ohne Veziepung auf baS gute Verhältnis
ZtoiSchen VarbarofSa unb bem ßötoen geschrieben Sein?
Sch meine, man borf ben Söm^otper, toie-in bie
ßinte ^er’JfaatSredjtlichen^ntimalung, jo auch in bie
ber aefc^id^ilLdöen ."SSoTgänge in jBapern einorbnen.
Silber fein ©ebanlengepait bilbet baS ©egehftücf zu Seht
beS Vorauer Sälejanber unb ber Erzählung oom ©erzog
Slbelger.
SßauluS, ®iaconuS erzählt in Seiner ßangpbgrben**
geS<±)ict)te_ t»on Sluthari unb SDheobelinbc. Sluthari, fiöntg
ber fiangobarben, toirbt burdp ©eSänbte um Xpeobelinbe,
bie Sochter beS VapernherzogS ©aribalb. ®er Vater
ift mit ber ©eirat einoerftanben. äutpari möchte aber
bie Vraut oor ber ©ochzeit Sepeu. ÜJZit einigen toenigen
ßeuten gept er unbefannt an ben ©of beS Vapern unb
lä&t fiep ipm als Voten SlutpariS oorfteHen. @r bittet
um bie Erlaubnis, SEpeobelinbe z u Sehen unb aus ihrer
ssasSÜz
Digitized by
oogie
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
125
föanb einen Drunf SBeineg ju empfangen. Die 3ung*»
fr au reicht itjin ben Sedjer, ber König trintt. Seim
Rurüigeben beg Sedjerg berührt er leife mit bem ftinger
Dfjeobelinbeg §anb. Die 3ungfrau errötet Dor ©d)am
über bie Sertraulidjfeit beg gremben un b erjä^tt it)rer
Slmme, mag fie erlebt. Diefe fagt: „6g muß rooljl ber
König, bein Sräutigam, felber gemefen fein, ©onft
tjätte er eg nidjt gemagt. ©djroeige, baß eg bein ©ater
nidjt merft." Unerfannt reitet Slutljari mieber meg,
aeleitet Don ben Sapern. ®rft an ber ©renje beg
JBanbeg gibt er fid) m erlernen.
Diefe. Srautmerbungggefcbic^te ift ber alte Kern
unterer ©nä^tung. Sin ©teile Stut^arFg trat fpater
ber SangoDarbenfönig_9tptjarT (636—652), ber ein
berüljmteg ©efefcbud) hatte oerfafjen laffen. ©ejdjidjt**
ließe ©reigniffe fcßloffen fid) an: j. 93. ber Übergang
beg Sangobarbenreidjg auf Karl ’ ben ©roßen (774),
©efdjeßniffe unter Otto L unb II., bie Kreujfaßrt
Sßelfg I. Don Satjern (1101). ©o entmidelte fid) über
mehrere ©tufen meg ein ©toff, ber in uuferm ©ebießt
Dom König SRotßer feine lefcte unb augfüßrlicßfte
Darfteßung gefunben ßat.
Sßieber fretfen bie ©ebanten beg Dicßterg um bie
Dreißeit: ^)ßcr} önlic^fcitöibeal r ©taatggefinnung unb
^Religion Dag gmeite fteßt bureßaug im ©orbergrunb.
SRotßer ift feßon bureß feine Slbfunft Dom ©ater ßer
jum SDtufter eineg 3$ r ft en unb Seßngßerrn ooraug*
beftimmt: er mäcßft in einer guten fürftlicßen Über**
lieferuna auf. Der ©ater beßanbelt feine ©afaflen ftetg
freunblicß. ©näbig Dergibt er ißnen, menn fie einmal
etroag Derfeßen. SBie eg fieß gehört, nimmt er 3tat Don
ißnen an. Dem treuften feiner üRannen; Sercßter Don
SJieran, übergibt er ben Keinen ©o^n mx ©rjießung.
Diefer rechtfertigt bag Senrauen. Dag unb Siacfjt ift
er um ben Knaben unb erjie^t i^n mie feinen eigenen ©of)n.
Dag ergibt Dom Slnfang an ein ^er^üc^eS Serljältnig
beg jungen tyx'm jen *u feinem Safaßen. @g bleibt banernb jo.
©erdeter erjie^t feinen ©cßü^ling entfprecßenb ben
Sbealen ber ßeit. ®r erjie^t i^n §u einem ecfyt Deutfc^en
Digitized by
Google "
■■ Original from
^NIVERSITY OF CALIFORNIA
126
gelben. ®r lehrt ihn bic Rührung ber SEBaffen unb bie
Shtnft beS ihriegeS. SRotfjer geigt fid^ perfönlid) tapfer,
bo<h liebt er eS fehr, fich burch Sift aus ber ©efaljr gu
giepen — ein $ug, ber häufig mieberfehrt, auf ben ber
dichter alfo SDSert legt. ®S ift baSfelbe, maS mir öon
S93altt)er hörten, ©elbft ber Fatalismus ber alten gelben
fel)lt nicht. 9Rother h e *f3t barum wigant „Kämpfer",
degen „©efolgSmann", helet „$elb", recke „Verbannter"
— eS finb bie Vetoörter, bie ben gelben auSgeidjnen,
mie er mtS im £ilbebranbSlieb, SEBalther unb Vorauer
Slleyanber entgegentritt, ben gelben älteren ©tileS.
Slber feit ben ßeiten Heinrichs beS ©tolgen hatten
fich bie ®inge in Seutfcplanb aeänbert: baS mobeme
ßlitterroefen mar non granf reich per, befonberS feit bem
gmeiten Äreugguge, meiten Greifen ^ befannt gemorben.
2)arauS erllären fiel) noch anbere ®igenfd)aften, bie ber
®icpter feinem ^flbeh beilegt.
fRother Reifet fchon mehrere SJtale ritare „9titter"
ober, maS baSfelbe befagt, göt knekt ®er |>err unb
Äönig trägt felbft ben tarnen, ber .eigentlich nur ben
Vafaßen begeidjnet, ber als ßteiter im ^eereSbienft fteht. ®er
Vegriff geht alfo bereits über baS Xechnifche hinaus:
ber Sönig fofl als SDtitglieb beS neuen ©tanbeS unb ber
mobern höfifchen ©efeßfcpaft erfcheinen. 3totf)er geichnet
fich im ritterlichen SBaffenfpiet auS: feiner magt eS, barin
mit ihm aufgunehmen. @r beherrfcpt bie formen ber
guten ©efeßfdjaft (hövescheit), befonberS ben ®amen
gegenüber: er rneifj mit ihnen gu nerfehren, mie eS ber
gute 2on forbert — aßerbingS nur in erlaubter 333eife.
®enn er fennt bie Slufpaffer, er meifj, bafc bie ffämmerer
verbotene Vefuche oerraten. ßur Unterhaltung trägt er auch
bei: er fingt unb fpielt bagu bie £>arfe. @o ift Sftother nicht
nur ein t^elb, fonbern auch c * n Sitter: altes gelben*, unb
neues ßtittermefen oerbinben fich bei ihm gu fchöner Sinljeit.
@r mirb non Verchter auch ju djriftlicher ^ömmigfeit
unb firchlichem ©inne ergogen. ®ie Velegfteßen gieren
fich ^ urc ^ 9 an i c ®ebkht hinburch.
.©o umfängt bie Vafaflität oon Anfang an beftimmenb
unb fchüfcenb ben fünftigen ^errfcher.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
127
9?un befteigt SRotber ben Syrern: er wirb römifeber
König unb empfängt bie Kaiferfrone. Seine SRefibenj
ift Sari ober auch SRom. ©ine gewaltige SRacbt wirb
fein: 72 Könige, oiele £er$öge unb ©rafen bienen ifjtn;
biefen unterfteben wieber SRitter. @r felbft Ijat oon
niemanb ein fielen. Sag ©ebiet feineg SReicbeg ift
Seutfcblanb in feiner größten 2Rad)tentfaltung, oorgefteUt
alg bag ibeale Imperium beg Slbenblanbeg. Sie meiften
Seile baoon werben genannt — nnb barüber binaug
noch granfreicb, Spanien, Sdjottlanb, Slpnlien unb
Sizilien. @g ift !lar, bafc ber Siebter bei feiner
Säuberung bagSeutfcbe SReicb unbbagSeutfcbeKaifertum
im 2luge bat. 3m {Rotier biirfen mir beg^alb bie ©eftalt
beg Seutfdjen Kaiferg unb ben Umfang beg SReictyeg'
ibealifiert fdjauen, fo wie fie ficb ber Sidjter münfd)te.
Sag beutet auf politijebe 2lbfitf)ten Sßie in ber ChR ber
fran^öfifebe Sntperiaiigmug oertreten wirb, fö je§t im
fRotber ber Seutfdje: bie Sßolitif ftriebricb Sarbaroffag
wirft ihren Schein auch auf bieg ®ebid)t.
Ser junge ^errfeber bewährt fiel). 3nt Sanbe Waltet
er gerecht, wie ein König foU: er febü^t SBitwen unb
SBaifen. 3nt Kriege bat er @!ü<f: er unterwirft bie
äBenben reebtg ber ®lbe. Ser gelb*ug ift zugleich ein
Kreu^ug gegen bie Reiben, ein Semeig feineg fireblicb*
frommen Sinneg. 3m SReicb febeinen politifebe ©egen-
fä^e ju befteben: ^pabamar oon Steffen lebt mit SRotber
gejpannt. Slber ber König hält feine ©egner nieber:
erft wäbrenb feiner 9lbmefent)eit in ©riecbcnlanb betommen
fie auf einige $eit bie Dberbanb.
Sen |muptnacbbrucf legt ber Siebter auf bie
Scbilberung ber feubalen Serbältniffe: für bie Segiebungen
beg £errn gum Sebngmann, beg Sebngmanng jum |)errn
ift ber £of SRotberg bag glänjenbe Sorbilb. Senn um
ben König ftebt eine Schar ebler Safallen. Sie
bebeutenbften baoon finb mit ihm oerwanbt ober befreunbet:
mäge unde man, vriunt unde man. Sie beiden tiure
Wigande, helede, volcdegene; auch göte knehte: alt*-
belbifcbeg unb mobern-ritterlicbeg mifebt ficb & en
^Jerfönlicbfeiten biefer Herren.
128
9Jiaitd)e bon ihnen leben faft in ber S33etfe ber alt*
g’ermanifchen ©efolg3leute am $ofe: erfahrene Slltherren
unb junge ©rafen. ®iefe werben wobl am §ofe erjogen
unb tun (jöftfdjen ®ienft; ihr äReifter fcheint ©raf Süpolt
ju fein, Setter unb Safatt ^Hot^er^. 3)er weitere Ärei3
weilt nid^t in ber SRähe be3 Sönig3. 35iefe tommen nur
an §oftagen nach Sari ober fRorn. ®er herborragenbfte
barunter ift Serchter, ^er^og bon SReran, Sater 2üpolt3,
Oheint be3 ®önig3. >Reben ihnen treten politifch ftarf
heroor Slbelger bon Sengelingen famt feinem ©ohne
SBolfhart, auch fie entfernte Serwanbte 9totf)er3.
Sitte biefe |>erren fabelt wieber Safallen: göte knehte
ober Wa3 ba3felbe bebeutet, ritter. ©ie finb mit ihnen
gu £of* unb Heerfahrt berpflichtet. ©erabe beim Heerbann
tritt bie gfeubalität beutlich in Srfcheinung, benn ihn
bilben im ©ebicht eben biefe fRitter unter Rührung ihrer
Herren, ber Äronbafatten. 9113 e3 gegen ftonftantin geht
gibt jeber gfürft an, wiebiel fRitter - er ftetten tann
Nachher bringt auf: Serchter 20000, Süpolt 20000,
SBolfhart 50000 ufw.
Sluch ber ftarfe ©influfc ber äRannen tritt herbor: fie
beftätigen bem ©ohne 5Rother3 bie ßerrfcfmft nach bem
Sobe be3 Sater3.
S33ir bliefen in ein au3gebilbete3 genbalfpftem bon
Safatten unb Slfterbafatten hinein, ein ©hftem, ba3 ber
Serfaffunij be3 Seutfdjen $Reiche3 entfpradj.
S)a3 tnnere Serhältni3 ber ^eubalherren ä u ihrem
$önig ift nun, fo fdjilbert ber ®i<f)ter, nach jeber ©eite
hin borbilblid). @3 ift eine feiner ^auptanfichten, ba3*
felbe gläinenb $u jeichnen.
Sie SBafatten wahren fRotf)er gegenüber „bie alte
3ud)t M , wie fie jeber feinem £>errn fchulbet. SBerben fie
ju $ofe gelaben, tommen fie unberjüglich: feiner bleibt
weg. 2Ran erinnert fich 2lbelger3: ber gehorchte eben
nicht. 3tn fRat finb fie ftet3 auf bie ©h re it) reg $^rrn
bebacht unb helfen ihm bei jeber ©elegenljeit: bi3 an3
@nbe ber SBelt woßen fie mit ihm gehen. 2Ba3 ben
Äönig befümmert, befümmert and) fie. Unwanbelbare
^reue hinbet fie m ihren. §errfcher. .
%
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
129
Siefe Sreue oerförpert fid^ förmlich in jmei 3Jläntiern:
Serchter unb Süpolt, beibe jugleich eigenartige 2iuS*
Prägungen beS ßelbenibeals unfereS Sichters. Sener ift
bereite fünfzig Sa^r alt. Sein grauer SSart mailt iljm
nieber bis jum ©ürtel, aber babei ift er noch jugenblich
riiftig unb leibenfdjaftlichen SßefenS: bern ^erjog, ber
gegen bie gfahrt nod) ©riechenlanb fpridjt, fdjlägt
er mit ber 3?auft in3 ®efidf)t. ©in treuer Äamerab
SlmelgerS, ein erfahrener, in aßen ÄriegSliften gemanbter
Ärieger, ift er noch &er &elb ölten ©tilS. 2Bof)l mich
feine feine ©rjiehnng auch &en bauten gegenüber
gerühmt, hoch fehlen bet ihm bie eigentlich mobileren güge.
©rjieher 9totherS hot er fich feine ölte SertrauenS*
fteßung bei ihm bemahrt. Unb er oerbient fie, benn er
ift oon auSermählter Sreue. ®r mar oon Slnfang an
geboren jum aßertreuften SKann, ben je ein Sönig gehabt
gat — fo melbet oon ihm bie Sichtung. Smmer mar
er $ur f)ilfe bereit. 3h n h^t nie &er 3fn>ft beS SBinterS
oom Sienfte feines £errn ab, mochte ihm auch
ber Sort nafe merben oon Äälte ober Stau. Stets
fteflt er feine Safaflen bem Könige jur Verfügung.
@r entzieht fich niemals feinem SehnSherrn. ©ehorfam
gibt er jebern ©ebanfen beSfelben f5°l9 e r &i e £>ölfte
afleS Übels nimmt er auf fich. 'Unb mte er felbft, fo
bient fein ganjeS £auS. ßmölf Söhne hot er, aße ftehen-
in fRotherS Stenft. ©iner berfelben, ^elferich, ift bereits
im Kampfe gegen bie SBenben gefaflen, fieben* anbre
gehen ohne Steigern auf bie gefährliche SBerbungSfahrt
nach ßonftantinopel. 3mmer' hot er unb einer feiner
Söhne teil, menn ber Äönig etmaS ©efährlicheS untere
nimmt. Safe er ber getreufte 9tatgeber feines £errn ift,
oerftefet fich &on felbft.
fiüpolt fleht bem ®ater in feiner pflichtmafeigen
©efinnung nicht nach. ftehenbeS Seimort lautet
„ber getreue 2Rann". ®r mar ber treufte 2Rann, ben
je ein römifefeer Äönig hotte, er mar bie ©runbfefte
afler Sreue. SaS bemeift er bei ber SEBerbung in
©riechenlanb. SRuhig geht er ber fixeren ©efahr entgegen,
er bulbet baS Schlimmfte * ohne ju murren, ohne auch
i
9
‘ r £>igitized
/
130
i
nur einen SSortuurf gegen ben taut werben ju taffen,
ber ihn in biefe 9lot gebracht ^at.
©otche Jreue ber SSafaöen berbient natürlich ihren
ßohn: Ireue um ßohn ift ein ^auptgebanfe ber ®id)tung.
Unb ßohn wirb ben Safatten in reidjftem äRafce. 35enn
finb SRotfjerS SKannen ibeate ßehngleute, fo iftberÄönig
ber ibeale ßefynSt)err.
ßebtjaft füt)tt biefer bie 33erpflicf)tung gur grei*
gebigfeit (milte) unb teilt in gütte fein ©olb aug.
©eine SafaUen behanbelt er auggefudjt höflich- 2Ug
fein ©rjie^er 23erdhter an ben |>of fommt, nimmt er ihm
fetbft bag Sftof* ab: ber £err teiftet ^ier bem ßeljnSmann
ben 2>ienft, ben biefer bem §errn fd^utbet. 2ltg bie
ffiafatlen einmal wieber nach ^)aufe gelten wollen unb
SRot^er fie galten möchte, befiehlt er nicht etwa: er fällt
ihnen ju unb bittet flehentlich. 6r ringt bie
£änbe, alg fidt) SBerfer berabfchiebet. 35er Siebter trägt
Die garben ftar! auf: man fieljt, wag er non einem
ibealen £errn berlangte; bie ChR. benft barin anberg.
2)er ©eift beg SSorauer Sltejanberg unb beg £ersogg
Slbetger lebt nid^t in feiner Sichtung — aber offenbar
brof)te er in ber SEBirflichfeit, ber ber dichter einen
©pieget borhatten möchte.
©in §err barf nicht nad£j SBUIfür hanbetn: er muft
guten Sftat bon feinen -JRannen annehmen. 3tother tut
bag ftetg unb h at & nie i u bereuen. @r folgt ber
SSerfammtung, feinen SJafatten, er hört auf ßüpolt, ber
am £ofe lebt; bor allem täfet er fid) gern bon bem alten
33er(|ter beraten. ©g gibt nicf)tg, wag er nicht mit ihm
befpräche, unb immer tut er, wag biefer fagt.
Stn bem ©efchidE feiner Scannen nimmt er herjlichften
Slnteit. Sltg er ein Saht bon feinen ©efanbten nidjtg
gehört bat, ringt er bie |)änbe, brei Sage unb brei
Mächte fi^t er betrübt auf einem ©tein, ohne mit jemanb
SU fpretfjen. ®ann entfchliefet er fidh, fetbft ju |)ilfe
SU fommen. ©r erfüllt bamit bie Sreupflicht beg $errn:
Xreue um $reue. Äein S33unber, wenn bie SSafallen
für einen foldhen Äönig mit Segeifterung su 5rfbe sieben
unb feinen SRuhnt taut berlünben. —
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
131
SRotherS £>of ift jugleich ©iß eines glänjenben
gefellfc^aftlid^en SebenS, ein Kittelpunft beS fftitter*
roefenS, toie eS fich nach bem jtneiten Sreujjug in
Seutfchlanb immer glänjenber enttoidelte.
Ser Jtönig reftbiert ju Sari unb SRom in großer
^errlicßfeit. ©ein SReichtum erlaubt itjm einen glänjenben
fjofhalt mobernen 3ufchnitt3 führen. Sie Herren,
bie bort ein* unb auSgehen, finb nic^t mehr bie berben
SRecfen ber älteren 3 e it. ®S finb elegante ©eftalten mit
fcßlanfer Saitte. ©ie finb im Sefiß DoUfommener höfifcher
Silbung, ja eS finb Diele auSgefuchte |)ofleute barunter.
Siefe ©efettfchdft meiß oorneijm aufjutreten. ©ie legt
2Bert auf fdjöne tnoberne Äleibung: feibene $emben,
Käntel mit Sbelfteinen befeßt, golbene Spangen baran,
toftbare Küßen, golbene ©efcßmeibe tragen biefe ^err*
fd^aften unb tragen fie mit bem Setoußtfein, fich baburcß
als obere Schicht Don ben anbern SolfSgenoffen ju
unterfdjeiben.
9lm $ofe ehrt man bie S amen unb meiß fich ihnen
gegenüber ju benehmen. Sie fRitter entbieten ihnen
ihren Sienft, man ma^.ißBen in ber Semenate Sefucfje
— aber npr ^erlaubte, nic ht heim liche bennj Solche
b ringen Tn" Übeln SRuf. unb Teilen bTe Slufpajfer. Sluch
einen gemiffenTSultuS ber Same fühlt man burdj: um
ber vrouwen mitten läßt man fogar Don harten politischen
Kaßregeln ab: bem Sönig Sonftantin fchenft SRotßer baS
Seben, toeil er unter ben Samen feines§ofeS heranreitet
unb um ©nabe bittet.
Kan pflegt in ber ©efettfdjaft ©efang unb ©aiten*
fpiel, braußen ritterliche SBaffenübung unb galfenjagb.
Ser Sönig ift ber glänjenbe Kittelpunft beS ganjen
SreibenS. @r nimmt an allem teil.
©inen 3 U 9 möge man ™ bem Silbe fRotherS nicht
überfeinen. 3ftother ift nidht nur gegen feine -Kannen
freigebig, er^beljanbelt überhaupt jeben SRitter fo, mie eS
biefem ^tanbe jutommt. @r nimmt fich in Sonftantinopel
aller berer an, bie burcf) SriegSbienft in SRot geraten
finb, feine Sleiber noch Sferb höben, ©r ftattet fie aus,
Dornehme Herren, mie ben ©rafen 3lrnolb ober einfache
9*
132
SRitter, fo baf$ fic ftanbeSgemäh auftreten fönncit. SS
ift nicf)t blofee $olitif, bie ihn bagu veranlagt, eS ift
©tanbeSgefühl. SRother, felbft Witter, fid) mit jebern,
ber gur ritterlichen ©efedjchaft gehört, verbunben, auch
über bie ©renge beS eigenen SßolfeS hi ntüe 9- ®in neuer
$ug, ber mit ber internationalen Entmicflung beS SRitter*
mefenS gufammenhöngt.
Sie £mnblung beS ©ebid)tS beleuchtet nun bie gange
helbijch s ritterlid)e ©efedfchaft, König unb Safadcn, non
ben verfchiebenften ©eiten unb läf$t ihren ©lang, auch
burdh Einfügung mohlberechneter ©egenbilber, immer
herrlicher erftrahlen.
SRother macht feine Slnftalt gu heiraten. SaS Seben,
baS er führt, fd)eint ihn gang gu beliebigen. 91ber bie
t erren am £ofe münfdjen eine Königin unb raten bem
önige, ficf) eine ®emal)lin gu mahlen. Sluch bei biefer
Sache, bie unS rein persönlich fcheint, unterfteht ber
Sehn^herr bem Einfluß feiner Scannen. 9?otl>er lehnt
guerft ab. Er mag bei einer SBerbung fein Seben nicht
aufs Spiel fe£en, auch weift er feine $ rau > bie ä u ih m
paffe. Sa nennt ihm Süpolt KonftantinS Tochter.
Unb mirflich paftt biefe nach ber ©chilberung beS Sid)terS
vortrefflich gu SRotfter unb feinem ritterlichen Kreis.
©ie ift von fönigtichem ©efchledjt, baS fchönfte
SRäbchen, baS je gelebt tjat. ©ie leuchtet vor anbern
grauen> mie ©olb aus ber ©eibe, mie bie Sterne aus
bem Sunfel beS Rimmels. 3h re ©eftalt unb ihr Sßefen
entfprechen ben gorberungen ber mobernen ©efedfdjaft:
ihre Saide ift fchlanf, fie verfteht fich £)öfifch gu
benehmen, mit ihren Samen vornehm aufgutreten. ©ie
meift, baft eS Pflicht ber dürften ift, fröhliche unb
prächtige gefte abguftalten. Slber fie meift aud), fich
gurütfguhalten: verbotene Siebelei liegt ihr ebenfo fern,
mie empfinbjame $iererei. höflich, freunbjjd), natürlich
verfichert fie fpäter 9totf)er — als er um fie mirbt —
ihr SBohlmoden, jagt ihm fd^licht, bah fie ihn vor aden
anbern gelben jd>ä^e. Slber fie mirft fich n ^t
meg: betrat unter ihrem Stanbe fommt bei ihr
nicht tn betracht, heiraten fann fie nur ben
133
König, fclbft wenn ihr §erg für ben< VafaHen füllen
fotttc.
Sie ift gutljergig unb mitleibig, aber babei flug
unb borfidjtig. ©xe läßt fid) burd) ihre Steigung nie
ju unbefonuenen ©dritten fortreifeen. ©b ift fie eine
frifdje, überaus fpmpathifche SJtäbchenfigur — baS SJtufter*
bilb ber jungen 2>ame, wie eS bem $icf>ter borfchwebte.
@S ift noch bie fjrü^geit ber gefeUfd^aftlic^en (Sntwicflung,
bie in ber Siteratur ber ältere SKinnejang unb VelbefeS
®neibe Spiegeln.
Stother überwinbet in ben ^Beratungen mit feinen
Vertrauten bie Abneigung gegen eine Vermählung.
3artere ©efüfjle wachen in ihm auf, mehr unb mehr
feffeln ißn bie ©ebanfen an bie jcf)öne Königstochter
— bie Stomantif ber Siebe hält ihren ©ingug in bie
2)eutfcf)e Sichtung, Schließlich fchidt er ©efanbte an
Konftantin, um gu werben.
®ie Voten werben in ®ried)enlanb, wie alle Vewerber,
graufam behanbelt: fie tommen in ben Kerfer. 211S
bie Stachricht oon ihnen lange auSbleibt, entfließt fidj
ber König, felbft gur £ilfe auSgugiehen. Unter bem
falfdjen Stauten Dietrich, angeblich bon Stother berbannt,
führt er fid) mit feinen SJtannen bei Konftantin ein unb
gewinnt jein Vertrauen.
$ie Königstochter wirb neugierig: ber frernbe Stitter,
bon bem alle SBelt fpricht, fängt an, ihre SinbilbungS*
traft gu bejehäftigen. Sie jchmoHt, baß er ihr noch
feinen Vefudj gemacht höbe. Schließlich berliebt fie fich
in ihn — ohne ihn überhaupt gejeßen gu haben. S33ieber
ein ßug, ber in bie grühgeit beS SJfinnefangS weift: baS
SKäbchcn wirb guerft bon Siebe erfaßt, ©ie tut auch
bie einleitenben Schritte: fie bittetj&ietrich gu fich unb
weiß ihm trofe ber ©chwierigfeit ben SBeg gum yfrauen*
gemach gu bahnen.
2lber Tawohl ®ietrich^3tother wie bie Königstochter
bewähren fich als SJtufter höfijeher 3 uc ht* entbietet
jie ihm burch ih rc ®otin.halbe SJtinne, berfi^ert, fie
fei ber Siebe untertan unb erfuc^t ißn, ^eimlic^ gu ihr
gu fommen. Slber alles gefd^ieht in ©h ren aon ihrer
>igitized by
r ffTra?R*lTY Ö
©eite ohne ©interlift. Sietricb^Kotber lehnt juerft ab:
folc^ Sefucb »erftofje gegen bie gute 1 Sitte. 9lber
fd)Iief}tid) gebt er boeb fym. 3nbeffen bleibt er höflich
jurücfbaltenb. — baS 2Kufter eines ehrbaren KitterS,
wie eS bie 3Birftid)feit »ermutlicb nid)t immer jeigte.
2)ie ©ünbenflagen laffen bie ßebrfeite biefeS SebenS
erfennen.
Kotber leiftet ßonftantin einen großen 5)ienft: er
befiegt unb fängt ben ^eibnifc^en Äöntg |)melot, ber ben
©riechen mit gewaltiger ©eereSmacbt befriegte. SDiefe
Ääntpfe geben bem Siebter ©elegentjeit r feinen gelben
als glämenben Kämpfer ju jeigen. S)ann raubt er mit
Sift bie SönigStodjter unb fomrnt mit ihr in bie ©eünat.
Slber ber unfreiwillige ©djwiegeruater gibt nicht nach-
$urd) einen ©pielmann lä|t er bem ®ntfiif)rer bie
©attin wieber rauben. Sie jurüdfjugeminnen fährt
Kotber mit großem Slufgebot feiner SSafaüen nach
©rieebentanb. ©at er früher feine 3-reunbe bei ber
Sßerbung in ©efaljr gefebidt, fo nimmt er je£t perfönlidb
alles auf fidf). ®er Sinter will fagen: fein ©elb ift,
Wie ßböt^wagne in ber ChR, feiner »on ben dürften,
bie ficb aurücfbalten unb ihre Scannen für ficb leiben
laffen. Kur »on ©erdeter begleitet fdjleidjt er fid) in
SonftantinS ©aal. @r wirb erfamtt, gefangen unb fott
gehängt werben. 2)a rettet iljn feine frühere gfreunWicb*
feit unb ^reigebiafeit gegen ben ©rafen Slrnolb unb bie
Kitter am ©ofe ÄonftantinS — im ©runbe fein ©efübl
für ritterliche ©tanbeSeljre. Siefe ©errentugenb finbet
alfo ihren fidleren ßobn. Strnolb mit ben Stnbängern
KotberS in Sonftantinopel befreien ben ßönig, baS im
©interbalt liegenbe ©eer bricht b^öor, unb ber ©efangene
ift befreit.
KadE) ber ©eimfebr belohnt Kotier alle feine SSafallen,
bie ihm fo treu unb willig geholfen haben. ®r »erteilt
feine ßänber als Sehen unter fie unb begrünbet fo einen
großen SeljnSftaat. Süpolt wirb Äönig unb erhält
Harlingen, baju Slpulien unb ©ijilien. @rwin befommt
©panien, SBolfrat »on £engelingen Öfterreich, Böhmen
unb fßolen; StSprian unb bie Kiefen KeimS unb
VjO
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
135
©chottlanb. 9Rit ßothringen, Trabant, gtieSlanb uttb
fioßanb »erben toier ^erjöge belehnt, 4 bie ihn auf bem
3uge begleitet Ratten uf». Sei biefer ©chilberung foß
ber 3^örer natürlich an ba$ ®eutfche SReicf) benfen. ©o
fefjaut e3 ber Siebter afö Sbeal: gegrünbet auf bie unbebingte,
»edhfelfeitige, erprobte ireue bon Äönig unb Dürften,
fammengetjalten burdj bie fittlichen Sanbe gegenfeitiger
ipilfSbereitfcfjaft unb ^reunbfehaft, roeit au§gebet)nt
über bie ß^riftentieit *— $eutfd)er 3mperiali8mu8.
®ie in ben fünften färben gehaltene ©chilberung
be8 bafaßitifchen unb gefeflfchaftUchen ßebenS, ber petbifch*
ritterlichen 9ßerfönlichfeiten be§ SönigS unb feiner Scannen
»eife ber $id)ter ^ird&ben ©egenjak ju h^beu. SBie
©tfeharb bem ÄönuJSfohn SBalfger ben Äönig ©untrer
unb feine SRanuen entgegenfteßte, fo unfer Siebter
nRotljer unb ben ©einen ben Äönig Sonftantin unb bie
^riechen. 2)iefer ift ber ßehnSherr, »ie er nicht fein
foß, feine ßeute Safaßen, bie bem 3beal nicht entfpred)en.
Sie tonnen fich mit jenen SRotljerS in feinem fünfte
meffen. SlnbererfeitS: ber feinen höfif^en ©eftttuug
SRotherS unb feinet SreifeS tritt gegenüber bie Unfultur
2l3prian§ unb ber SRiefen, bie mit §umor gezeichnet, atö
reine ÜRaturburfchen oft • eine ergöfcliche fRofle fpielen.
25er ganze Stolz auf bie neue geschäftliche Silbuug
fpriept fiep in biefer ©egenüberfteßung au§.
SönigSonftantinift mächtig unb reich, aber fRother
übertrifft ihn hoch in biefer |>inficht. Stud) um ben
griechifchen §errfcf)er fteljt ein ®rei§ bornehmer Sermaubter
unb Safaflen: ^erzöge, ©rafen, greiherrn, bie gelegentlich
ju fjofe gelaben »erben. Slber Könige fehlen barunter:
SRotper bienten auch folche!
2)er ©riech« i ^9* obfto^enbe 3^9 e - Äonftantiu ift
Ibon 5Ratur unb übermütig. 2Ber fann e^ »agen,
mich anjugreifen, prahlt er. @r hält ftd) einen ßö»en,
ber bei £ifche ^crumget^t unb ben Herren bie ©peife bor
bem 3Runbe »egnimmt: ber Sönig beluftigt fich au &er
Serlegeuheit feiner ©äfte. Äonftantin geigt fid) felbft^
füchtig: bie iodjter foß nicht tyixattn, er möchte fie
immer bei ftdh h^en; barum läfet er aße Se»erber töten.
Digitized by
Original from
NIVERSITYOF CALIFORNIA
136
«
StnbererfeitS plagt ipn gurcpt: oor ben Stiefen, oor ben
pereinbrecpenben 33abplonient pat er ungeheure Slngft.
(Sr ift fein £>elb: in ben Kämpfen mit 2)melot toeift er
fid^ nicfjt ju Reifen; beim jmeiten Singriff toirb er fogar
fcpimpflid) gefangen unb muf$ nun feine Sodpter bem
Sieger übergeben, ©r ift aucp niept fepr fing: Stotper
!ann ipm mit Sift feine jocpter entführen. ®ie SEocpter
überliftet ben SSater mehrfach, unb fcpliefclicp entgie^t fiep
ipm ber gefangene Stotper toieber burcp Sift.
Segreiflicp, baf$ ber König an feinem £ofe eine
fläglicpe Stolle fpielt. ©emütig entfcpulbigt er fiep StSprian
gegenüber mit Srunfenpeit toegen ftol^er SBorte, bie er
ju ibm gefproepen. SllS ipm ber Stiefe ben Sötoen an
bie SBanb getoorfeit pat, toagt er niept fiep ju rüpren:
er mufe ben Spott ber Königin pinnepmen. ®en fremben
(Säften gegenüber fommt er in immer üblere Sage: feine
Seute toerben geflogen unb gefcplagen, er mufe eS
gefepepen laffen. ®en tiefften $un!t ber ©rniebrigung
erreiept er $ule§t: als Stolpert §eer pereinbriept, toenbet
er fiep pilfefuepenb an feine grau, oon ipr, ber locpter
unb bereu &)amen umgeben, reitet er Stotper entgegen,
unb nur um ber ®amen toiHen toirb ipm oerjiepen. m
Slucp al£ SepnSperr unb £>errfcper ift ber ©rieepe
baS ©egenteil oon .Stotper. ©eijig fpart er fein ©olb
unb tut nicptS für feine Stifter; eS feplt ipm gan^ baS
StanbeSgefüpl. Selbft ©rafen toie Slrnolb leiben in
feiner ^auptftabt SJtangel, toeil fidp ber König niept um
fie fümmert. Konftantin feiert toopl gefte im $oberameS*
pof b. p. im |)ippobrom. Slber toie eS fepeint, toeber
regelmäßig noeß präeptig: er oernaepläffigt offenbar bie
fßfliept beS ^errfcperS, peitere unb glän^enbe ©efeHigfeit
^u pflegen. 2)ie Socpter ntufe ipn erft baju mapnen: er
gibt ju, bafe fie reept pat. 3)aoon, ba§ bie ®amen eine
befonbere Stolle in ber ©efeUfcpaft fpielten, pören toir
nicptS: an StotperS |)of ift man in iprem ÄultuS jeben^
falls meiter.
Slm Scpluf 3 ber ©r^äplung mu^ ^onftantin in jeber
93e^iepung Kein beigeben: er erleibet oollfommen Sdpiff®
bruep. 2)er S)idpter lepnt eben einen König toie ipn ab.
137
uj i. tvyi |ivtf vu /u;uu|u/ f ivv/v ü/iuuuim.
;,ia fchließlich gefeit fic mirtlicf) gu biefem
aßerbingS nur ©jafen unb ffreiherrn;
©eine ®afallen gleiten ihm in manchen ßügen, eS
tnb ÜRänner, mie fic nicht fein foflen. 2Bic fein ©err
beträgt fich auch fiergog grriebrief) ijerrifch unb anmaßenb.
SBie ber König hauen auch bic Herren feines ©ofeS Slngft:
Re magen nicht, ber Königstochter gu Siebe ©ürgfe^aft
für Slot^erS ©efanbte gu übernehmen. SllS eS gegen
$melot in ben Krieg geht, empfehlen fie fich geaenfeitig
ihre SBeiber unb Kinber, falls fie fterben müßten: SRotherS
©eiben gieren magemutig unb begeiftert in ben Kampf.
J)ie griechifchcn Safaßen fürchten fich öor ben fremben
©äften, befonberS oor ben liefen: fie fchmifcen t>or Slngft,
als bie festeren erfcheinen. ©ie mären froh, tuenn Die
Slnfömmlinge erft mieber baS Sanb oerlaffen hätten.
ÜDiit ihrem SehnSherm finb fie nicht gufrieben: er
lohnt ihnen nicht, ©ie bebauern, einft nicht mit ber
Königstochter tRother gefolgt gu fein: ber hätte fie frei**
gebig bebaut. SS regt fich ber SßunfdE), Dietrichs Scannen
gu merben,ia fchließlich gehen fie mirtlicf) gu biefem
über — aßerbingS nur ©jafen unb ffreiherrn; bie
S ergöge gu fchonen t)atte ber Sichter mohl befonbere
erantaffung. Sichtete er am hergoglichen ©ofe? —
Sie neue gefeflfchaftliche Silbung läßt auf Sie Unfultur
folcher, bie bem ©ofteben fernfte|en, ^crabfetjen:
ÄSprian unb feine liefen, fonft ftarle SKänner unb
unbebingt treue, vortreffliche SSafaßen müffen heulten,
um begleichen Stimmungen bargufteßen. Somit fommt
nie fulturgefchichtlicher ©ebanfe in bie Sichtung.
SlSprian ift in ber ©ruppe ber feinere, eblere. 2llS
König ber SRiefen herrfcht er über ein fernes, unbefannteS
Sanb. Sr ift SRother unbebingt ergeben, aber meil er
fo meit meg mohnt, !ann er nicht regelmäßig an ben
©of feines ©errn fomnten. Saher offenbar fein SRangel
an höfifcher Silbung. ©in matferer ©elb oon ungeheurer
Kraft, läßt er SRäßigung unb ©elbftbeherrfchung uermiffen:
etmaS SerbeS, 9?aiurburfchenhafteS tritt nicht feiten ftarf
bei ihm h^uor. SaS äRobifche fehlt gang.
Sin leibenfchaftlicher Kämpfer, fchläqt er in ber
Schlacht aßeS tot, maS er trifft: ber feine SRitter tut
baS nicht. Sr gerät leicht in ßorn: bann ftampft er
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
138
auf ben ©oben, fp baf$ ihm bcr Schuh big an bcn
Snöchel einfinft. ärgerlich über ben jubringlidjen Sötoen
Äonftanting dürft er ihn beim -Stahle ohne meitereg an
bie SBanb. Seleibigt fchlägt er fofort ^n: feine C^rfeige
ftrecft ben anbern tot ju Soben. Sittel ^ufserungen
eine^ ungemäfngten, unritterlichen SBefeng.
Unb auch bag ßfirifttid^e fehlt bei ihm im ©egenfafc
Zu Stother. Son Stächftenliebe mag er nidfjtg toiffen: ein
tüchtiger gauftfcfjlag toäre für Äonftantin ber befte
Sohn.
Surj: Slgprian ift eine rohe, meber dom ©hriftentum
noch don moberner ©efittung fonberlich berührte Statur*
fraft, ein primitioer -SDienfch.
3n noch ^ö^erem ©rabe gilt bag don Sßibott. ®er
ift ganz ungezügelte elementare Statur, toilb mie ein
reiftenber Strom, roh über bie SJtajjen, ein ungefüger
Äert. Sein Sßferb fann ihn tragen, feine eiferne ©tange
ift 24 ©Hen lang, ©tro^enb don gemaltiger ffraft, don
®atenbrang gefchroellt ^at er fidE) einft aug bem Stiefen*
lanbe entfernt, um fid) augjutoben: er erinnert don fern
an Sllejanber. Slber Slgprian zähmte ben toilben Surfdjen,
er brachte it)n burcf) ®rot)ungen baju, fein'Safail ju
toerben.
®r ift ber Ijeftigfte SDtenfd), ben eg je gegeben. Sei
jeber ©elegenljeit benimmt er fidj toie ein toilbeg ®ier.
©g fehlt ihm jebe ©pur feinerer Silbung. ®ag ©ebidjt
nennt if>n unsitich, einen glegel. SOBeil er fo mütet,
rnufc man it)n gebunben galten. Äomrnt er aber log,
toütet er toie ein Sötoe. Säfet man il)n in ben Äantpf,
bann fennt feine SBut feine ©renjen: mit feiner ©tange
baut er auf ©riechen unb Reiben log, big fie zerbricht.
Söie ein ®onnertoetter fährt er über bie £J e i n & e h er *
SBenn feine ÜBilbbeit ben ©ipfel erreicht, beifjt er in bie
©tange, bajj bag geuer hrcaugfäljrt unb blicft toütenb
um fich- SKanchmal reifet er ftch don ber Äette log: bann
fchlägt er aHeg in feiner Stahe furz un ^ 6ig man
ihn toieber einfängt unb feffelt.
©hriftliche Stächftenliebe fennt er nicht: bie feeiben
tdiH er mifeh^dbctn. SDtit ber allgemeinen Serföpnung
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
139
ift er feineStoegS einberftanben. 9toh tritt er ben Ver*
munbeten auf ber @rbe in« ®efid)t uitb tötet fte. @r
ift eben ein välant. —
*ßerfönlich!eitSibeal, ^elbifd^-ritterliches unb gefeilt
fchaftlicheS, ©taatSgefinnung — um biefe ®inge h at
eS fich bisher im @ebid)t gebreht. ©egen ©nbe beSfelben
tritt baS ®ritte ftar! beröor: baS fRehgiöfe. SRicht als
ob eS im Anfang unb in ber 9Ritte fehlte: ber dichter
legt auf fircfjiid)schriftliche ©efinnung ber ^ßerfonen, bie
er als 9Rufter fcf)itbert, großen SEBert, man fühlt, bafj
bie Qe\t ber $Refornfoemegung mit ihrer Vertiefung beS
religiöfen SebenS hinter ihm liegt. 2lber erft am @nbe
beS ©ebidjtS fommt baS Slsfetifdje, baS ber ^Dichter oertritt,
beutlid) h^öor. 2>aS fiilbebranbSlieb fd^reitet unter bem
©inftufj beS germanif^en £eibentumS über bie ©renje
beS ©briftlic^en hinaus; im SBalthariuS liegt baS
SReligiöje noch unoerbunben neben bem £elbi{chen, im
SRolanbSlieb übertönt eS aöeS, ^elbifcfjeS unb $olitifcheS,j
im SRother läfet bie religiöfe ©pannung nach: £>elbif<heS;
unb Kirchliches burcfjbringen fich gleichmäßig. 2Rännerj
mie SRother, Serchter, Süpolt finb toirftid^ chriftliche
SRitter.
3n religiöfer £inficht fteht Verdjter boran. ©erabe
er, ber 2Rann einer älteren $eit — ber 3 U 9 ift ö ett> ife
beabfichtigt — jeigt juerft unb jugleidj am entfchiebenften
ürchliche #üge. Sr fennt bie chriftliche Überlieferung:
ben $urchpg ber 3$raeliten burd)8 SRote 2Reer, baS
Vorbilb ber Saufe, bie Segenbe bont $1. ©eorg; er meiß
oom Kaifer Konftantin, bem Vater ber Helena, Segrünber
ber Sßapftmacht — freilich bermechfelt er ihn mit bem
regterenben griechifchen ^errfdjer, bem Vater bon SRotßerS
©emahlin. ©eine JJrömmigteit ift einfach: ©ott hat
©ut unb Vöfe in feiner ©efoalt, er fdjenft ben ^Reichtum,
er hat SRother bie KönigStod^ter geneigt gemacht Slu
ihn menbet man fich beSgalb um ^ilfe.
Varmherjig unb freunblidE) tut Verchter an bem Meinen
$rinjen, ber ihm übergeben mirb, feine (S^riftenpftid^t,
mitleibig befchenft er bie Strmen. 3ebeS feinbjelige
SBefen ift ihm mibermärtig: menn ein 3Renfch um ©nabe
RSITYOF CALIFORNIA
140
bittet, foH ntöit if)n fjören. Stacke fennt er nidjt: ber
SDlenfd) foH immer freunblidf) unb milbe fein.
Studfj ifjrn Ijat bag ßfyriftentum bag ©emüt ertueicfjt:
er meint, alg fid) ber Werfer öffnet unb bie 6öl)ne bleid)
unb elenb f)eraugtreten. 6r menbet fid) um unb ringt
bie §änbe.
3n frommer d)riftlid)er ©efinnung er^ief^t er aud)
9tott)er: bei biefem finben fid) ähnliche ßüge, mie bei
feinem ßrjieljer mieber, nur nidfjt fo ftarf. ©g liegt
barin ber ©ebanfe: bag ag{etif$*fird)iidfye 3beal lebt
fräftig nur nod) in ber älteren ©«neration, berjenigen,
bie t>or ber ÜUiitte beg jmölften 3at)rl)unbertg bie 9lidE)tung
it)reg SBefeng empfing. 2)ie moberne ©efeHfdjaft menbet
ftd) mef)r unb mefjr baoon ab: ber ©egenfafc ©ott unb
Sßelt mirb halb au ©unften ber teueren entfliehen fein.
Slber nun jeigt eben ber 2)idf)ter, mie biefe ältere Sin*
fdjauung bod) aud) auf bie jüngere Sdjid)t ©inftuf) beljält
unb fie fdjliefclid) gana in it)ren Sann jie|t. ®er 2)id)ter
ift an biefem fünfte burdjaug fonferoatio, aber er jeidjnet
mag fein foHte, jebod) nid)t rnefyr ift.
Slud) fRotljer ift djriftlid) fromm: er menbet fid) an
©ott unb oerläfjt fid» auf feine ©nabe. 3f)m gibt er
bie @f)re, alg bie SBerbung gelungen ift, if)m bantt er,
als ifym bie ©attin einen Sofjn fcpenft. 3m Sinne ber
Äirdje gibt er gern Sllmofen: bie Sinnen läfft er fleiben,
haben, nähren, ©anj firdjlid) befdjliefjt er — unter
Sorgang Serdjterg — mit feiner grau bag Seben. 3m
Sllter, alg ifym ber Sart gana meift mirb, fommt bei bem
alten £eraog t>on -Hieran bie meltflüdjtige Stimmung
jum 2)urcpbrud). Sr gibt feinem £>errn ben 5Rat, mit
it)m ing Älofter au getjen unb fo bag Seben matjrfjaft
c^riftlid) a« enben: baburdb fidlere er fid) bie gür**
fpradje ber ^eiligen. fRot^er miK nidjt red^t, er ift
2Renfd^ einer mobernen $eit; grau SBelt f)at i^n ftärfer
umftridt alg ifjm bemüht ift. Slber Serc^ter maf)nt
immer ftärfer, er f)ält eine einbringlidtje ^Jrebigt. (Snblicf)
gibt ber Äönig nadf): §err unb SafaH, baau bie Königin
entfagen ber SBelt unb erfüllen bamit bag le£te, bag
if)nen im Sinne beg S)ic^terg aur ooHen gbealität noc^
141
fehlte. Sie neue Qtit nach 1150 unterwirft fid) ben
3been ber alten, foU [ich tfjr unterwerfen, will ber Siebter
fagen: bie 333irflichfeit entfprach nicht feinen S33ünfcf)en.
@g ift ein ibealeg öilb, wag ber mittelalterliche
Siebter entwirft. @r matt mit ben fdjönften Farben.
Sie 3eit, in ber Heinrich ber Söwe unb fein faijerlicher
£err jufammenftanben unb fid} gegenfeitia unterftü^ten,
gab ben ^intergrunb h er für jeneg Vitb, gab bie
uRöglichfeit, überhaupt ein foldjeg in Samern $u botl*
enben. Slber wir biirfen nicht 3beat unb 333irftichfeit
berwedjfeln. Ser Sichter fpric^t alg Sehrer unb SJtahner.
Sie ^ßolitit ber SReichgfürften, boran ber helfen, ging
auf Vermehrung ber eigenen 2Ra<ht, auf Soderung beg
Sfteichgberbanbg. 33on jener Sreue unb |)ulb, non jenem
aufrichtigen 3 u f ammcnÄr & c ü cn ber Sfürften mit bem
Saifer war wenig ju fpuren. Sag 833ert Sartg beg ©rofcen
unb Dttog I. war bereitg bem Untergang berfaHen.
Sie^Sbeen, auf benen eg urfprünglich beruhte, hatten
feine.Srdft mehr, unb bieSraft ber religiösen Setoeaung
bon 1050 — 1150 war auch gebrochen; gfrau 3ßett pegte •
über ©ott. -Koch einmal aber fafjt ber Sichter bie
©ebanfen ber abfterbenben ^eriobe fräftig jufammen:
eble ©taatggefinnung unb echteg Sh r if* en tom, fo wie er
beibeg berftgnb, [teilt er borbilblidj bar, legt fie feinen
Sefern unb $örern ang $erj, unb er läfp biefe 3been
getragen unb oertreten werben bon SKännern, beren
Verjönlichteit bag Sefte ber 3eit, £>elbenart unb ritterliche
©Sfittuna, berbinbet.
Streifen wir bag jeitlich Sebingte, bag SRittel*
atterliche ab, h a I ten toi* ung ° n ben Äern & on beg
Sichterg Slnfchauung: wirft ba bag ©ebidp nicht
auch mobern? £at eg nid^t bleibenben SQBert? Sor**
nehme, gefittete Slenfchen fdjaut ber Sichter im ©eifte,
erfüllt bon hbwäner, wahrhaft d^riftlic^er unb jugleich
helbenhaft ftarfer ©efinnung: feine weichten, ängftlichen
Naturen, feine überheblichen, rohen ßraftmenfehen. Unb
biefe SJtenfchen pnb bur(|brungen bon bem ©efühl ber
S3erpflidhtung jufammen ju fielen, einanber ju helfen,
einanber ju förbern in inneren politifchen Sümpfen, wie in
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
142
äußeren friegerifdjen Unternehmungen, fie finb burctybrungen
oon echter ©taatggefinnung, feinb aller ©elbftfudjt unb
allem Sßarteifjaber. SBaljre „3lbelgmenfcf)en" fteßt ber
Sichtet bar, ttrie fie auf iljre SBeife auch moberne 2)idjter
barftellen möchten. bk ftinftlerifcfje Sraft reicht
bei bem mittelatterlicfjen Cfrjäljler nid)t meit. Äber ift
fein 33li<f nid)t meit umfpannenb? ©teilt er nidjt in
tiefer Srtenntnig beffen, mag feiner $eit not tat, bie
©taatggefinnung boran? Seljnt er ni<$tben$ßartifularigmug
beg SSorauer 9lle£anber unb beg Slbelger unumtounben ab ?
©r ift nidf)t ber einzige 9Raf)ner jener $eit geblieben.
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
ßeräog (srnff.')
®a$ gute Verhältnis griebrich ©arbaroffaS ju feinem
mächtigften Vafaüen, iperjog Heinrich bem Sötnen hotte
feinen langen Seftanb. 9tad) bem SBürjburger ^Reichs*
tag non 1165 beginnen fief) bie SBege beiber $u fd)eiben.
Heinrich neriegte ben ©chtnerpunft feiner poütifc^en unb
friegerifchen Sätigfeit nach bem korben. @3 bübeten fid) in
®eutfcf)lanb ^mei ÜJiachtgebiete: ein norböftlicheS beS Sötnen,
ein füböftlicheS JriebrichS. ®3 ift tnohl ju begreifen, tnenn
man glaubte, Heinrich tooHe fich im Storben ein Sönig*
reich griinben. ®enn immer rücffichtSlofer fteuerte er tn
feinen ©ebieten auf SanbeSherefchaft \)in. SRamentlich
in feinem jächfifchen £>er$ogtum nerfudjte er bie Stellung
ber dürften ju brüaen, um alle ÜRacht felbft in bie
£anb ju befommen.
©ein territoriales ©treben fyklt ihn non reger
Beteiligung an gfriebrichS Kämpfen ab. Vielleicht um
nidjt an einem Slömerjug VarbaroffaS teilnehmen $u
müffen, unternahm er 1172—1173 eine ^fahrt nadh bem
heiligen Sanbe. 1176 nertoeigerte er bem Äaifer bie
erbetene £ilfe gegen bie Sombarben. ©o.fanben jefct
bie filagen ber fächfifchen ©roften bei gjfriebrich geneigteres
Ohr: ber fttaifer griff ein unb lub Heinrich toegen Sanb*
friebenSbruch in Sachen nor. ®er Veflagte erfchien
nicht, beShalb tnurbe er 1179 non einem gürftentag
geächtet. ®ie Sicht tnurbe auf einer Sfteichsnerfammlung
ju SEBürjburg 1180 nom Saifer nerfünbet. ®er ©eächtete
tnurbe feiner beiben £erjogtümer, ©achfen unb ©ahern,
für nerluftig erflärt. 3nt gleichen 3ahre belehnte ber
l ) ft. ©artfd}, $erjog @mft, hwau^gegeben SBien, ©tau-
müfler 1869.
Digitized by
Original from
IVERSITY OF CALIFORNIA
144
Äaifcr bcn Sßfatjgrafen Otto don Sßittetgbacb mit Samern.
$einridb griff jum ©ebtoerte. 2)er Äriea ttmtete burd)
bcn ganjen Siorbcn $eutfcbtanbg. ©djtiepcf) mubte ftd^
ber 6erjog bemütigen. ©r mürbe derurteilt, bag SReidj
brei Sabre ju meiben. 1181 begab er ftd) nad) ©ngtanb,
ju feinem ©ebtoiegerdater äeinricb II.
Stuf biefe gefdpcbtlicben Vorgänge bejiebt ficb offenbar
ein ©ebiebt, bag roobt annfeben 1170—1180 oon einem
mfrl. Sichter in Bapern derfaftf morben ift: ber $erjog
©rnft. @g finb nur Brucbftüdte badon ermatten, aber
fpätere Bearbeitungen beg urfprünglicben SBerfeg (A) taffen
über ben 3n^alt feinen ßtoeifel. 3$ r unfern $mä
G enügt eg, bie gaffung B aug bm Snbe beg jmölften
{afyrbunbertg ju ©runbe ju legen, ©ie fcfjliefjt ficb A
bem Snfjalt nach jiemlicb getreu an.
greilidj nennt ber 3)id)ter meber griebridj Barbaroffa
noch ^einricb ben ßötoen. ®r erjäptt nur don ßaifer
Otto unb bem ßertoürfnig mit $er$og ffirnft don Bauern,
feinem ©tieffobn: bie ©age bot offenbar bie gefcbicbtlicben
Sßerfonen ©mftg II., $enogg don ©c^maben, beg ©tief*
fo^ng ÄonrabglL, unb Miubotfg, beg ©otyneg DttogL,
oerfebmotjen. Slber idj ^atte eg für dotlfommen aug*
gefebtoffen, bab jtoifd^en 1170—1180 in Bapern ein
®ebicpt don bem 3tabatt unb ©epatt toie ber $enog ©rnft
entftanb, opne bab eg mit jenen groben politifcpen ®r*
eigniffen im 3 u f amnten b an 9 geftanben ^ätte.
©rnft ift £>erjog don Bapern. ©ein Bater ftirbt
fetjr frü^. ®ag Äinb mirb forgfättig erjogen. @g lernt
ßatein: eg feptt atfo niept ganj an gelehrter Bitbung.
2)ann ttnrb ©rnft auch &on ebeln SRittern gebilbet, naa)
mobernen ©runbfäben: er lernt SBätfcb b. f). graruöfifcb.
©eine ©rjiepung ju doßenben, fdpieft ipn bie äftutter
Slbetbeib na(| ©rieebentanb. S)ort ift ein SRittetpunft
feinen böfifd^en SEBefeng. ®ort toirb ber Süngting mit
feinem ®e|et jufammen fRitter, bort lernt er
audf) allerlei 333eigt)eit. Beacbtengmert ift ber neue ßug,
bab ber 3üngting feiner Jtugbitbung toegen ing Jluglanb
gebt. Slber eben baburdb, bureb bie frembe Bitbung mirb
er befannt unb berühmt.
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
145
So ijt ©rnft *u einem trefflichen Jüngling unb
ißrinjen gerangemochfen: guot, biderbe, treu unb frei*
gebia oereinigt er bie wichtigften (Sigenfc^aften beS
tünftigen £>errn unb beS SRitterS. demütig unb barm*
berjig gegen Sirme erfüUt er bie 4?auptpftichten ber
cf)riftlichen SRetigion.
ÜRadj ber Sajwertteite tritt ber Jüngling fein fperjog*
tum an unb ^errfc^t gewaltig in Samern. (Sr fd)ü|t
Vornehme wie ©eringe; jeber lebt glücmdj unter feiner
^ertfcßaft. Um ihn, als fernen, ftefjt eine große Schar
non SßafaHen, bie er freigebig befdjentt unb ^öftic^
bet)anbett, bie er ehrt. Sarum treten Stitter gern in
feine Sienfte, barum bienen ihm alle feine Sßafatten auf
baS ©ereitwiltigfte. 3n altem, wa8 er unternimmt, hat
er ©tücf: niemanb tann fich ihm in Seutfchtanb oer*
gleichen. SBir fennen alte biefe ßiige oon SRother her,
nur treten fie hier etwas jurücf. SaS §etbifdh*9tittertuhe
tümmert ben dichter nicht in erfter ßinie.
SRun oermähtt fich Äaifet Otto mit Stbetfjeib, ©ntftS
ÜRutter. Rum Stieffohn tritt er in ein freunblidjeS,
oäterticheS IßerhättniS. ’ Slußer feinem §erjogtum ©at)em
befommt ©ruft noch Sehen unb ©efdjente, fo baß feine
3Racf)tftelIung im tReidje groß wirb. @t zeigt fich hafte
bantbar, er bient bem Äaifer unb Steife treu: er gibt
weifen SRat, hilft bem Set)n8herrn ^rieben $u hatten,
unterftüfct ihn bei alten Kriegen. Äurj, ber $erjog tut,
Wa8 man nur oon einem ©afallen oertangen tann. ®a8
SerhättniS bon ©tiefoater unb ©tieffogn wirb immer
inniger: beibe werben unzertrennliche greunbe. ©ruft
erhalt fo ben größten ©inftuß bei fpofe. Sie Sarftettung
erinnert an bie ©chitberung ber feubaten ©erhättniffe
im Sönig SRother. Ser gefchichttidje öintergrunb finb
bie 3ahre 1156—1165.
Itber bie ^reuitbfchaft bleibt nicht auf bie Sauer,
Äatfcr unb ©afatt tommen auSeinanber. hierbei beachte
man bie Stellung beS Sicf)terS. ©rnft ift SRufter eines
dürften unb iRitterS, ein SRann ohne Sabel. SUleS
Sicht fällt in ber ®rjäf)lung auf ihn, um fo ftarter, je
weiter bie ^anbtung fortfehreitet. ©leid^jettig aber
10
146
#
öerhüllen immer bunflere ©chatten bie ©eftalt be§
ßaiferS. Ser Sichter nimmt ganj fidjtlich Partei für
ben Safallen! ©tanb er bem §ofe §einrich£ be£
Sötten nahe?
Sie greunbidjaft ^ttifchen Saifer unb $erjog ttirb
baburdj geftört, baf; ^ieinrtch, ^ßfaljgraf bei.Sthein, ein
Steffe Dtto§, ©ruft bet feinem ©tiefoater öerleumbet —
ein alte§ Seftanbftüd ber ^elbenfage, ba§ ttir fdE)on au£
bem |jilbebranb£liebe fennen. ©rnft fei nicht treu, fagt
er, er ttotte ben Äaifer üorn Shrone ftoften unb tjabe fid)
& bem gtteefe mit ben dürften öerfchttoren. ®r rühme
i an Slbfunft unb Slbet bem Äaifer gleich ju fein, er
fei hochmütig unb f)errfc^füd£)tig.
Otto glaubt biefen 33erleumbungen juerft nicht, fie
finb auch tatfäd^tid^ unbegrünbet. Slber jcfjliefctich fdEjenft
er ben ©inflüfterungen hoch @el)ör unb be[d)lief 3 t, ben
©tieffotjn ju beftrafen. Santit fe£t er fich biefem gegen*
über fogteich in3 Unrecht. £>ödE)ft ungeteilt ift bann bie
Slrt, ttie er bie ©träfe öoflftredft. |jeimlich jief)t er ein
|>eer jitfammen unb fdE)itft e§ unter 3#f)rung be§ $fatj*
grafen mit Staub unb *ßlünberung in @rnft§ Sanbe,
ohne ben Ärieg anjufagen. Studf) ba£ ttirft fein fcfjöneS
Sicht auf ben ßaijer.
©o ttirb ©rnft für all feine Siebe oon feinem 2ef)n§*
f)errn mit Unbanf belohnt. Ser §err ftet)t bem SSajatlen
gegenüber öoHfomnten tm Unrecht. Slber ber SSafaH ift
ibeal gefinnt. ©r oergilt nicht SöfeS mit 93öfem. @r
folgt bem State feineg greunbeS Söe^el, fi$ nicht ju
ttiberfefcen, um bem §errn gegenüber nidf)t in§ Unrecht
ju fommen. ©r ttehrt fich junächft nicht gegen ben
ungerechten Singriff. Senn Otto ift eben hoch fein
Sehn^herr, er ehrt ihn auch je^t noch. ® r h°ff* au f eine
SSorlabung, bamit er fidh rechtfertigen fönne. jjuttartenb
fchidft er einen 93oten an feine SJtutter unb fragt, ttarum
man ihm eigentlich & en flrofeen ©chaben tue.
Sluch bie SRutter ermahnt Otto, ben ©tieffohn erft
an^uhören. Slber ber Äaifer lä^t fich au f
oerftänbigen SSorfchlag ein, er ttirb immer feinblicher
unb lehnt jebe Sermittlung ab: ungehört ttiH er ben
147
Serzog aus bem Sanbe treiben — immer metjr bringt
ber !fctd}ter beit Äaifer ins Unrecht.
Son ber SKutter hört ©rnft nun enblicb ben ©runb
Dom 3orne DttoS: bie Serleumbung beS ißfatjgrafen.
®r t)ört aud), bafj if)n ber Äaifer ungefjört oertreiben
unb töten miß. Stucb je£t bewahrt er noch ©elöft»
bet)errfdfjung unb bleibt bei feiner pftidjtmä&igen ©eftnnuitg:
er macf)t einen lebten Serfucb- 35er Äaifer bat bte
dürften ju einer Serfamtnlung entboten, bie gegen ©rnft
bejcfßiejjen jofl: ©rnft toenbet ficb mit ber Sitte an bie
dürften, fie möchten oermittetn. ®iefe finb gern baju
bereit, ©ie fefjen wohl, baff ber Äaifer bem $erjog
ferneres Unrecht tun miß. Sn einer einbrucfsooßen
Äunbgebmtg faßen fie nach ber ÜReffe bem fierrfcber aße
ju Q-üben unb bitten itjn, er foße bodfj ©rnft erft böten,
©ie üerbürgen ficb für feine Unfc^utb. Slber auch biefe
Sitte weift Otto fdjroff ab: unsitecllche „grob", fagt
ber Siebter mit ftarfem Sabel. Sntmer fermerer belüftet
er ben $errfdjer: biefer ift in feiner ßeibenfdjaftlicbfeit
oon aßet ©eredjtigfeit oetlaffen. Smmer weniger gefaßt
uns ber Äaifer: er oerlangt jefet fogar oon ben dürften,
fie foflen ihrer ßebnSpflicbt gegorc^enb gegen ben fperjog
Ziehen. ßtücfficbtSloS zwingt er fie gegen itjre Überzeugung
ju tianbetn. 3J?an erinnert ficb, n>ie ©untrer gegen feinen
beften Safaßen oerfubr.
3$t mub ficb ®rnft zur SBebr fefcen. @r tut es
noch immer ungern, ©eftattete es bie ©bre, er Würbe
noch immer rubig bleiben: ©ott Weib ja, bajj er unfcbulbig
ift. 35er 35i^ter forgt bafür, baff ber Safaß bem Seren
gegenüber in glänjenbem Siebte bleibt. Slber oom Äaifer
beorängt, fafjt ber |>etzog fd)neß feinen ©ntfcblufj. Otto
weilt gerabe auf etnem SReid^Stag in ©peier. ©r fi|t
mit bem böfen ißfaltgrafen in oertrauter Unterhaltung.
3)a tritt ©rnft mit blobem ©cbwert herein. 35er Äaifer
entfommt, aber $einrid) fäßt unter bem tätlichen ©treicb.
@mft wirb nun geächtet.
©S beginnt ein gewaltiger Äampf. 35er Äaifer burdj«
jiebt Sapern raubenb unb plünbernb, ÜtegenSburg, bie
Sauptftabt beS SerzogtumS, mub ficb ergeben, Surgen
io*
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
148
werben ntebergebrodjen. 2)er Sampf jiel)t ftd^ lange bin.
Schließlich fann fid) ©ruft nicht mehr galten, ©r bcfdjliefet
mit einigen ©etreuen außer fianbeS ju gehen: auf eine
Steife, junt ^eiligen ©rabe. $ie SKannen ftimmen bei.
®ie Seiten haben fich gewanbett. Jietridj non Sern
unb ^ilbebranb gingen als Steifen jum tjeibnifc^en
fpunnenfönig unb Ralfen ihm fätnpfen. §e|t unternimmt
ber ©eädjtete eine Sreujfahrt unb ftreitet gegen bie
Ungläubigen. Slber mie einft bie Scannen JietndjS, fo
finb auch bie SßafaUen ©rnftS bereit, SBeib unb Äinfr ju
nerlaffen, if)r fieben aufs Spiel ju fefcen, um ihrer
Pflicht ju genügen. 2)ie Sbeale ber jreue leben noch-
SÖtit 50 feiner Vafatlen, benen fidf noch anbere Stitter
anfdjließen, jief)t ©rnft nach bem heiligen Sanb. Unterwegs
freundlich empfangen, geben fie in Sonftantinopel ju Schiffe.
Stach langen merfwürbigen Irrfahrten, auf benen fidj
©rnftS |elbifc^e Japferfeit unb ebleS, ritterliches SBefen
bemäfjren, fommt er fchließlicf) mit wenigen ©enoffen nach
Serufalem. fiier jeigt er fid) als frommen ©Triften. @r
opfert überall an ben heiligen ©tätten, befchenft bie
Äirdjen reichlich; mehr als ein Saljr färnpft er gegen bie
tpeiben. SEßeit unb breit erjählt man non ihm unb ben
rounberbaren Slbenteuern, bie er beftanben hat.
StlS SafaCen, als ritterlichen gelben, als (S^iriften
läßt ber dichter ben $erjog fi<h glänjenb bewahren.
Stodj er ift, wie Stother etne Soealfigur. lieber begegnet
hier bie Freiheit ber ©ebanfen: ©taatSgefinnung,
SJerfönlicfjfeitSibeat, ©fwfftentum, mit benen fiep auch bie
dichter beS $ilbebranbSliebeS, beS SSalthariuS unb Stother
befchäftigten.
fjür feine eble ©efinnung unb feine eblen laten
erhalt ©ruft fchliefelich ben nerbienten 2ohit. Sluch ju
Otto bringt aus bem SRorgenlanbe bie ftunbe non ben
Slbenteuern unb Jäten beS ©tieffotjnS. Serfähnlichere
©efühle fteigen in feinem ^erjen auf. @r laßt bem
Verbannten fagen, er möge jurücffehren, alles foHe nergeben
unb nergeffen fein.
Jarauf bauenb fommt ©rnft mit feinen fjreunben nadh
®eutfchlanb jurücf. Sei jeber ©elegenheit betont ber
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
149
Sichter mieber feine fromme ©efimtung: überall bejdjeitft
ber #er$og auf ber Steife bie ^eiligen «Stätten.
heimlich gelangt Srnft nach Satjern. Sßeibnadjten
erreicht er Samberg, mo ber Staifer $of t)ä(t. 3 uer ft
menbet er fid) an bie ÜJtutter. Siefe bereitet bie dürften
oor unb ftimmt fie günftig. Of)ne fid) ju erfennen ju
geben, im härenen ©emanbe, merfen ftdj Srnft unb
SBe^el, mie oerabrebet, im Som bei ber ÜDteffe bem
^perrfdjer ju gü&en — biefer meift nicht, mer bie beiben
ftnb. Sie dürften treten binju unb bitten für fie. Oljne
fie m erfennen, begnabiqt fie ber Äaifer, oon ber ©timmunq
beS ergriffen.
Slber bi§ ^utefet bleibt ber Sinter bei feiner ungünftigen
©cfjilberung DttoS. SllS ber Saifer ben ©tieffobn erfennt,
reut if)n baS Serfprecben, baS er ben dürften gegeben.
6r erinnert fid) auch nid)t mef)r baran, bafe er ©rnft
bereits oer$iel)en bat. ®er Unmille, überltftet $u fein,
lä|t feinen 3° nt noch einmal aufflammen. Slber bie
dürften mahnen ibn an baS gegebene Serfpred)en. Dtto
muß nadjgeben. @r Oerföfjnt fid) bann aufrichtig mit
©ruft, gibt ibm feine Sänber jurüd unb oermebrt noch
feinen Sefifc. SaS Serf)ältniS mirb mieber fo, mie eS
einft mar unb bleibt nun ungeftört b er jlitf) bis jum
Sobe. —
Son einem ibealen $reunbeS* unb SreueoerbältniS
beS baberifd)en ^er^ogS $u feinem Lehnsherrn bem
Seutfcben Äaifer gebt ber Siebter aus. SaS SerbältniS
mirb geftört, nicht etma burdb bie ©ebulb beS Safallen,
nicht etma bureb feinen Hochmut ober ^errfchfudbt —
lebtglid) burch bie Stiebertracht eines SerleumberS unb
bie Leicbtgläubigfeit beS ÄaiferS. Sitte ©chulb fällt bamit
auf ben Lehnsherrn. Ser Sichter oerfehlt nicht, ben
,f)errn immer mehr $u belaften, ben ^)er^og immer reiner
unb ebler erfebeinen ju laffen. @S ift mobt nicht ju
^meifeln: er bat ben.©treit ^riebrichS unb ^einrich^ beS
Lömen im ©eifte oor fich- @r ftet)t babei ganj auf
©eiten beS Safallen. ®r manbelt in biefer Schiebung
S33ege, bie auch & er ^ßföffe Samprecht unb ber Serfaffer
ber ©rjählung oom £er$og Slbelger betreten haben. Slber
i
150
feine Stellung junt ©taatsproblem ift ganj anberS. @t
will nicht, tote feine Sorgfinger, ben Slbfatt beS SSafotten
begriinben ober gar rechtfertigen, er bebanert ihn »iet*
mehr. 3m ©runoe fleht er auf aanj bemfelben ©tanb*
punlt wie ber Serfaffer beS SRother. Senn er fchilbert
fchliehlidE) hoch ben ibealen SBafaUen, ber feinem Jpetrn
— wenigftenS folange e8 irgenb möglich ift — 2iebe
unb Steue bewahrt, ber fich nur in ber hödjften Slot,
unter bem Swänge ber 58erf)ältniffe ju Slbfatt unb
SBiberftanb oerfteht. Unb audh ihn» fchwebt als fjöcbfteS
»or ein ^er^ttc^eS ©inbernehmen unb Wedjfelfeitige8
Sreueoerhättni8 bon Saifer unb Safatt. ©in folche8
fdjilbert er im Slnfang, jum ©d)luh fährt er e8
wieber herbei. ÜJian fann wohl fagen: bie Sbeate
ber beiben Sichter finb in allen brei ©tüden —
?ßerfbnlicäljfeitSauffaffung, ©taatägefinnung, ©hriftentum
— faft genau biefeiben, nur bie Slrt ber Sarftettung
wechfelt.
Sem 3beal, ba8 ber Sichter fchilbert, entfprach
bie SBirfiichfeit nicht. @8 blieb nur fein SßunfdE),
bah fie fic| nach feinem Silbe geftalte: bah ber
erjog Heinrich ^anble wie ein echter felbftlofer
afatf, bah ber $aifer wieber ju ihm in baS Ser*
hältnis trete, wie e8 1156—1165 . beftanb. Sa8
©ebicht hnt> glaube ich, auch eine unmittelbare politifche
SlbfiAt.
©8 ift bekanntlich anberS aefommen. Salb fottte
burdfj bie Kämpfe um bie Seutfche Saiferfrone ber alte
SehnSftaat überhaupt jufammenbrechen. Sem oon Heinrich
»ertretenen fßrinjip be8 Sanbe8fürftentum8 gehörte bie
Bufunft. Sa8 3beal be8 2ehn8ftaat8, baS Stother unb
©rnft noch glänjenb fSilbern, oerlor feine Äraft unb
feine Sebeutung. Salb oerfchtoinbet e8 auch nu8 ber
Siteratur. —
2Rit feinen helbif^»ritterlichen, feubalen unb religiöfen
©ebanfen ftettt fich ber „^erjog ©irnft" §um 2Balthariu8,
Sltejanber unb SRother. Slber ber Siebter hängt nicht
mehr auSfdjliehlich an biefen Singen, ©r |ai in bie
Sarftellung oon @mft8 Äreujfahrt eine 3Raffe oon
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
151
SBunber» unb Ubenteuergefdjichten eingefchoben, bie
— ba« ift fe^r bejeidjnenb — mehr als bie $ätfte beS
gonjen ©ebichtS auSmadjeit. Samit tritt etwaS SlteueS
in ben Stoff bet Seutfcgen ^elbenbidjtung Ejit^ein: bie
greube am SButiberbaren unb tßbantaftifchen. Sie war
angeregt burdj bie suneljmenbe Sefanntjdjaft mit bem
5Dtorgentanbe, ba§ bie (SinbitbungSfraft beS SÜBeftenS
immer lebhafter befc|äftigte. 9Kan falj ben Dften im
©tanje ber SDtärdjen oon Saufenb unb eine 9lacht. Unb
wirtlich: bie Ubenteuer beS §erjog (Srnft ftammen j. S. aus
biefer SÖiärchenfammtung, fie entfprechen einer ber Sinbbab*
reifen. Äranicfjhälfe, Sebermeer unb ÜJJagnetberg, ©reifen,
UrimaSpen, Sßtattfüße, Sangohren, ißpgmäen, fananäift^e
liefen unb was es fonft gibt, läßt ber Sichter an unS
oorbeijiehen. (Sr will baS im 12. Safjrfjunbert erwarte
SebiirfniS nach Stoffen, bie bie (SinbitbungSfraft reuen,
beliebigen. (Sr öerfährt nicht anberS, als einige $eit
oot ißm ber (Srjätjler, ber Sampre^tS ©ebicfjt fortfe|te,
im fog. Straßburger Utejranber: ber bietet ber (StnbilbungS*
traft feiner §örer bie wunberbaren (Stlebniffe auf bem
3nbiengug bar.
Uber eS ift bodj ein merflicßer Unterfdfjieb jwifc^en
ber Urt, in ber bie Straßburger Utejanberbicßtung btefe
Singe einführt unb ber, bie wir im |»erjog (Srnft nuben.
3ene orbnet bie SEBunbergef^icßten jum großen Seit in
bie Kämpfe unb $üge beS gelben ein, bie biefer um bie
Sßeltherrfdjaft führt. Sie tjaben nicht fo feljr felbftänbige
Sebeutung atö reiner UnterßattungSftoff, fie gehören
oietmeßr jum politifdjen ©ebanfen ber Sichtung: nämticb
$u ber Ubteßnung ber imperiatiftifcben Seftrebungen unb
3been S3arbatoffa§, bie ber Sßerfaffer oom Stanbpuntt
^riftti'c^»tird^Ii^ier SBeltanfcfjauung oornimmt. Senn
biefe Sritit unb Ubteßnung ift ber §auptgebanfe ber
Straßburger Bearbeitung. Sie SBunberabenteuer fteßen
atfo unter potitifd^er Ubftißt. 3m ßerjog ©rnft tun fie
baS nic^t: mit ben feubal-potitifdjen gbeen beS BerfafferS
hängen fie nicht jufammen.
Senn bet |jetb wirb unfreiwillig in bie fJöDe feiner
fReifeertebniffe hineingejogen. (Sr ift mehr ein leibenber
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
Abenteurer. Sßon bem Suchen beS Abenteuers um
beS Abenteuers mitten, rote es ber höfifche Stoman
fennt ober gar üon ber ißflidjt beS ArtuSritterS jum
Abenteuer ift nodj Jeine Siebe.
Aber bodj melbet fich faft fd^üd^tern bie fünftige
©ntwicJlung an. SJlan überfeine bie bebeutfame ©teile
nicht. ®rnft unb bie ©einen »erben nach fernerer
©eenot junt Sanbe ©rippia üerfdjlagen. ©ie fomnten
bort in bie teere öauptftabt. Stäubern fie fidj mit ©peife
üerforgt, geben jte roieber »eg, wie befonnene gelben,
bie fii| nic^t ogne Slot in ©efahr begeben. Aber als
fie nach bem ©d)iff jurüctgetebrt finb, regt fidb in @rnft
ber reine Abenteurergeift. @S lüftet ihn, jurüdjufehren
unb tofte es, »aS eS wolle, fid) bie ©tabt näher an*
jufehen. ©ein gteunb 3Be|el geht mit. Sie Sache hat
gar feinen ßroed — es ift eben reine ^reube am
Abenteuer um beS Abenteuers Witten. Sie greunbe
befteben bann einen fchweren Äampf unb retten fich mit
genauer Slot.
Sloch anbere ÜJlotioe weifen nach üorroärtS. ©ie
jeigen, ba§ fich bie Stimmung ber 3eit üon ben alten
Problemen abwenbet. ©rnft unterftüfct ben fiönig ber
AtimaSpen gegen bie ißlattfüjje, fo bafj er fiegt. Safür
üerleibt ihm ber ßönig ein ^erjogtum. Srnft über*
nimmt bie Slegierung baüon unb herrfcfit bort als frei*
gebiger ßerr. AtteS ruft ihn ju §ilfe unb er hilft
bereitwillig. @S ift bie ©efdpcbte beS Abenteurers, ber
auS bem politischen SJerbanbe feiner §eimat gefdjieben,
an* frei auf fi* fetbft fteht, nur burdi feine Äraft im
v # t f ^ f ^ | y p f ^ m
MVwJ<r?T«*«rrnn m m> w.Tn, m m itzt,. w.iii
tritt. Sie ©rünbung ber chriftlidjen ßerrfchaften im
SJlorgentanbe bürfte ben gefihichtlidhen ^intergrunb ju
biefen bichterifdhen ©chilberungen gegeben haben. Ser
höfifcheiftoman wirb baS SJlotiü fdjliefilich rein romantifch,
ohne jeben ßufammenhang mit Politiken Angelegenheiten
ber ßeimat, barftetten.
©nblidf) ftettt baS ©ebicht ben Abenteurer, ber in ber
grernbe ein ^erjogtum gewonnen hat, als Vertreter
überlegener Äultur hin. fyaft wie ein SBefen aus höherer
Digitized by
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
158
SBelt ragt ©ruft hinein in bie, SBelt ber ©eltfamfeiten,
erfüllt üon bern ©efühl feiner Überlegenheit. ®r fc^ü^t
bie Stoerge 0 e 9 en bit Kraniche, bie SlrimaSpen gegen
bie Miefen, ben Äönig t>on ÜKorlanb gegen ben oon
Sabßlonia. SllleS ift ihm banfbar für feine toirffame
§ilfe. feiner ttnrb ber SlrtuSroman biefeö äJiotiö
auSbilben.
Stuch im Sönig Mother metbet fidh fchon bie neue
ßeit: bie höfif- rxtterlidEje ©efeUfcfjaft mit ihren Sbealen
ber hövescheit, mit threr SSorliebe für Singelegen**
heiten ber Siebe unb ihrer ^ochfdhäßung ber Same,
mit ihrer ©egenüberfteöung oon roher Matur unb
gefeüfchaftticher ©efittuug h a t bie Sarfteßung merflid)
beeinflußt. ©3 ift bie Madjmirfung beS bß^antinifchen
©influffeS unb beS jtoeiten ÄreuäjugS. 3m ©rnft
fünbigt fidh ber anbere Seftanbteil beS mobernen SBefenS,
ber romantifche Slbenteurergeift, leife an, ber nach bem
britten Sreu^ug in ber Seutfdjen Sichtung mächtig
herborbricht. —
©3 fommt bie ßeit, mo fich bie enählenbe Sichtung
S biefen neuen romantifdjen Problemen, ©efittung,
% Slbenteuer, mit ihrer ganjen unpolitischen Slrt m*
menben toirb, mo bie Probleme ber öafaßität, bie feit
bem achten Sahrhunbert ba$ 3ntereffe ber bornehmen
SBelt gefunben hatten, aus ber Siteratur berfchtoinben,
famt bem Sbeale h arten unb ftarfen MecfentumS unb
ftreng firchlich* frommer ©efinnung. Segretflich. Senn
unaufhaltfam botfyog fidh in ben leßten «Seiten beS
jmölften unb Slnfana beS breijehnten Sahv.hunbertS
bie ßerfefcung be$ yfeubalftaatS unb ber Übergang
^um Serritorialfhftem. Sie alte ©taatSgefinnung ber
fürftlidjen Greife, bie 9Jiamten treue, baS innere Sanb
eines mefentlichen SeftanbteilS beS alten MetcßeS, berlor
bamit feinen SBert unb feine SlnjiehungSfraft auf bie
Sichtung.
Slber bie alten 3beale erlebten eine Sluferftehuug.
Micßt um ein ßolititfdheS ©hftem, toaS bößig ins
SBanfen geraten toar, innerli^ neu ju ftüßen, toohl
aber um fich bem nun unaufhaltfam h^inbrechenben
Digitized by Google
Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
154
unb aHe$ auflöfettbeit ©eifte beS ©ub|eltioi3mu$ unb
3nbtoibualiSma$ ber Ijöfifdf)«-ritterlichen ©efeUfdjaft öorn
dnbe be3 atoölften 3afyri)unbert$ entgegen $u merfen.
$a8 gefdjieljt im Siibelungentiebe, einer $id)tung,
bie iljrem ©ebanfengefyalt nad) mit ÄleiftS $rinj
non fiomburg oergftdjen toerben barf. 9lber um fie ju
oerfteljen, rnufc toeiter au8gef)oIt merben.
®rud oott Aarrad, Äröber & SRtetfd&mann in $aBe (Saale).
Digitized by
Google -
r *, 1 Original from
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
4
Original frorn
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
THIS BOOK IS DUE ON THE LAST DATE
STAMPED BELOW
AN INITIAL FINE OF 25 CENTS
WILL BE ASSESSED FOR FAILURE TO RETURN THIS BOOK
ON THE DATE DUE. THE PENALTY WILL INCREASE TO
50 CENTS ON THE FOURTH DAY AND TO $1.00 ON THE
SEVENTH DAY OVERDUE.
Book Slip—20w-3,’60 (A9205s4)458
OrAgiflaLfroi
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
mmMr ■ H
- -* **
,~\t
rx\